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Gerade nach den vermehrt auch im westlichen Ausland erfolgreichen Verfilmungen der Historien und Legenden um Huo Yuanjia und Yip Man sowie Beggar So ist es eher verwunderlich, dass die Person des Wong Fei-hong bisher noch so lang vernachlässigt und erst spät und dann noch vereinzelt und mit einem neuen Zugang dazu in Augenschein genommen wurde. Auch der Verweis zu den heutzutage bekanntesten Verfilmungen dessen Leben in den jeweiligen Mythen und Taten, die Hexalogie Once Upon a Time in China (1991-1997), wird hier als Trumpf im Marketing kaum gesucht und schon gar nicht als hervorstechendes Merkmal der Aufmerksamkeit gezückt. Vielmehr stellt man sich als reboot dar, und in der Bemühung auf eine eigene Vorgeschichte in Unabhängigkeit zu dem Bekannten auf ein einsames und in zunehmenden Maße schweres Los, was durch die fortschreitende Herangehensweise in einer nie den Vergleich suchenden Inszenierung den Film noch mehr in den so allerdings auch selbst gesuchten Schatten rückt:

1868. Die Qing-Dynastie ist von Rebellionen, ausländischen Einflüssen mitsamt finanziellen Einbußen und den Folgeschäden von Naturdesastern geschwächt, was sich insgesamt auch entscheidend auf die Lage in der Guangzhou Provinz, im Perlflussdelta, an den Huangpu Docks bemerkbar macht. Ein Bandenkrieg um die Vorherrschaft zwischen der Black Tiger Gang, angeführt von Lei [ Sammo Hung ] und der von Wu [ Chen Zhihui ] geleiteten North Sea Gang ist im vollen Gange, als der junge Aspirant Wong Fei-hong [ steif: Eddie Peng ] als Art Aufnahmeprüfung Lei den Kopf des im Kampf getöteten Wu und somit die Macht über die Stadt bringt. Lei adoptiert den Aufstrebenden als Nummer Vier in seiner Riege, was den vorderen Drei, North Evil [ Jack Feng ], Black Crow [ Byron Mann ] und Snake [ Li Kaixian ] ebenso wenig passt, wie das auch nicht der cleverste Schachzug von Lei ist. Denn Wong Fei-hong arbeitet insgeheim mit der Orphan Gang und dort seinen Jugendfreunden Fiery [ Jing Boran ] und Chun [ May Wong ] sowie der Prostituierten Xinlan [ Angela Yeung-wing ] zusammen, um getarnt an die Geldreserven des Gangsterkönigs heranzukommen und zudem dessen Sklavenarbeit zu beenden. Währenddessen sinnt Wus Sohn Wu Long [ vernachlässigt: Max Zhang ] auf Rache an dem Mord des Vaters.

Schon die Vorzeichen von der Auswahl des Regisseurs deuteten auf eine ungewöhnliche und so überhaupt nicht in den ersten Sinn kommende Option hin; ein relativ junger und gerade erst seine Karriere begonnener Mann, der zudem zuvor weder großartig Aktion und schon gar nicht Martial Arts in seinen beiden Werken Murderer (2009) und Nightfall (2012), beide Arbeiten selber allerdings mit Ausrufezeichen und finanziellen Erfolg formuliert hat. Beides Geschichten aus der Jetztzeit, im aktuellen Bewusstsein einer recht deutlichen Abhärtung bis hin zur Aggression und Depression; beides jeweils Crime and Punishment im düsteren Ambiente mit Schocks und Affekten und Effekten und nihilistischer Emotionalität. Trotz der Versetzung in die Vergangenheit und der Beauftragung dieser Aufgabe von wesentlich mehr Zuschauerschaft in der Nutzung auch höheren Budgets werden derlei Elemente der bisherigen Karriere von Roy Chow erstaunlicherweise komplett weitergeführt. Was die erste Überraschung. Und dessen Gelingen hier die zweite Überraschung ist.

