"Wenn du denkst, dass dieser Krieg dich nicht verändert, irrst du dich."
Chris Kyle wird als präzisester und abschusshöchster Scharfschütze der US-Militärgeschichte gesehen. Auf Basis seines realen Lebens finden sich in "American Sniper" seine persönlichen Höhen und Tiefen wieder.
Chris Kyle (Bradley Cooper) ist ein streng erzogener Patriot. Er steht gänzlich zu seinem Heimatland Amerika und kann schon seit seiner Jugend gut mit einem Gewehr umgehen. Als er eine Ausbildung bei den Navy SEALs antritt, lernt er während seiner Freizeit Taya kennen. Es dauert nicht lange bis er sie heiratet.
Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 wird Chris in den Irak abgezogen. Als Scharfschütze unterstützt er den Einmarsch der Amerikaner in diverse irakische Städte. Schon bald hat er mehr Abschüsse aufzuweisen als alle anderen Schützen und wird mit Anerkennung überhäuft. Die Wirren des Krieges hinterlassen an Chris allerdings immer mehr Spuren.
Mit "Flags of Our Fathers" und "Letters from Iwo Jima" befasste sich Clint Eastwood bereits in der Vergangenheit als Regisseur mit dem scheinheiligen Heldentum des Krieges. Durch Entglorifizierung des Pazifikkrieges erntete er gar üble Nachrede.
In "American Sniper" entmystifiziert Eastwood ähnlich die Verherrlichung des Krieges. Allerdings lässt der teils harte, geradlinig erzählte Film, der an der Front nichts beschönigt und seine Hauptfigur etwas zu sehr in den Himmel hebt, diesmal mehr Freiraum zum interpretieren.
Es ist wenig verwunderlich, dass der Protagonist keine echte Ambivalenz hervorruft, auch wenn die zu Beginn vorherrschenden Charakterisierungselemente aus pathetischen und religiösen Klischees fast überhand nehmen und für Europäer eher abstoßend wirken. Die Figur entwickelt sich spürbar weiter und liegt ganz im Fokus des Films.
Die lebensbedrohlichen Umstände im Irak zermürben den Protagonisten mit der Zeit. Sein Privatleben leidet darunter genauso wie seine seelische Gesundheit. Die regelmäßigen Sprünge zwischen Heimat und Front erzeugen leicht gesellschaftskritische Züge, die jedoch nur oberflächlich ausfallen.
Oberflächlich ist aber noch mehr. Durch die plötzlichen Zeitsprünge kann schnell mal die Übersicht flöten gehen. Nebenfiguren bekommen keinen Raum und auch angerissene Handlungsstränge verlieren sich. Stilistisch erinnert das ein wenig an "Tödliches Kommando - The Hurt Locker", der mehr Anspruch auf die gesellschaftliche Komponente legt, dafür weniger auf die persönliche.
Eine angemessene Distanz schafft "American Sniper" durch seinen ruhigen Erzählstil. Die mitreißenden Häuserkampfszenen sind beklemmend dargestellt und werden mit einer kontrollierten Kameraführung gut eigefangen.
Mittels einiger drastischer Szenen rechtfertigt das Kriegsdrama die Traumatisierung seines Protagonisten. Vor allem Kinder in wechselnder Täter- und Opferrolle stellen dabei einen wichtigen Faktor dar. Selten sind solch brenzlige Situationen so dargestellt, dass sie auch beim Verlassen des Kinosaales nachhallen. Nach einigen Originalbildern zum Schluss, lässt ein Abspann völligst ohne musikalische Untermalung sofortiges Verarbeiten zu.
Bradley Cooper ("Hangover"- Reihe, "American Hustle", "The Midnight Meat Train") rückt seinen Charakter eindrucksvoll in den Fokus. Die Wandlung vom unbefleckten Patrioten zum traumatisierten Kriegsveteranen stellt der Schauspieler mit seinen eisblauen Augen und immer verrunzelteren Gesichtszügen beeindruckend dar. Von ihm hätte man eine solche Leistung sicher nicht vermutet.
Auf ein deutsches Publikum mag der krude amerikanische Patriotismus sicher befremdlich wirken. Dies und der holprige Erzählrhythmus stellen allerdings die einzigen Punkte zur Kritik dar. "American Sniper" zeigt einen Krieg gegen den Terror ohne Effekthascherei. Der etwas zu perfekt zurechtgerückte Protagonist stellt einen nachvollziehbaren Bezugspunkt zum Publikum her und wird von Bradley Cooper angemessen verkörpert. Mit beständiger Spannung schreitet das Kriegsdrama seinem bedingungslosen Finale entgegen und hallt Dank punktgenauer, skrupelloser Szenen ordentlich nach.
9 / 10