“Es ist so leicht, barbarisch ein Held zu sein; Es ist so schwer, im Alltag ein Mensch zu sein.“
~ Altiero Spinelli
“Denket, dass der Frieden nährt, Denket, dass der Krieg verzehrt, Denket, dass man doch nichts kriegt, Ob man schon auch lange siegt!“
~ Paul Fleming
"Es ist Clints beste Regiearbeit. Mit Abstand. Aus all den Gründen, warum die Leute sie mögen. Ich glaube nicht, dass andere Regisseure, mich eingeschlossen, mit den gleichen Mitteln dasselbe Ergebnis hätten erzielen können. Clint hat ein außergewöhnliches Ergebnis erzielt, weil er ein außergewöhnlicher Mensch ist. Er ist völlig unprätentiös. Er hätte Bradley Cooper sein können, er hätte die Figur sein können. Clint hat Bradley durch seine Persönlichkeit inspiriert – ein Mann mit Prinzipien. Clint ist seit über 40 Jahren mein Freund.(...) Meiner Meinung nach ähnelt er nicht sehr „Die durch die Hölle gehen“. Obwohl er als solcher charakterisiert wurde, ist „Sniper“ kein politischer Film. Es geht nicht um die Frage, ob der Krieg richtig oder falsch ist. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Traumata auf Menschen, die in den Krieg ziehen, und auf diejenigen, die zurückbleiben."
~ Michael Cimino
Streitbar vom Ansatz schon, zuweilen strittig auch aufgenommen, wenn auch mit Interesse seitens des Zuschauers, dass seinem Regisseur wahrscheinlich mehr vertraut hat als dem Thema, das 'Feiern' des Scharfschützen Christopher Scott Kyle (1974-2013), der nicht per se fürs Töten bezahlt wird, sondern als Berufssoldat angestellt ist, der aber eine hohe 'Trefferquote' hatte und dadurch, die je nach Auffassung (“Soldaten sind Mörder!“) auch als solch einer angesehen oder für seine Fähigkeiten und die erfolgreiche Ausbildung und Ausübung bewundert wird/wurde (“Who's the Legend now?“ - “That's a title you don't want. Trust me.“). Dabei wird nach seiner 2012 (zusammen mit Scott McEwen und Jim DeFelice) veröffentlichten Autobiografie das Berufsleben mit dem Privatleben in Augenschein genommen, etwas Politik und Militär natürlich drumherum, eine nicht zu trennende Mischung, ein Kriegs- oder doch ein Antikriegsfilm?:
Der in Texas aufgewachsen Chris Kyle [ Bradley Cooper ] bekommt schon von seinem Vater unterrichtet, wie man mit einem Gewehr schießt und Hirsche jagt. Als er mitsamt seinem Bruder die Berichterstattung über die Bombenanschläge auf die US-Botschaft im Jahr 1998 sieht, beschließt er, sich bei der Marine zu melden. Er qualifiziert sich für eine spezielle Ausbildung und wird Scharfschütze bei den U.S. Navy SEALs. Nach den Anschlägen vom 11. September wird er in den Irak geschickt, vorher heiratet er noch die in einem irischen Pub in San Diego kennen und lieben gelernte Taya Studebaker [ Sienna Miller ]. Vor Ort wird er beauftragt, den Al-Qaida-Anführer Abu Musab al-Zarqawi zu jagen, und verhört eine Familie, deren Vater anbietet, die SEALs zu "The Butcher" [ Mido Hamada ] zu führen, dem Stellvertreter von al-Zarqawi.
Damals noch unwissend im Ausgang der Geschichte, vom Ende des Krieges, der Aktionen beim schnellen Abzug, dem Überlassen des Landes an die Einheimischen, die Zivilbevölkerung, die man schützen wollte vor dem erklärten Feind; hier nur eine Phase in Augenschein genommen, aus der Sicht eines Menschen, eine Biografie und dessen Bearbeitung, vielleicht kein eingeschränktes Wollen des Regisseurs, aber ein eingeschränktes Wissen. Knapp etwas über 2h auch zu kurz für das Erzählen aller Begebenheiten und aller Beteiligten, hier ein spezieller Ausschnitt, der Abschnitt eines Lebens. Mit dem Ausnahmezustand wird gleich begonnen, man befindet sich im fremden, im unbekannten Land, in den feindlichen Jagdgründen quasi, stets auf der Hut zu sein ist oberste Priorität, ist Pflicht und Lebensnotwendigkeit.
