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Das ewige Spiel "gut gegen böse", der ewige Schauplatz L.A. Was nach einem alten Hut klingt, erreich in "Heat" seine Perfektion. Dieser Film ist der Maßstab der Dinge, das Meisterwerk des Genres. Und der wohl beste und perfektest inszenierte Film, bei dem die Grenzen zwischen gut und böse verschwinden, sich vermischen und stellenweise sogar umkehren.

Der große Meister der gestenreichen und ausdrucksstarken Theatermimik Al Pacino spiel Vincent Hanna, ein Cop, dessen nächster Schachzug zum Lebensinhalt wird: die Bande um Neil McCauley (Robert DeNiro) dingfest zu machen. Dabei geht er rücksichtslos und brutal vor, nicht nur im Berufsleben, sondern vor allem auch im Privatleben. Selten zeichnet ein Film so deutlich die Charaktere, entwickelt sie so ausgiebig wie hier. Schnell wird uns der eigentlich "gute" Cop unsympathisch gemacht, wir beginnen mit DeNiro zu sympathisieren. Er arbeitet leise, mit den kleinen Gesten, es ist der Blick, das bedacht beherrschte Lächeln, die Augen, mit denen die Psyche der Figur spürbar wird. Und es ist die erstaunliche Moral der Gangsterbande, das saubere Arbeiten, die uns die Figuren liebenswert erscheinen lassen.

Werfen wir einen Blick auf das private Umfeld der beiden großen "Parteien". Auf der einen Seite wird uns hier Hanna präsentiert. Zum dritten Mal verheiratet, dessen Frau Justine ein Kind aus vorangegangener Ehe mitbringt, mitten in der Pubertät. Bezeichnend ist schon zu Beginn des Films der Kommentar Hannas über den Vater seiner Stieftochter: "Was für ein Arschloch, weiß er überhaupt was er ihr damit antut?" als dieser seine Tochter einfach vergisst und sitzen lässt. Selber macht er genau das gleiche - mit seiner Frau. Er lässt diese links liegen, läßt sie nicht an seinem Leben teilhaben aus falscher Rücksichtnahme und treibt sie so in psychische Probleme, die sich in Tablettensucht und der Suche nach ausserehelichem Glück in einer Affäre widerspiegelt. Seine Stieftochter letztlich bricht an der Gefühlskälte genauso verzweifelt und wählt den Suizid. Dieser Cop ist so menschlich voller Fehler, wie es in der Realität wohl öfters der Fall ist als uns Hollywood in ähnlichen Filmen bislang verkaufen wollte. Kann so ein Mann also "das Gute" verkörpern?

Auf der anderen Seite haben wir die klassischen Vertreter "des Bösen". Eine Bande Verbrecher unter der Führung McCauleys, die zwar ihr Geld nicht redlich verdienen, aber alte Tugenden wie Ehre, Moral, Anstand und Freundschaft hochhält. Auch die privaten Beziehungen werden uns hier in gänzlich anderem Licht präsentiert: romantisch, einfühlsam, ehrlich - in besonderem Maße in der Beziehung McCauleys zu Edy, einer jungen Frau die sich in ihn verliebt. Hier wird das Soziale fast liebenswert dargestellt, interessant, voller Treue und Gespräche, fast ein Vorbild für Romantiker. McCauley zeigt Herz, auch wenn es um die Beziehungskrise bei seinem Freund Chris geht: er vermittelt, steht ihm bei. Dabei behält er immer die Oberhand. In keiner Sekunde lässt er Zweifel daran aufkommen, daß er der Chef ist. Er behält die Zügel in der Hand, er kontrolliert, bestimmt, im Job wie im Privatleben, auch bei seinen Freunden.

Perfekt und ohne Spuren zu hinterlassen führen sie ihre Coups durch, McCauley wird von Hanna geradzu verehrt als Gott der Unterwelt ("der hats voll drauf"), es baut sich eine Beziehung zwischen diesen beiden Männern auf zwischen Hass und gegenseitigem Respekt.

Die eigentliche Handlung, die Story, ist einfach allererster Güte, die Länge des Films angemessen und lässt dadurch genügend Platz für ausführliche Charakterstudien zu ohne dabei langweilig zu werden, selbst während ruhigerer Phasen sinkt die Spannung nicht ab und baut sich kontinuierlich auf. Doch die Handlung ist nicht das einzig spannende an diesem Film, interessant sind die Psychologien der Figuren, das Zusammenspiel.

Zahlreiche Nebencharaktere runden das Bild ab, jeder einzelne so interessant wie der ganze Film, wie die großen Rollen. Da haben wir den Chef der Burgerbude, der den schwarzen Ex-Sträfling erpresst, ein Viertel seines Lohnes kassiert und ihn nur Schmutzarbeit machen lässt ("für das was der macht bin ich früher im Knast gesessen"). Oder Edy, die junge Geliebte des kalten distanzierten McCauleys, zart, romantisch, voller Träume, verletzlich, natürlich wirkend, warmherzig, ein Ausgleich zu den kalten Figuren.

Unbestritten hat dieser Film zwei große Szenen, die wir in keinem anderen Film so genial sehen durften. Erstens das Zusammentreffen der beiden großen Kontrahenten im Cafe. Beide stellen Ähnlichkeiten und Parallelen fest: Ihr konsequentes Festhalten am Job, die knallharte Zielverfolgung ohne Rücksicht auf Verluste im Privatleben, den Respekt vor dem Gegner, das Wissen daß nur einer der beiden überleben wird, und das nicht mal als Sieger. Beide sitzen festgenagelt in ihrer Rolle, uns wird bewußt gezeigt: sie können nicht anders, sie sind so wie sie sind - "Ich habe nichts anderes gelernt." - "Ich auch nicht." Zum zweiten haben wir das Ende des geplanten Banküberfalls, der in der am realistischsten dargestellten und längsten Schießerei der Filmgeschichte endet.

Heat ist ein Film, den man gesehen haben muß. Beide Hauptcharaktere sind perfekt besetzt und im Umkehrschluß beidemale die Paraderollen der Schauspieler. Nie haben wir Al Pacino oder Robert DeNiro in passenderen Rollen gesehen. Vincent Hanna und Neil McCauley sind zwei Charaktere, die beiden Schauspielern maßgeschneidert wurden. (10/10)

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