Es war vor etwa einem halben Jahr, als ich beim Surfen im Netz auf der Seite von Alternative Cinema erstmals auf Call Girl of Cthulhu stieß. Ich sah das Poster Artwork, ich las den Titel... und es war praktisch um mich geschehen. Ich wußte, diesen Film mußte ich sehen, komme was wolle. Der aus Baltimore stammende Filmemacher Chris LaMartina (der hier neben der Regie auch den Schnitt besorgte, den Score beisteuerte und mit Jimmy George zusammen das Drehbuch schrieb) sagte mir zwar wenig, kannte ich diesen doch lediglich von seinem Beitrag zur netten aber qualitativ schwankenden Anthologie Faces of Schlock. Trotzdem sehnte ich die Veröffentlichung dieses Flicks herbei wie bei kaum einem anderen Film, auch auf die (durchaus mögliche) Gefahr hin, daß es sich dabei um eine totale Gurke handeln könnte. Denn trotz heftigen Juckens in den Fingern habe ich mir das Ansehen des Trailers erfolgreich verkniffen. Endlich war es dann soweit. Camp Motion Pictures ließ Call Girl of Cthulhu in einem schönen Blu-Ray/DVD-Combo-Set auf die Menschheit los. Ein paar Klicks mit zitternden Fingern und einen langen Postweg über den großen Teich später hielt ich ebendiese Veröffentlichung in meinen Händen. Ich will nicht sagen, daß ich vor lauter Vorfreude zu sabbern begann, aber ganz ehrlich... ich war verdammt nah dran. Schließlich war der große Moment gekommen, die Scheibe wanderte in meinen Player, ich machte es mir auf der Couch bequem, nahm die Fernbedienung in die Hand, drückte auf Start und harrte der Dinge, die da kommen sollten.
Twenty-Something Carter Wilcox (David Phillip Carollo) ist ein talentierter Maler, der abends gerne auf einer demütigenden Porno-Website herumhängt, während sich seine exzentrische Mitbewohnerin, die Musikerin Erica Zann (Nicolette le Faye), mit ihrem Stecher Rick 'The Dick' Pickman (Alex Mendez) vergnügt. Carter ist noch jungfräulich, denn im Gegensatz zu Erica hält er nichts davon, bei jeder Gelegenheit ins Bett zu hüpfen; der hoffnungslose Romantiker möchte, daß sein erstes Mal etwas Besonderes ist. Als er eines Tages das Call-Girl Riley Whatley (Melissa O'Brien) trifft, verliebt er sich Hals über Kopf in die hübsche Frau. Er ruft bei ihrer Escort-Agentur an und bestellt sich seine Traumfrau schließlich zwecks Entjungferung in die Wohnung. Im letzten Moment macht er allerdings einen Rückzieher und bittet Riley stattdessen, für ihn Modell zu sitzen. Als er die nackte Frau malt, fällt sein Blick auf das seltsame Muttermal an ihrem knackigen Po. Was weder er noch Riley wissen... eine gefährliche Sekte namens The Church of Starry Wisdom ist auf der Suche nach der Frau mit diesem ominösen, einem Oktopus ähnelnden Muttermal, und die gehen über Leichen. Die Trägerin des Mals ist nämlich die Auserwählte des Großen Alten Cthulhu, welcher die Frau zu schwängern gedenkt, um damit seinen Sohn auf die Welt zu bringen und das Ende der Menschheit einzuläuten. Eine kleine Gruppe Widerstandskämpfer stellt sich der Sekte entgegen, und natürlich werden auch Carter und Erica in die Sache hineingezogen.
Es fällt mir schwer, meine Euphorie im Zaum zu halten. Call Girl of Cthulhu ist keine Gurke, ganz im Gegenteil. Für mich ist er die Low-Budget-Horror-Sensation des Jahres! Wer auf einen packenden Horrorschocker voller Spannung, Gruselstimmung und realistischen Spezialeffekten hofft, darf diese Hoffnung hiermit begraben und gerne anderswo danach Ausschau halten. Call Girl of Cthulhu ist vor allem eines: eine kultige, originelle Mordsgaudi! Der billige, mit Hilfe von Kickstarter (US$ 27.750 bei einem Ziel von US$ 25.000) produzierte Streifen bedient sich eifrig beim Cthulhu-Mythos des Kultautors aus Providence, Rhode Island, oder, wie es im Vorspann heißt, der Film ist "inspired by the works of H.P. Lovecraft". Mit dezenten, schwammigen Andeutungen über grauenhafte Wesen mit unaussprechlichen Namen, die so furchtbar aussehen, daß man es nicht in Worte fassen kann, hält sich Chris LaMartina nicht lange auf. Er läßt die Kreaturen bzw. die mutierten Menschen lieber fröhlich vor der Kamera aufmarschieren. Und ja, sie sind billig, schleimig, eklig und müffeln teilweise meilenweit gegen den Wind nach Gummi und Latex, aber sie sind auch geil, cheesy und haben einen gewissen unwiderstehlichen, altmodischen Achtziger-Jahre-Charme. Darüber hinaus spritzt das Blut und trieft der Schleim, daß es eine wahre Freude ist. Einhundertachtundachtzig praktische Effektszenen gab es insgesamt zu bewältigen, und die Macher ließen ihrer (oft pervers-schlüpfrigen) Phantasie freien Lauf. Denn wie der Titel andeutet, spielt Sex eine nicht unwesentliche Rolle.