“Ich sah durch das Zielfernrohr. Die einzigen Menschen, die sich im Freien bewegten, waren die Frau und vielleicht ein oder zwei Kinder in der Nähe. Ich sah zu, wie unsere Truppen eintrafen. Zehn junge, stolze Marines stiegen in voller Montur aus ihren Fahrzeugen und versammelten sich für eine Fußpatrouille. Während sie sich formierten, zog die Frau etwas unter ihrer Kleidung hervor und zerrte ruckartig daran. Sie hatte eine Handgranate gezündet. Ich erkannte das zuerst nicht. »Das Ding ist gelb«, gab ich meine Beobachtung an den Chief weiter, während er sich selbst ein Bild machte. »Es ist gelb, der Kopf …« »Sie hat eine Handgranate«, sagte der Chief. »Das ist ’ne chinesische Granate.« »Mist!« »Du musst schießen!« »Aber …« »Nun schieß endlich! Die Granate darf keinen Schaden anrichten. Die Marines …« Ich zögerte. Jemand versuchte die Marines über Funk zu erreichen, aber ohne Erfolg. Sie schritten die Straße entlang, geradewegs auf die Frau zu. »Schieß!«, sagte der Chief. Mein Zeigefinger umschloss den Abzug. Die Patrone verließ den Lauf. Ich feuerte. Die Granate fiel zu Boden. Ich schoss erneut und die Granate ging hoch. Es war das erste Mal, dass ich jemanden mit einem Scharfschützengewehr tötete. Und das erste – und einzige – Mal, dass ich im Irak einen Angreifer unschädlich machte, der kein männlicher Kämpfer war.“
Zu Allah wird gleich gerufen, das hört man auch durch das Rattern der Panzer, dem Dröhnen der schweren Maschinen durch die zerstörte Gegend, Häuser entkernt und oft nur Bruchteile, nicht mehr bewohnbar, nur noch Ruinen. Die gesamte Umgebung ist zerbombt und auseinander gerissen, ein Schuttplatz des Todes und des Terrors, “It's a fuckin' hotbox.“, grüngrau das Geschehen. Eine Patrouille auf den Straßen, ein Sniper und sein Spotter auf dem Dach, eine Frau und ein Kind kommen zum Vorschein, der Scharfschütze trifft eine Entscheidung. In Vor- und Rückblenden wird das erzählt, der Vater “Sie“ genannt, regelmäßig in die Kirche gegangen, zu Hause auch gepredigt, und gejagt, der American Way of Life hier, der Machismo, die Männlichkeit, viel unterdrückte Aggression, viel ausgelebte Aggression, dann das Erwachen, durch eine Nachrichtensendung, die Meldung bei der Armee, das Training, das Kennenlernen einer Frau, in einer Bar natürlich. Eastwood (der von Spielberg übernommen hat, welcher Budgetbegrenzungen von letztlich knapp 60 Mio. USD bemängelte) hat mit Cooper immerhin einen Charmebolzen im Zentrum des Geschehens, anders als die drei Männer in The 15:17 to Paris (2018), Cooper (der selber Chris Pratt vorschlug) wirkt hier nicht unbedingt charmant, kann es aber sein und spielen, die Dialogarbeit ist besser, das Gesagte, die sandfarbene Inszenierung; obwohl sie wie oft in letzten Jahren in Sachen Motivation fraglich bis fragwürdig wirkte, in der Intention, im Reiz der jeweiligen Projekte, eine unstete Filmografie, auch ohne besonders herausstechende oder hervorstechende Eigenheiten, man erkennt keine Handschrift, zumindest nicht auf den ersten Blick.
