Als erstmalig zur Sprache kam, dass ich eine sexualisierte Abwandlung von Lovecraft-Motiven zu sehen bekommen würde, dachte ich sofort an den Vollerotikstreifen RE-PENETRATOR. Freilich hat selbst diese Machart seinen Reiz, doch ist der Gag an sich oft bereits mit dem Trailer verbraucht. Hoffnungsvoller stimmte mich die Nachricht, CALL GIRL OF CTHULHU würde aus dem Alternative Cinema Umfeld stammen. Hierbei handelt es sich um ein zumeist in den USA bekanntes Vertriebsgeflecht, aus welchem unter anderem basierend auf dem Erfolg der charmanten Misty Mundae zunächst simpel gestrickte Erotikfilme mit phantastischen Anspielungen und später oft auf Humor und Softerotik abonnierte Genrefilme hervorgegangen sind. Die Grenzen zwischen Fanjob und Gurke sind dabei fließend. Es finden sich in diesem Programm jedoch vom 80er Meltdown Horror SLIME CITY (1988) bis zu jüngeren Werken des hingabevoll werkelnden Brett Piper immer wieder Low-Budget-Granaten, die mir persönlich das Herz aufgehen lassen. Der Erfolg gibt der Firma Recht, also warum sollte nicht ausgerechnet dort Raum für solch einen Schabernack sein?
Wie der Titel schon andeutet, haben wir es bei CALL GIRL OF CTHULHU nicht mit einer ernsthaften Verfilmung einer Geschichte aus der Feder H. P. Lovecrafts zu tun. Auf der anderen Seite handelt es sich allerdings um einen Film, in dem eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Kosmos stattfindet als in manchem Machwerk, welches fern des Camp-Spieltriebs als ernste Adaption verstanden werden soll.
CALL GIRL OF CTHULHU liefert augenzwinkernde Exploitation-Momente, in denen Tentakel unter zünftigen "Iä! Cthulhu fhtagn!"-Chorälen die Auserwählte befruchten. Ob man sich zur Zielgruppe zählen könnte, lässt sich vielleicht schon daran ausmachen, ob man über eine Kondom-Marke namens "Deep Ones" schmunzeln kann oder nicht. Eins muss man Chris LaMartina und Jimmy George, deren Kickstarter-Erlös von knapp $28,000 den Großteil des Budgets stellte, nämlich lassen: Sie haben ihre Hausaufgaben wirklich gemacht!
Was auf Geheiß der Verleiher mit Titten und Gore angereichert wurde, was in diesem Kontext wie ein Crossover zwischen Stuart Gordon und Frank Henenlotter anmuten mag, entpuppt sich als Kaskade unzähliger Anspielungen und liebevoller Hinweise auf das Lebenswerk H. P. Lovecrafts, welches die Filmemacher laut Baltimore City Paper über die üblichen rassistischen Ableitungen hinaus zu weiteren Erkenntnissen gebracht habe. Selten schreibe er über Geld, nie über Sex. Die wenigen weiblichen Figuren seien alle in Prostitution verstrickt. LaMartina sehe in diesem Zusammenhang eine Parallele zwischen Lovecraft und der Zielgruppe des Films in der sexuellen Einschüchterung behüteter, heterosexueller und weißer Männer. Zu diesen zähle er sich selbst nebst Horrorfans seines Alters oder etwa zehn Jahre jünger. Ein bisschen ernste Tragödie mag in dieser schmunzeligen Aussage des 29-jährigen Diabetikers liegen, der hauptberuflich in einer digitalen Marketingagentur beschäftigt sei. Sich selbst dessen bewusst, dass er sich jetzt mit Filmen auseinander setzen müsse, da seine Krankheit ihm eines Tages das Augenlicht rauben könne, macht er den eingeschüchterten Künstler Carter (David Phillip Carollo) zur Hauptfigur. Chris LaMartina sieht sich hierbei in einer Tradition des Roger-Corman-Prinzips, Sex und Gewalt subversiv mit einer Bedeutung zu schwängern.