Denn im Grunde wird hier ein Undercoverplot erzählt, das Einschleusen eines auf sich Alleingestellten in die hochgefährliche Szenerie. Die Veränderung der menschlichen und gesellschaftlichen Natur, in der man eine andere Identität nicht nur spielen, sondern fast leben muss, um überleben zu können und trotzdem das eigentliche Ziel in dieser Wiedergabe von Falschen und Abstoßenden nicht zu vergessen und auch der Versuchung zu widerstehen. Chow und seine stets anwesende Autorin Christine To – die auch Murderer und Nightfall geschrieben, allerdings auch die genreaffinen Fearless und den True Legend verfasst und sich somit theoretisch in der Materie ausdrücklich bewährt hat – erzählen von einem Standpunkt schon aus der Mitte des Getümmels und so dem Bewähren müssen in all dem schon vorhandenen Gemetzel samt Verletzungen und Verstümmelungen und dem vielzähligen Tod heraus.

Der Film fängt mittig, die ersten Minuten auch mit einem voice over der titelgebenden und sich gerade durch die Massen prügelnden und schlagenden und um sein Leib und Leben kämpfenden Legende an; ein wildes Haudrauf ohne Vorwarnung, welches in seiner ungewohnten Lautstärke und der Brachialität des Geschehens ohne Vorbereitung darauf eher verwundert, nicht gleich erschrickt. Von dem bisherigen Vorstellungen des Volkshelden, eigentlich so wie bisher durch die Bearbeitungen mit Kwan Tak-hing über Ku Feng, Gordon Liu, Jackie Chan, Jet Li oder Vincent Zhao im eher Verspielten und Ehrbaren bekannt und bewusst und eingeprägt sieht man hier lange Zeit nicht mal Ansätze von und selbst diese auch nur recht spät. Eine andere Rolle wird hier verkörpert und ein anderes Milieu mit einer konträren Aura, nicht das Bunte, sondern das Graue und Trübe, eine Phase von Mord und Totschlag mit einem entsprechend dazu passenden Protagonist/Antagonist dem Anschein nach erzählt; wodurch der Film doch noch weniger wie ein reboot des Alten, als vielmehr eher wie deren damalige Trittbrettfahrer, den in Ton und Bild vermehrt räudigeren und einfach gestrickten rip-offs wie Heroes Among Heroes (1993), Kickboxer a.k.a. Once Upon a Chinese Hero (1993) oder Martial Arts Master Wong Fei Hong (1992), nicht so sehr nach Heldenverehrung im Hochglanz wirkt.

Eine Gangstermär, durch dessen Schauplatz von Hafen als Umschlageort und den angrenzenden Opiumhöhlen, Prostituiertenbuden, Glücksspielschuppen man nur genau einmal durchwandert und dann sofort an dessen Grenzen des Übels stößt. Eine lange Kamerafahrt, die diverse Statisten als Zuträger des materiellen Gewinnes durch den Arbeits- und Lebensplatz begleitet, führt den Ort des Geschehens ein; alle weitere Aufnahmen wiederholen sich eigentlich nur und bieten im Architektonischen oder sonst wie Visuellen keinerlei Lockmittel mehr und auch nicht sonstiges Pläsier. Die Luft ist stickig und fühlt sich an wie begrenzt, zudem sind die Straßen eng und meist aus Sackgassen bestehend und als schnelles Grab für die Meisten gesetzt. Selbst das Schauspiel, das wie auch die Actionszenen kantig, emotionslos, fast hartherzig und spröde ist, heizt die frischen Temperaturen des im Blut und Verderb unterkühlten Filmes nicht an. Physische Auseinandersetzungen beginnen gerne mit einer abrupten Gewalttat und steigern sich dann noch mehr, werden die Gegner klirrend in das Mobiliar hinein und das Holz hindurch gedroschen, nicht elegant, sondern mit dem Ziel des Schmerzes und der Vernichtung gekämpft.

Choreographiert sind die (eher wenigen) Einsätze von Corey Yuen Kwai, der 2014 nach gefühlt langer Durststrecke so endlich wieder einmal zur Form in diesen Handwerk zurückfindet, wenn auch da auf für ihn neuen und ungewohnten Weg. Yuen und sein Regisseur wählen auch die Verwendung von Wirework und auch so manchen unnötigen tricktechnischen Zusatz, sonst aber die Ausdrucksform von Härte und Unerbittlichkeit und strammer Kürze; etwas, was auch den gleichsam raren Messerkämpfen in bspw. dem Wild Card (2014) zu eigen und dort zu bestaunen ist.

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