Vom Cowboy zum Soldaten, zum SEAL, von Treffern zur Ablenkung, dann natürlich zum 9/11, wieder eine Nachrichtensendung, viel “HOOYAH!“, die erste Tour, der erste Auslandseinsatz, eine Evakuierung, die eigentliche Stärke des Filmes im Kämpferischen, im Bedrohlichen, in der Auseinandersetzung zwischen Tod und Leben, in der Entscheidung zwischen Tod und Leben, “You did your job. That's the end of the story.“ Körper fallen vom 'Himmel', Autos werden beschossen und explodieren, zwischendurch wird gebetet, auf beiden Seiten, es werden Referenzen zu Vietnam gemacht. Eine Konzentration auf Militär und Politik hätte dem Film Genüge getan, man wollte mehr, man wollte eine Identifikation und eine Identität über eine Biografie, Nebendarsteller sind nebensächlich, selbst die Ehefrau wirkt überflüssig im Material, ein Abhaken gängiger Situationen, einige Telefonate, einige Treffen, keine tatsächlichen Anhaltspunkte und keine Erweiterung. Der Film trotzdem einen Nerv getroffen, weltweit beinahe 550 Mio. USD eingespielt, davon innerlandes 350 Millionen.
“Zu dem Zeitpunkt, als dieses Buch in Druck geht, fühle ich mich immer noch unwohl bei der Vorstellung, meine Lebensgeschichte zu veröffentlichen. Ich habe früher stets die Meinung vertreten, dass jeder, der wissen will, wie das Leben eines SEAL ist, sich selbst den Dreizack verdienen sollte: Erwirb erst einmal unser Abzeichen, das Symbol unserer Identität. Durchlaufe unsere Ausbildung, bringe dieselben physischen und psychischen Opfer. Nur dann wirst du es begreifen. Der zweite und vielleicht wichtigere Punkt ist: Wen interessiert mein Leben überhaupt? Ich bin wirklich nichts Besonderes. Ich habe ein paar richtig brenzlige Situationen erlebt. Mir wurde gesagt, dass das interessant ist, aber ich kann diese Haltung nicht ganz nachvollziehen. Der eine oder andere Schreiberling schlug mir bereits früher vor, meine Biografie zu verfassen oder ausgewählte Erlebnisse festzuhalten, die mir widerfahren sind. Ich finde das zwar seltsam, aber da es nun einmal mein Leben ist und meine Geschichte, halte ich es für besser, wenn ich sie selbst zu Papier bringe – und zwar genau so, wie sie sich tatsächlich ereignet hat.“
Zwischendurch steht eine spezielle Mission an, eine prioritäre Operation, das Fangen eines bestimmten Zieles, des Kronprinzen der Taliban quasi, Alarmstufe Rot, ein Haus-zu-Haus Begehen, der Regisseur im modernen Handwerk, die Hauptfigur im Helden-Komplex, er übernimmt die Führung, er verlässt seinen Posten, es wird toleriert. Eine einseitige Berichterstattung, dazu ein ebenbürtiges Gegenüber (eine Idee von Spielberg, das Duell - Enemy at the Gates Modell), eine Attacke aus dem Hinterhalt, eine durchaus realistisch wirkende, auch grausame Darstellung, dazu eine falsch installierte Funktionalität, eine misslingende Emotionalität, wieder die Partnerschaftsszenen, “It's not about them. It's about us.“, die brüderlichen Momente sind besser gehandelt, besser gehandhabt, vom Regisseur und von den Darstellern, Zweifel werden gestreut, die nächtliche Stürmung einer Terrorzelle. Klischees werden bedient, selten umgangen, ein Drama installiert, “That's just hypocrytical.“, wie von zwei Regisseuren inszeniert, auffälliger noch bei The 15:17 to Paris, der (nicht bloß wegen der dort realen und entsprechend Laiendarsteller) oftmals gar nicht als 'richtiger' Film wirkt, sondern als Zusatzstoff für eine Aussage, hier ist es etwas vielschichtiger, etwas kritischer, dennoch zuweilen der Feind dämonisiert, erfolgreich zumindest in der martialischen Actionpräsentation (Angriff und Verteidigung, Abwehr und Belagerung), und den Nachwehen, den traumatischen Erlebnissen, den Todesmeldungen, die Veränderungen in den Menschen.