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Seltsamerweise blieb der englische Titel "Heat" auch in der deutschen Version erhalten, obwohl er leicht hätte übersetzt werden können. Vielleicht hatte der deutsche Verleih den Eindruck, dass "Hitze" oder ein verwandtes Wort völlig unpassend für Michael Manns Film gewesen wären, weshalb sie lieber beim dezenteren "Heat" blieben - nur, liegt der Originaltitel nicht ebenso daneben?

Angesichts einer Inszenierung, die ihr ruhiges Tempo durchgehend beibehält, lange Kameraeinstellungen wählt und selbst während des stärksten Kugelhagels noch unterkühlt wirkt, scheint jede Art von Hitzigkeit, nicht nur im Temperament, sondern besonders im Sinn von Kontrollverlust oder Überreaktion, weit entfernt - und führt unmittelbar zu den zwei Protagonisten - Vincent Hanna (Al Pacino) und Neil McCauley (Robert De Niro). Diese werden im allgemeinen Sprachgebrauch gerne als "Vollprofis" bezeichnet (wobei die Steigerung zum "Profi" meist durch das Attribut "knallhart" definiert wird), eine Bezeichnung, die fehlende Kontrolle von vornherein ausschließt.

Durch Michael Manns Wahl, Al Pacino und Robert De Niro in diesen beiden Rollen zu besetzen - beide befanden sich Mitte der 90er Jahre im Hoch ihrer Popularität - konnte dieses Missverständnis entstehen, dass sich seitdem ebenso hartnäckig hält, wie die Interpretation ihrer Begegnung als "Duell" zwischen zwei charakterlich ähnlichen Männern, die nur auf verschiedenen Seiten stehen. Als autoritäre, fähige Anführer zweier konkurrierender Gruppierungen - hier die Mordabteilung der Polizei von Los Angeles, dort eine akribisch vorgehende Gangsterbande - scheinen die Grenzen klar gezogen, wirken die Rollen verteilt.

Michael Mann müsste beleidigt sein, angesichts dieser Fehlinterpretation, die sich nur an Äußerlichkeiten orientiert, denn unter dem Deckmäntelchen des Professionalismus, brodelt es, ist nichts wirklich sicher und werden sämtliche Protagonisten nur davon getrieben, irgendwie die Kontrolle über ihr Leben zu behalten. So souverän De Niro und Pacino auftreten, so wenig sind sie letztlich in der Lage, die Dinge in ihrem Sinn zu beeinflussen. Besser als mit "Heat" hätte Mann seinen Film nicht benennen können, denn man spürt während der gesamten Laufzeit des Films, bei allen Beteiligten unter der kühlen Oberfläche eine unterschwellige Hitze, eine undefinierbare Unzufriedenheit, die sie vorantreibt und nie zu wirklicher Ruhe oder gar Befriedigung kommen lässt. Was Mann hier abliefert, ist weniger ein Gangsterdrama, als viel mehr ein ausgeklügeltes Moralstück.

Dass die Gang um Neil, bestehend aus Chris (Val Kilmer), Michael Cheritto (Tom Sizemore) und Trejo (Danny Trejo) schon lange erfolgreich zusammen arbeitet, ist anzunehmen. Im Film selbst kann man das nur erahnen, denn gleich zu Beginn begeht Neil seinen schwersten Fehler - er holt sich Waingro (Kevin Gage) mit an Bord für den Überfall auf einen Transporter. Zuerst ist es schwer vorstellbar, dass ausgerechnet Neil nicht erkannt haben soll, um welch unsicheren Kandidaten es sich bei diesem handelte, der prompt das ganze Unternehmen gefährdet, aber mit der Zeit erweist er sich immer mehr als sozialer Krüppel. Besonders die Szenen mit Eady (Amy Brennemann) sind fast unerträglich in ihrem krampfhaften Versuch, gegenseitige Nähe herzustellen.

Aber auch sein Umgang mit den Freunden wird vor allem durch Korrektheit und klare Regeln geprägt, nie durch das echte Zulassen von Emotionalität, weshalb er letztlich für den Tod einiger von ihnen verantwortlich ist, weil er im entscheidenden Moment nicht spürt, welchen Rat sie von ihm, den sie als Autorität anerkennen, wirklich brauchen. Michael Mann gelingt in dieser Figur die innere Demontage des Profis, ohne diesem seine äußerlichen Fähigkeiten zu nehmen. Neil's scheinbar so souveräner Spruch, im entscheidenden Moment alles sofort hinter sich lassen zu können, ist nichts anderes als die Flucht vor der Emotionalität. Er scheitert letztlich daran, seine eigenen Regeln einhalten zu müssen, anstatt sich auf eine Beziehung mit einer Frau einzulassen - eine wunderbare Umkehrung eines klassischen Motivs, denn meist scheitert der Held an der Liebe zu einer Frau - was ihm zwar Sympathien einbringt, nicht aber ein emotionales Glücksgefühl, wie Mann es Chris zum Schluss noch gönnt.

Al Pacinos Rolle als Polizist Vincent Hanna ist dagegen deutlich eindimensionaler, denn in dieser Tätigkeit erweist er sich zwar als intelligent und härteren Methoden nicht ganz abgeneigt, aber keineswegs ambivalent in seiner Rechtsauffassung. Tiefe bekommt seine Figur durch das Zusammenspiel mit seiner Frau Justine (Diane Venora) und deren Tochter (Natalie Portman), denn Pacino' s Vincent Hanna erweist sich hier als das genaue Gegenteil zu De Niro' s McCauley. Hanna hat keine Probleme mit Emotionen, sondern spielt geradezu genial auf der Klaviatur der psychischen Beeinflussung. Im Gegensatz zum korrekten und pedantischen Gangster, der nur zweckmäßig zur Waffe greift, lebt Hanna sich jederzeit aus und erweist sich als ausgemachter Egoist. So sehr er die Menschen um sich herum verführt, so wenig braucht er sie, doch damit verliert er letztlich auch die Kontrolle über die, die ihm am nächsten sind. Die Tragik der Begegnung zwischen Hanna und McCauley, liegt darin, dass ihr Gegenüber jeweils über Eigenschaften verfügt, die ihnen selbst fehlen. Es ist nur konsequent, dass der Rücksichtslosere, der Spontanere übrig bleibt, aber das sagt nichts darüber aus, wessen Position die bessere ist.

Um den Freiraum für diese Konstellation zu erhalten, auch, um Sympathien für zwei Männer zu erzeugen, die sich nicht sofort dafür aufdrängen, greift Mann zu einem klassischen Mittel - er lässt ein paar wirklich miese Figuren auftreten. Vor allem Waingro zieht hier alle Register als verschlagener, kranker Mörder, aber auch William Fichtner als glatter Geschäftsmann, der seine kriminellen Machenschaften unter einer bürgerlichen Fassade verbirgt, gibt hier einen solch ängstlichen, arroganten Typen ab, dass man die ehrlichen Gangster mögen muss, auch wenn sie den einen oder anderen Polizisten erschießen. Michael Mann verschiebt damit die moralische Skala ein wenig weiter nach unten, so das "Heat" zu einem wunderbar erzählten Stück über die menschliche Sozialisation wird, das seine Spannung weniger durch vordergründige Action, als durch die vielen unterschwelligen Nuancen in der Interaktion erhält (9,5/10).

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