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Vor wenigen Tagen sah ich David Finchers THE KILLER im Heimkino, da hat die x-te Sichtung von HEAT gut dazu gepasst. Hier ein lässig-stylischer Cop vs. Thugs-Film, der nichts Neues erfindet, dabei trotzdem längst Klassikerstatus erlangt hat, und mit ganz großartigen Schauspielern prunkt; dort der düster-egozentrische Killerfilm mit einem erstklassigen Hauptdarsteller und einer Narration wie sie nicht alle Tage zu sehen bzw. zu hören ist. Aber sonst scheinen die beiden Filme auf den ersten Blick nicht viel gemein zu haben. Oder doch?

In HEAT beobachten wir eine Gruppe Gangster, die ihre Jobs perfekt plant, minutiös und bis ins kleinste Detail durchstrukturiert, und dabei höchstens durch den Faktor Mensch zum Improvisieren gezwungen wird. Das ist die eine Seite der Medaille, die andere Seite ist der sie verfolgende Polizist, der kaum ein Privatleben hat, der die bösen Buben auch mitten in der Nacht per Hubschrauber verfolgt und selbst nach Tagen der vergeblichen Observation noch geradeaus gehen und messerscharf kombinieren kann. Hier wie da sind Profis am Werk. Getriebene, die außer ihrer Arbeit nichts kennen. Die wenigen Momente zwischenmenschlicher Vergnügen sind selten, und arten entsprechend oft genug in Konflikten aus. Diese Männer sind nicht dazu geboren Beziehungen zu führen, die auf Liebe und Zuneigung zu einem anderen, komplexen, Menschen basieren. Diese Männer führen Beziehungen innerhalb der sie umgebenden Gruppe: Das eigene Gangmitglied ist nach den vielen gemeinsamen Jahren im Knast längst zu einem Teil des eigenen Ich geworden, und die Männer der Polizeieinheit sind sowieso ein verschworenes Wir, das einen gemeinsamen Feind hat, und das auch tagelange gemeinsame Schichten durchführen kann, ohne dass die Nerven blank liegen. Man hat ja sich.
Die Ähnlichkeiten zu THE KILLER liegen auf der Hand: Auch Michael Fassbenders Figur hat sich selbst, und findet in der eigenen Person die Stärke und den Rückhalt, den Otto Normalverbraucher in der Beziehung zu einem anderen Menschen findet. Ich gegen 8 Milliarden andere heißt das Motto und das ist bei den Figuren Michael Manns, dem Gangster Neil McCauley und dem LAPD-Lieutenant Vincent Hanna nicht anders. Hanna präferiert im Zweifelsfall einen Fernseher gegenüber seiner dritten Ehefrau, McCauley führt lieber eine Rache aus als mit der Geliebten gen Karibik zu entfliehen, und Fassbenders namenloser Killer hat außer seinem Touristenhütchen sowieso nichts, das ihn noch irgendwie an die Welt der Normalos bindet. Szenarien, so richtig für Fans des Gangsterfilms gemacht.

Ausgestoßene auf allen Seiten also, die sich durch anonyme Straßen von anonymen Städten treiben lassen, immer mit dem Blick nach vorne und hinten gleichzeitig, sich absichernd, die Umgebung abschätzend, irgendwo könnte ja ein Cop ein Gangster ein Killer ein Störfaktor sein, immer mit einer Hand in der Nähe der Waffe, und immer in sich ruhend und doch gleichzeitig hochgradig nervös. Männer, deren Selbstvertrauen darauf basiert, dass sie immer alles richtig machen: Lt. Hanna hat schon viele ganz schwere Jungs festgenommen, auch die Fälle die sonst keiner hinbekommen hat. McCauley weiß, dass seine Pläne perfekt sind, und nur die menschliche Unsicherheit in den Griff bekommen werden muss, und Fassbender weiß ebenfalls dass er immer trifft und niemals Fehler macht. Gerade das strukturierte Vorgehen Fassbenders und McCauleys ist einander sehr ähnlich, und hat starke Übereinstimmung mit dem, was im modernen Geschäftsleben im Projektmanagement verlangt wird: Sehr weites Vorausschauen, einplanen aller Eventualitäten, Improvisationsfähigkeit, Selbstsicherheit, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie das Wissen, gegebenenfalls selber Hand anlegen zu können.