So bettet eine Verhörsituation mehrere Storyfäden ein, die sich in einem Blutgeysir eruptierend verweben. Der noch jungfräuliche Carter versucht, sich seiner Sexualität über das Webcam-Girl Missy Katonixx (Stephanie Anders) anzunähern, während seine Mitbewohnerin es mit einem gut bestückten Gespielen krachen lässt. Für das Call Girl Riley (Melissa O'Brien) ist der Modeljob bei Carter eine willkommene Abwechslung, da er im Gegensatz zur rohen Triebbefriedigung ihrer sonstigen Klienten der Lustdame Respekt entgegen bringt. Im weiteren Verlauf wächst jedoch auch die Hoffnung Carters, in Riley die spezielle Person zu finden, der er seine Reinheit opfern mag. Während Carter ferner einen Auftrag erhält, Illustrationen des Necronomicons zu kopieren, wird Riley zum Objekt der Begierde für Cthulhu-Kultisten.
Diese sehen in der Prostituierten aufgrund eines Mals die Mutter, welche Cthulhus Nachkommen zur Welt bringen wird.
Mit einem Soundtrack irgendwo zwischen Punk und Wave unterlegt, weist CALL GIRL OF CTHULHU so viel Fremdsteuerung auf, dass man eine Nähe zum Lovecraft-Mythos erkennt. Für keine der Figuren nimmt der Plot den erhofften Verlauf. Seien es Rileys ehemalige Kunden, die ihrem neu erwachten Charme unterliegen oder Carter, der seines Glückes schnell wieder beraubt wird, das Schicksal lungert mit dem grausamen Erwachen.
Das Magazin Fangoria urteilte, man müsse nicht betrunken sein, um sich am Film zu erfreuen. Hier spiegelt sich die Beobachtung wieder, einem durchaus gewitzten Konzept ausgesetzt zu sein, welches wenig Raum lässt, um an die Auswirkungen der sehr knappen Mittel zu denken.
Einen Großteil der Investition nahmen die Spezialeffekte in Anspruch, die hier und dort auf charmante Art Erinnerungen an die Zeiten von ELMER und der BASKET CASE-Reihe wachrütteln. Dank eines exzellenten Castings und des Einsatzes vieler Drehorte und Statisten gelingt es hierbei, auf einem schmalen Kamm zwischen Albernheit und Kult zu balancieren. Dies ist auch auf die Tatsache zurückzuführen, dass der Großteil von Ensemble und Crew zum Wohle des Resultats auf eine Gage
verzichtete. Obschon die bedingungslose Visualisierung des Unheimlichen ihre Tücken mit sich bringt und es nahezu bezeichnend ist, wie sehr CALL GIRL OF CTHULHU unter der Prämisse der sexuellen Ängste zu dem Film geworden ist, den sich manch enttäuschter Besucher von Dan Gildarks auf völlig anderer Ebene auftrumpfender CTHULHU (2007) erhofft hatte, darf man von einem seltenen Glücksfall für Exploitationfans sprechen.
Chris LaMartina beweist ein Händchen für das sensible Spiel mit der Hommage und der Parodie. Der Zuschauer wird auf einer Woge von Körperflüssigkeiten getragen und von Geschlechtsmerkmalen umschmeichelt, ohne sich für dumm verkauft zu fühlen. Hier war jemand am Werk, der die dramaturgischen Mechanismen des seichten Billighorrors verinnerlicht hat und gleichzeitig in der Lage ist, diese herzenswarm mit weiteren Ebenen zu bereichern. CALL GIRL OF CTHULHU ist wahrlich ein Spaß - schräg, humorvoll, blutig und ein Referenzfest für jeden Lovecraft-Fan. Nicht nur die Namen der Protagonisten, wie Carter Wilcox, Riley Whatley, Erica Zann, Sebastian Suydum, Ashton Eibon, Wilbur, Professor Edna Curwen und Rick "The Dick" Pickman, zeugen vom tiefen Einblick der Macher ins Sujet. Der böse Humor und die blutigen Effekte sind gepaart mit vielen kleinen Verweisen zu
Lovecraft.
CALL GIRL OF CTHULHU gehört definitiv zu den besseren Filmen, die sich auf humoristische Weise vor dem Schriftsteller verbeugen.