Bradley Cooper spielt Chris Kyle, einen Texaner aus einfachen Verhältnissen, der sich nach den Anschlägen auf US-Botschaften 1999 den Navy-SEALs anschließt. Als Scharfschütze nimmt er an mehreren Einsätzen im Irak teil und wird dort aufgrund seines Ausnahmetalents und seiner zahlreichen Treffer schnell zu einer Art moderner Legende. Während er seine Familie immer wieder zurücklässt, um in den Irak zurückzukehren, liefert er sich dort ein Duell mit einem ähnlich tödlichen Sniper, einem Olympiasieger im Schießen auf Seiten der Iraker.
Clint Eastwood hat es neben seiner Schauspielerkarriere mit „Erbarmungslos“, „Million Dollar Baby“, „Der Fremde Sohn“ und „Gran Torino“ geschafft, auch als Filmemacher zur Legende zu avancieren und war auch bei der diesjährigen Oscar-Verleihung mit „American Sniper“ im Rennen um den besten Film vertreten. Überhaupt fand das Biopic über Chris Kyle in den USA sowohl bei den Kritikern als auch an den Kinokassen großen Anklang. Zuschauer, die mit dem plumpen Patriotismus der Amerikaner wenig anfangen können, dürften sich dagegen ein etwas anderes Bild vom Film machen.
Der Chris Kyle, den Eastwood seinen Zuschauern hier präsentiert, ist - kurz gesagt - ein Held. Von klein auf verfügt der spätere Scharfschütze über einen ausgesprochen ausgeprägten Beschützerinstinkt, erst dem kleinen Bruder gegenüber, schließlich aber auch bezogen auf sein Land und die anderen Soldaten. Nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Tansania entschließt er sich, sein Land aktiv zu verteidigen, nach 9/11 geht er schließlich in den Irak. Dort ist praktisch jeder seiner Schüsse ein Treffer und jeder, wirklich jeder dieser Treffer rettet einer Handvoll Marines das Leben - mindestens. Am Ende besiegt er sogar den syrischen Olympiasieger auf Seiten der Iraker und wird endgültig zur Legende. Nach seiner Militärlaufbahn kümmert er sich dann aufopferungsvoll um andere Veteranen, bis er von einem erschossen wird. Beim Abspann sieht man dann tausende Menschen, die amerikanische Flaggen bei den Trauerfeierlichkeiten schwenken und von Kyle Abschied nehmen, einem Patrioten, Helden und Vorbild.
Auch dem Zuschauer, der nicht weiß, dass Kyle in seiner eigenen Biographie, der Grundlage des Films, eine gewisse Freude am Töten offenbarte und eben auch als Sadist und Killer kritisiert wurde, dürfte diese Darstellung des Protagonisten allzu geschönt vorkommen. So kommt der Film Kyle aber nicht wirklich näher, weil wichtige Facetten der Figur fehlen, weil der Sniper und seine Motive, in den Krieg zu ziehen, zu einseitig dargestellt sind. Statt wirklich näher auf den Protagonisten einzugehen, platziert Eastwood ihn auf einem übergroßen Sockel. Das gilt im Übrigen auch für die wenigen Kontexte zum Krieg, die Eastwood liefert. Der Irakkrieg wird als eine Reaktion auf 9/11 dargestellt, obwohl er eigentlich mit irakischen Massenvernichtungswaffen legitimiert worden war. Darüber hinaus wird die Lage im Irak recht undifferenziert dargestellt, so wird dem Zuschauer hier in gut zwei Stunden Filmlaufzeit kaum ein irakischer Zivilist präsentiert, vielmehr gewinnt man den Eindruck, sämtliche Iraker wären hasserfüllte Terroristen, die jederzeit dazu bereit sind, ihre Kinder mit Sprengstoffgürteln auf die amerikanischen Besatzer loszulassen.
Und diese undifferenzierten Darstellungen der Figur sowie des Konflikts stoßen durchweg sauer auf und verhindern letztendlich, dass man sich wirklich auf die Hauptfigur und das Geschehen einlassen kann, dabei hat Eastwoods Film auch inhaltlich durchaus etwas zu bieten. Gezeigt wird nämlich auch ein Mann, der nach seinem ersten Irakeinsatz nicht mehr in ein geregeltes Familienleben zurückfindet, obwohl er Frau und Kinder hat, für den der Krieg auch eine Flucht aus dem Alltag ist. In den besseren Momenten des Films sieht man einen nachdenklichen Kyle, der seiner Frau gegenüber immer verschlossener wird, der ihr nicht aus dem Krieg erzählen kann und möchte, obwohl sie ihn darum bittet, einen Mann, der sich eher im Irak heimisch fühlt als in den Staaten. Davon hätte man gern mehr gesehen anstelle der Verklärung des Helden.
„American Sniper“ hätte durchaus das Potential gehabt zu den besten Genrefilmen der letzten Jahre aufzuschließen. Die Actionszenen sind nämlich gut fotografiert, die Einsätze der Marines und Navy-SEALs sind dynamisch und packend inszeniert. Wenn der Sniper auf einem Hausdach liegt und überlegt, ob er ein Kind erschießen soll, das in der Nähe der US-Soldaten mit einer Panzerfaust spielt, kommt dann zwischenzeitlich auch mal etwas Spannung auf. Die kann aber nicht durchweg gehalten werden, was auch dem punktuell etwas schleppenden Erzähltempo und dem nicht immer ganz flüssigen Erzählstil geschuldet ist. Auch die sehenswerte Darstellung des hier sehr kräftigen Bradley Cooper ist das Ansehen des Films durchaus Wert. Cooper überzeugt durchweg auf ganzer Linie und wirkt in der Rolle des knallharten Navy-SEALs auch physisch vollkommen überzeugend, was man ihm vor fünf Jahren nach seinem Durchbruch mit „Hangover“ so nicht zugetraut hätte. Gleichzeitig gelingt es ihm aber auch, den Protagonisten in den Szenen, in denen er sich schwer tut, seine Gefühle zu artikulieren, unsicher und reserviert darzustellen und ihm so punktuell doch die menschliche Note zu verleihen, die das Drehbuch ansonsten nicht immer hergibt.
Fazit:
Coopers Glanzleistung sowie die spannenden und gut eingefangenen Kriegsszenen heben Eastwoods Biopic „American Sniper“ gerade so ins obere Mittelmaß aber nicht darüber hinaus. Denn leider lässt Eastwood wesentliche Charakterzüge der Hauptfigur außen vor, stilisiert einen Mann zum Helden, der in vielerlei Hinsicht umstritten ist und einer differenzierteren Darstellung bedurft hätte. Hier wäre definitiv mehr drin gewesen, wenn man sich den plumpen Patriotismus geschenkt hätte.
62 %