In einer schönen Szene steigt zum Beispiel die Porno-Aktrice Missy Katonixx (Stephanie Anders) aus dem Fernseher und setzt Carter mit ihren "Mördertitten" zu, im wahrsten Sinne des Wortes, entwickeln ihre Brüste doch tatsächlich ein mörderisches Eigenleben und sind ungemein bissig. Daß sich das stattliche Gemächt von Rick 'The Dick' Pickman in einen echten Monsterschwengel verwandelt, ist da nur konsequent. Der Grundton des Streifens ist sehr locker und etwas überdreht (teils campy, teils trashig, aber immer liebenswert), wodurch es praktisch unmöglich wird, den Film ernst zu nehmen. Trotzdem zögere ich, Call Girl of Cthulhu eine Horrorkomödie zu nennen. Das erscheint mir einfach nicht passend. Zwar ist der Humoranteil nicht gerade niedrig, aber einige Momente sind doch erstaunlich effektiv und garstig geraten. Dem generellen Spaßfaktor tut das freilich kaum Abbruch. Was dem Flick ungemein gut tut, sind die - man mag es kaum glauben - funktionierende Liebesgeschichte sowie die immens launigen Figuren. David Phillip Carollo überzeugt als sympathisch-naiver Held wider Willen, während Dave Gamble als Sebastian Suydum, das Oberhaupt der Cthulhu-Sekte, herrlich boshaft und süffisant rüberkommt. Die Schau sind jedoch die beiden Damen. Melissa O'Brien (die übrigens im Oktober 2014 Regisseur LaMartina ehelichte) ist nicht nur sehr hübsch, sondern auch sexy und bezaubernd. Man(n) kann problemlos nachvollziehen, daß Carter sich in sie verknallt. Ganz famos ist auch Nicolette le Faye als Erica Zann. Ihre zu Beginn noch unsympathische Figur wandelt sich im weiteren Verlauf ins exakte Gegenteil und wächst einem richtig ans Herz.
Trotz einiger etwas alberner Eskapaden ist Call Girl of Cthulhu nie eine respektlose Lovecraft-Verarsche, au contraire. Der Film ist eine einzige Hommage, vollgestopft mit Anspielungen auf das Lovecraft-Universum im Allgemeinen und den Cthulhu-Mythos im Speziellen. Gleichzeitig ist er aber auch ein saftiges Exploitation-Movie, welches mit T & A ebenso wenig geizt wie mit preiswert-charmanten Old-School-Spezialeffekten. Mein Favorit ist definitiv "Little Cthulhu", aber auch die explodierenden Köpfe und Rileys einfallsreiche Abrechnung mit ihren Freiern machen mächtig Laune. Musikalisch bekommt man neben einem netten Synthesizer-Score und Erica Zanns experimentellen Elektronik-Klängen einiges an Punk-Rock (u. a. Night Birds und Thee Katatonix) geboten, was perfekt zu diesem wilden, irgendwie punkigen Streifen paßt. Das geringe Budget von insgesamt ca. US$ 40.000 wurde gut und clever eingesetzt, sodaß das Endergebnis wesentlich teurer aussieht als es letztendlich war. Erwähnenswert sind noch die gelungene Gestaltung des Necronomicons sowie Carters tolle Gemälde, welche auf das Konto der Künstlerin Michelle Pugliese gehen. Call Girl of Cthulhu ist ein Paradebeispiel dafür, wie man mit Talent, Kreativität und Leidenschaft auch mit nur geringen Mitteln ungeheuer viel erreichen kann. Eine werkgetreue Umsetzung Lovecraft'scher Motive ist das nicht. Ein spritzig-schleimiger, kultig-geiler, köstlich-weirder Streifzug durch das Cthulhu-Universum hingegen sehr wohl. Wer also Lovecraft schätzt (so wie ich), ein Faible für das alternative B-Genrekino hat (so wie ich) und gegen eine Extraportion Tentakel nichts einzuwenden hat (so wie ich), der kann bei Call Girl of Cthulhu nur einen einzigen Fehler machen. Ihn nämlich nicht zu sehen.