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Zwischen Mythos und Mechanik: Ron Howards Walfang

Ron Howard, der seit Jahrzehnten souverän zwischen intimen Dramen und bombastischem Hollywood-Kino pendelt, nimmt sich mit Im Herzen der See nicht weniger vor als die Vorgeschichte zu einem der berühmtesten Romane aller Zeiten: Herman Melvilles Moby Dick. Statt einfach nur die altbekannte Saga des weißen Wals zu erzählen, wagt Howard eine Art „Ursprungsgeschichte“. Ein Blick hinter die Legende, ein Eintauchen in die raue Realität der Walfänger im frühen 19. Jahrhundert.

Der Film will zugleich Historienepos, Abenteuerdrama und Charakterstudie sein – und schafft es, all diese Elemente in eine bildgewaltige Erzählung zu gießen. Dass dabei nicht jeder Aspekt gleich stark zündet, versteht sich fast von selbst. Das Ergebnis ist ein Film der visuell überzeugt, aber erzählerisch äußerst dünn bleibt. Eine prachtvolle Schiffshülle, deren Rumpf zwar glänzt, deren Laderaum aber erstaunlich leer wirkt.

Die Geburt eines Mythos

Die Geschichte basiert auf realen Ereignissen: dem Untergang des Walfängers Essex im Jahr 1820. Dieses Desaster inspirierte später Herman Melville zu seinem Jahrhundertroman Moby Dick. Howard wählt einen klugen Rahmen: Melville (Ben Whishaw) trifft Jahrzehnte später auf den gealterten Thomas Nickerson (Brendan Gleeson), den letzten Überlebenden der Essex. Was folgt, ist eine Rückblende – und damit eine filmische Nacherzählung eines Albtraums auf hoher See.

Inhaltlich bleibt Im Herzen der See eher auf der schmalen Seite. Wer komplexe Figurenbögen oder tiefschürfende psychologische Konflikte erwartet, wird enttäuscht. Doch zugleich funktioniert die Einfachheit. Denn die Stärke liegt weniger in der Handlung selbst, sondern im Erlebnischarakter. Man spürt die Gier nach Öl, die Härte des Meeres, die Verzweiflung der Männer. Howard setzt auf Emotion statt Intellekt, auf Wucht statt Finesse.

Charles Leavitts Drehbuch bewegt sich auf sicherem Terrain. Es legt die Stationen klar fest, erzählt diszipliniert und ohne größere Ausreißer. Aber es fehlen die Ecken und Kanten, die das Ganze wirklich unvergesslich machen würden. Melvilles Rahmenhandlung ist zwar atmosphärisch gelungen, wirkt aber stellenweise wie ein dramaturgisches Feigenblatt, um Tiefe vorzutäuschen. Die Figuren haben das Problem, dass sie eher Typen bleiben: der aufrechte Held (Hemsworth), der schwächliche Kapitän (Walker), der erfahrene Offizier (Murphy), der naive Schiffsjunge (Holland). Allesamt gut gespielt, aber nicht übermäßig ausgearbeitet.

Die Wucht der See

Wo das Drehbuch schwächelt, punktet die Atmosphäre umso stärker. Howard inszeniert das Meer als gigantische Naturgewalt – majestätisch, bedrohlich, unberechenbar. Besonders gelungen ist die Darstellung des Wals: kein bloßes Monster, keine überzeichnete Metapher, sondern eine Naturkraft. Jeder Angriff wirkt wie eine Retourkutsche der Natur auf die maßlose Ausbeutung durch den Menschen. Das verleiht dem Film eine leise ökologische Botschaft, ohne dass sie plakativ auf die Leinwand gehämmert wird.

Anthony Dod Mantle, bekannt durch seine Arbeit an Slumdog Millionaire und Antichrist, liefert hier eine Kameraarbeit, die sich sehen lassen kann. Seine Bilder sind groß, episch, gleichzeitig intim. Nahaufnahmen der vom Wind gezeichneten Gesichter wechseln sich ab mit Totalen von sturmgepeitschten Wellen. Passend dazu ist auch die Farbpalette. Viel gedämpftes Blau, Grau und Braun, dazu das grelle Weiß der Sonne auf offener See. Dadurch entsteht ein Look, der die Härte der Natur eindringlich transportiert. Auch beim Produktionsdesign kann Im Herzen der See glänzen. Die detailgetreue Rekonstruktion der Essex, die Kostüme, die Werkzeuge, die Häfen – all das vermittelt eine authentische Zeitreise ins 19. Jahrhundert.

Gesichter im Sturm

Die Figuren mögen etwas dünn geschrieben sein, aber die Darsteller holen das Maximum heraus. Chris Hemsworth beweist erneut, dass er mehr kann als den Donnergott mimen. Als Owen Chase ist er charismatisch, körperlich präsent, gleichzeitig verletzlich. Man nimmt ihm sowohl den strahlenden Helden als auch den verzweifelten Überlebenskämpfer ab. Benjamin Walker als Kapitän Pollard verkörpert gekonnt die Unsicherheit eines Mannes, der Verantwortung trägt, der aber nicht die natürliche Autorität seines Ersten Offiziers besitzt. Seine Konflikte mit Hemsworth sorgen für die wenigen wirklich starken Dialogszenen. Cillian Murphys' Figur bleibt zwar etwas im Hintergrund, doch seine Präsenz ist spürbar. Er schafft es, selbst in wenigen Szenen eine Aura der Tragik zu verströmen. Tom Holland schließlich als junger Nickerson, noch vor seiner Zeit als Marvel-Spinnenmann, bringt jugendliche Frische, ein bisschen Naivität und viel verletzliche Präsenz.

Fazit

Im Herzen der See ist ein Film, der die Leinwand mit salziger Gischt, schäumenden Wellen und einem Hauch Abenteuer füllt. Ron Howard gelingt eine visuell beeindruckende Adaption, die dem Geist von Moby Dick Tribut zollt, auch wenn das Drehbuch eher im seichten Wasser schippert. Die Bilder sind stark, der Score trägt, das Produktionsdesign glänzt. Und das Ensemble – allen voran Hemsworth, Walker, Murphy und Holland – hebt die Figuren über ihre Drehbuchschablonen hinaus. Zwei Stunden Kino, die nach Salz, Öl und Holz riechen – und die daran erinnern, dass selbst die größte Legende einmal nur eine Geschichte von Menschen in einem Boot war.

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