Review

Chrom und Stahl, die in der Sonne blitzen; zwei große Motorräder und endlose Straßen. So definieren Peter Fonda und Dennis Hopper als Wyatt und Billy die Freiheit im krisengeschüttelten Amerika des Jahres 1969. Ihr Film "Easy Rider" wurde zur Hymne einer ganzen Generation von der Gesellschaft und ihren strengen

Sittengesetzen enttäuschter junger Männer und Frauen. Denn dieser Film bildet einen extrem aussagekräftigen Querschnitt durch die amerikanische Bevölkerung und ihre Lebensweisen: Von ganzen Familien, die sich in Kommunen irgendwo in der Wüste zurückgezogen haben, über homophobe Dorfbewohner, rassistische Polizisten, lebenslustige Prostituierte und tolerante Bauern bis hin zu Wyatt und Billy - zwei Hippies, die sich mit Geld und Joints auf den Weg nach New Orleans machen, um das Mardi Gras mitzuerleben.

Bedenkt man die teils chaotischen Zustände, unter denen "Easy Rider" entstand, ist es erstaunlich, welch künstlerische Qualität das Endprodukt erreicht: Hopper war während der Dreharbeiten oft tatsächlich auf Drogen, viele Dialoge entstanden rein improvisiert und die Lichteffekte der bizarren Rauschszene am Ende des Films
stammen daher, dass die Filmdose versehentlich geöffnet wurde.

Dennoch gehört der Film zu den wichtigsten und einflussreichsten Werken der Kinogeschichte. Nicht nur der politische Hintergrund, vor dem er in die Kinos kam (ein von Gewalt, Demonstrationen, dem brutalen Durchgriff der Polizei und Sittenwächter und einem desaströsen Vietnamkrieg zerrüttetes Land), macht ihn zu etwas Besonderem. "Easy Rider" ist ein künstlerisch wertvoller Film über die Grundsatzprobleme des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten: Was bedeutet Freiheit? Wie kann man sie erreichen? Und warum gibt es so viele Menschen, die es anderen nicht gönnen, auf ihre eigene Weise frei zu sein? Diesen Fragen gehen Fonda und Hopper in schlichten, aber scharfen Bildern nach und rebellieren schon in der Anfangssequenz gegen übliche Kinokonventionen: Sie zeigen die Haupthelden beim Kaufen und Verticken von Drogen, als wäre es das Natürlichste von der Welt; und indem sie den Stoff an den dekadenten Besitzer eines Rolls-Royce verkaufen, ziehen sie die so genannte bessere Gesellschaft auf eine Stufe mit sich selbst, wenn nicht gar auf keine niedrigere.

Doch auch formal distanziert sich der Film vom üblichen Hollywood-Kino: Die aufdringliche Geräuschkulisse am Anfang, die wilde, aber konsequente Schnitttechnik; dazu fängt die Kamera die Natur ebenso wie die Stadt New Orleans in traumhaft schönen Bildern ein. Auch die Musik - als Beispiel sei hier nur der Kultsong "Born to be wild" von Steppenwolf genannt - begeistert und transportiert in jeder Textzeile das Lebensgefühl der 68er-Generation mit sich. Und nicht zuletzt überrascht der Film in seinen ruhigen Passagen mit einem feinen Gespür für zwischenmenschliche Töne.

Eine wirkliche Story im klassischen Sinne sucht man hier vergebens. Doch darum geht es auch nicht; es geht um die Vermittlung einer Stimmung, wie sie sich aus einem von Gesetzen und Normvorstellungen derart gesteuerten Land beinahe zwingend herausbilden musste. Dazu passt auch das schockierende Knalleffekt-Finale, das völlig unvorbereitet über den Zuschauer hereinbricht. "Easy Rider" ist ein Kultfilm, der bis heute nichts von seiner Kraft und Emotionalität verloren hat und der auch heutigen jungen Menschen ein Beispiel dafür sein sollte, wie wichtig es ist, für individuelle Freiheit zu kämpfen.

Details
Ähnliche Filme