"Ein Furz löst bei denen gleich nen Orkan aus."
Neil McCauley (Robert De Niro) plant seine Raubüberfälle in Los Angeles bis ins kleinste Detail und führt sie dann präzise mit seiner Gang, bestehend aus Chris Shiherlis (Val Kilmer), Trejo (Danny Trejo) und Michael Cheritto (Tom Sizemore), aus. Als ein Banküberfall allerdings gewaltsam aus dem Ruder läuft, ermittelt der ehrgeizige LAPD-Lieutnant Vincent Hanna (Al Pacino) gegen die Gang. Der bereits zum dritten Mal verheiratete Cop setzt durch seine fanatischen Ermittlungen das Verhältnis zu seiner Ehefrau Justine (Diane Venora) und der pubertierenden Stieftochter Lauren Gustafson (Natalie Portman) aufs Spiel. Zunächst führen die ständigen Überwachungen allerdings zu keinen Erfolgen. Trotz dem mittlerweile angehäuften Reichtum, der kürzlich aufgenommenen Liebesbeziehung zur Designerin Eady (Amy Brenneman) und dem Wissen über die Beschattung des LAPD-Lieutnant plant McCauley noch einen letzten Überfall auf eine Bank, bevor er sich mit seiner Freundin nach Neuseeland absetzen will.
Mit "Heat" liefert Michael Mann ("Der letzte Mohikaner") sein persönliches Meisterwerk ab. Bereits zuvor sammelte der Regisseur mit ähnlichen Actionthrillern Erfahrung. Keines seiner Werke zuvor enthält allerdings eine so perfekte Komposition aus authentischer Handlung, greifbaren Charakteren und heftigen Schießereien, sowie einem hochkarätigen Cast, dessen Führung durch Al Pacino ("Scarface") und Robert De Niro ("Es war einmal in Amerika") so bislang einzigartig ist.
Die Handlung basiert auf einem tatsächlichen Fall. Im Jahre 1962 plante Neil McCauley nach einer gewissenhaft abgesessenen Haftstrafe einen Raubüberfall. Der Cop Chuck Adamson war ihm auf der Schliche. Aber immer war McCauley ihm einen Schritt voraus und ließ sich jede Spur von Vorbereitung nicht anmerken. Schliesslich ging es Adamson nur noch darum den Verbrecher zu verstehen. Eines Tages saßen sich beide bei einer Tasse Kaffee in einem Diner gegenüber und sprachen miteinander.
Genau dieser Moment erweist sich in "Heat" als der hypnotisierendste. Die Gegenüberstellung der beiden schwergewichtigen Charakterdarsteller Al Pacino und Robert De Niro wird für Cineasten ein einmaliger Augenblick der 90er, obwohl das Gespräch nur über ihre Berufung und den jeweiligen Lebensstand verläuft. Die Erkenntnis ist jedoch beklemmend und dies ist, was den Actionthriller aus Vergleichbaren hervor hebt. Beide sehen ihre funktionelle Arbeit als schicksalhafte Obsession, die sie niemals aufgeben würden. Selbst dann nicht, wenn ihnen der Boden zu heiß wird. Beide Charaktere haben aufgrund ihrer Seelenverwandtschaft einen instinktiven Draht zueinander. Und beide wissen, dass irgendwann der Moment kommt, in dem nur einer das Feld verlässt.
"Heat" nimmt sich enorm viel Zeit für seine Charaktere, präsentiert diese anhand von alltäglichen Ereignissen und einer glaubwürdigen Beziehungsstruktur authentisch. Die Welt der Verbrecher zeichnet der Actionthriller nicht durch verkommene Verhältnisse, weder sozial noch materiell. Fast jede männliche Figur hat eine Frau an der Seite und immer anders, aber individuell prägend, ist das Verhältnis. Einen großen Teil der Laufzeit nimmt der Aufbau dieser Struktur ein. Folglich sind ein paar Längen spürbar.
Zunächst sind die vielen verschiedenen Handlungsstränge nicht schlüssig einzuordnen. Michael Mann beginnt den Film bereits ohne eine wirkliche Einführung, schaltet scheinbar unzusammenhängend zwischen mehreren Personen hin und her. Jede erzählte Kleinigkeit führt aber wieder zum Kern des Filmes zurück und gibt im Nachhinein einen Sinn.
Die Komplexität von "Heat" entsteht durch die dramatischen Inhalte. Actionsequenzen nehmen einen nur kleinen Teil der langen Laufzeit in Anspruch. Gerade mal drei von diesen lockern den Film direkt zu Beginn, im fortgeschrittenen mittleren Teil sowie zum Finale auf, und punkten durch ungeheure Authentizität. Insbesonders eine Schießerei nach einem Banküberfall enthält eine enorme Intensität. Michael Mann verwendet dabei ohrenbetäubende Geräuschkulisse und effektives Bildgewitter zugleich.
Die Besetzung ist fast durchgehend namhaft und zeigt sich von ihren guten Seiten. Primär haftet die Kamera an den bereits erwähnten Hauptdarstellern Al Pacino und Robert De Niro, die zu jeder Zeit eine glanzvolle Leistung bieten. Abseits von ihnen kommen diverse Nebendarsteller ein wenig kurz. Mehr Präsenz wäre besonders von Danny Trejo ("Desperado") sowie Natalie Portman ("V wie Vendetta") wünschenswert gewesen. Erfreulich dafür ist, dass Val Kilmer ("Willow") erstaunlich gut mit seiner recht komplexen Figur zurecht kommt. Ebenso erwähnenswert sind Tom Sizemore ("Der Soldat James Ryan"), Ashley Judd ("Doppelmord"), Diane Venora ("Mörderischer Tausch") und Amy Brenneman ("Daylight"), denen für ihre Nebenrollen enorm viel Substanz eingeräumt wurde. Einziger Schwachpunkt bleiben Jon Voight ("Mission: Impossible") sowie William Fichtner ("Equilibrium"), deren Charaktere recht blass bleiben.
Gewürzt mit trockenem Humor erweist sich "Heat" als die Referenz in Sachen Actionthriller mit Priorität auf Charakterentwicklung und Erzählstruktur. Ein paar Szenen sind etwas mühsam und nicht direkt verständlich, lösen sich aber mit zunehmender Laufzeit auf. Bis auf abzählbare Ausnahmen sind die Leistungen der Darsteller beeindruckend, insbesonders das hitzige Duell der beiden Hauptdarsteller. Ein wenig schmerzlich ist die recht übersichtliche Anzahl der Actionszenen, die Michael Mann brachial und bodenständig inszeniert. Knappe...
9 / 10