HEAT, um endlich zum Thema zu kommen, packt diese Fähigkeiten in betörend kalte Bilder, die das Leben der Protagonisten perfekt bebildern. Die Straßen sind austauschbar, die Wohnungseinrichtungen entweder kühl-elegant (Hanna) oder gleich gar nicht vorhanden (McCauley), die Seelenzustände sind den Bildern angeglichen. Inmitten einer Parallelwelt findet eine Jagd nach motivistischen Gegenständen statt (die einen jagen Geld, die anderen Gangster, und beides sind in diesem Augenblick völlig von der Realität losgelöste Begriffe), und diese uns fremde Welt schnappt nur dann nach der uns vertrauten Welt, wenn Not am Mann ist. Der Gangster, der auf der Flucht ein kleines Mädchen als Geisel nimmt. Die Geliebte, die sich als Klotz am Bein erweist. Oder als Rettung in der Not. Die Tochter, die mit durchtrennten Arterien in der Badewanne des Hotelzimmers liegt. Ausnahmezustände einer ansonsten gut strukturierten und wohlanständig gefächerten Welt. Wenn sich McCauley und Hanna zu einem Kaffee treffen und sich unterhalten, eine damals sensationelle Szene, brachte sie doch die beiden Ausnahmeschauspieler Al Pacino und Robert De Niro das erste Mal zusammen, dann erkennen die beiden schnell, dass sie in einem anderen Leben sicher hätten Freunde werden können. Dass sie sich sehr ähnlich sind in ihrer Getriebenheit, ihrer Ablehnung des bürgerlichen Lebens, aber auch in ihrer Professionalität. Ein leises, gerade nur angehaucht spürbares Lächeln durchzieht dieses Gespräch, und eine feine Wehmut weht durch die nüchternen Bilder. Was wäre wenn …

Das heißt, so nüchtern sind die Bilder oft gar nicht. Michael Mann zeigt ein Bild von Los Angeles, das oft genug aus kaum beleuchteten Straßen und düsteren Gebäuden besteht, das zwar aus vielen anderen Filmen über LA. bekannt ist, aber selten so stylisch in Szene gesetzt wird. Die Figuren sind immer wieder in den Hügeln über dem Häusermeer, genießen den Nachtwind und die umwerfende Aussicht über die riesige Lichterfläche, die Möglichkeit aus dem Gestank des Molochs Stadt einmal herauszukommen. McCauley hat sich sein leeres Haus am Meer gemietet, seine Freundin lebt irgendwo außerhalb in den Hügeln. Beide weit weg von der Gewalt und dem Dreck, während Hanna anscheinend zwar mitten in der Stadt lebt, aber in einem durchdesignten und wie eine Kulisse wirkenden Haus, passend zu der Kulisse die seine durchdesignte Ehe darstellt. Mit South Central, Watts und Echo Park hat diese Welt nicht mehr das geringste zu tun, es ist eine künstliche Welt, die das Alltags-L.A. bewusst ausschließt. 

Abseits dieser starken Bebilderungen neigt Michael Mann dann des Öfteren leider zum Pathos, schwelgt die Musik gerne auch mal in pathetischem Kitsch, was der eigentlich geradlinig durchgezogenen Geschichte eine unangenehme Blockbuster-Mentalität an die Seite stellt, die sie eigentlich gar nicht benötigt. Ein Seitenblick zu David Fincher zeigt, dass gutes Thrillerkino auch ohne dieses Pathos funktioniert, aber Mann hat diesen Hang nun einmal, und als Zuschauer muss man damit umgehen können. DER LETZTE MOHIKANER, 3 Jahre früher entstanden, hat dieses Pathos ebenfalls, wobei es dort aber erheblich besser an die Geschichte angepasst ist und den Zuschauer geschickt emotionalisiert. Bei HEAT wollen großartige Gefühle und knüppelharte Gangster nicht in jedem Moment so recht zueinanderpassen.

Das ist aber das berühmte Gemecker auf sehr hohem Niveau und ändert nichts daran, dass HEAT Gangsterkino par Excellence ist. Wo der Zuschauer selbst bei einem fast dreistündigen Film nicht ein einziges Mal an den eigenen Alltag denkt, sondern vollständig gefangen genommen wird von den Protagonisten und ihren Aktionen. Ihren Gedanken. Und den Widersprüchen zwischen diesen beiden Polen. Auch wieder etwas, was uns zurückführt zu Finchers THE KILLER, der aus diesem Widerspruch einen guten Teil seiner Spannung zieht, und sie sogar zu einem Teil der Handlung macht. HEAT befriedigt die nach gutem Großstadt-Thrillerstoff hechelnden Synapsen so erstklassig wie Filme von Umberto Lenzi oder Takashi Miike (meistens jedenfalls, nicht immer). Oder wie von David Fincher. Und er befriedigt den Wunsch nach Style und nach Substance in gleichem hohen Maße. Großes Kino für Bauch und Kopf!

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