Meisterwerk ? Pubertärer Schund ? Möchtegern-Kult ? Was ist er denn nun, Roger Avarys "Die Regeln des Spiels - The Rules of Attraction". Für mich siedelt er ganz stark zwischen extrem guten Film und Meisterwerk, denn einen so ungewöhnlichen und gleichzeitig überzeugenden Film bekommt man wirklich nur sehr selten zu sehen. Dass Avary ein Schüler Tarantinos ist, oder auch nur ein gleichgesinnter Filmkollege, das erfährt man schon zu Beginn besser. Mit einem Seitenhieb unterhalten sich zwei Collegestudenten über Filme, besser gesagt über "Killing Zoe", der fälschlicherweise immer mehr mit Tarantino als mit Avary, dem eigentlichen Regisseur, assoziiert wird. Dieser Dialog ist Auftakt zu einer sensationellen Bilderflut mit versnobbten, gefühlskalten und sexgeilen Teenagern, die ihre Zeit am College in Camden hauptsächlich damit verbringen, sich den nächsten Sexualpartner zu schnappen. Die Gefühle sind da stets sekundär, es geht lediglich darum, auf jeder Party möglichst eine Beute einzufangen, um das Leben lebenswert zu gestalten.
Im Mittelpunkt stehen dabei die 3 Hauptpersonen. Da wäre Sean Bateman, der Bruder vom allseits bekannten Patrick Bateman. Sean ist ein Chaot, wie er im Buche steht. Während seines Studiums dealt er mit Drogen und hängt mit dubiosen Typen rum. Seine Zeit verbringt er mit Tussis abschleppen, so viele wie nur irgendwie möglich. Sein Leben besteht aus Masturbation, Sex und Drogen. Dabei nimmt er keine Rücksicht auf Personen, im Gegenteil, die meisten vergisst er sogar regelrecht. Die zweite Person wäre Paul, ein Bisexueller, der sich in Sean verliebt, jedoch kaum Feedback bekommt. Und schließlich wäre da noch Lauren, die wohl tiefgründigste und vernünftigste Person des Campus, immer noch Jungfrau, die sich ihr erstes Mal für einen vernünftigen Typen aufheben möchte und in den Vorzeigeschwiegersohn Viktor verliebt ist. Sean wiederum zeigt für Lauren Gefühle. Endlich mal eine weibliche Person, für die er mehr empfindet.
Der Zuschauer wird in den Film wirklich phantastisch eingeführt. Er findet sich auf der sogenannten "Weltuntergangsparty" wieder, wo einem gleich mal die 3 Hauptcharaktere vorgestellt werden. Zunächst hat man das Vergnügen mit Lauren, die dem Zuschauer ihre Einstellung und ihren Gemütszustand erklärt, bis sie letztendlich bewusstlos von einem Freund vergewaltigt wird. Nun wird Paul vorgestellt. Aber nicht irgendwie, sondern von Laurens Vergewaltigung wird der Film zurückgespult bis zu einem Punkt, an dem Paul das Bild kreuzt und von da an setzt der Film wieder den richtigen Gang nach vorne ein und erzählt dessen Erlebnis auf dieser Party. Das Gleiche geschieht dann noch bei Sean. Da hat sich Avary wirklich etwas einfallen lassen, was den Zuschauer gleich mal auffällt und auf einen wirklich sehenswerten Film hoffen lässt.
Nun springt der Film ein ganzes Stück in die Vergangenheit und erzählt die Geschichte bis zu eben jener Weltuntergangsparty, die Anfang und Ende gleichzeitig darstellt. Auf dem Weg dorthin erfährt der Zuschauer, wie die 3 Personen sich kennengelernt haben und wie sie nun zueinander stehen. Von Minute zu Minute wird einem dabei Vieles klarer, bis zum zweifellosen Höhepunkt des Films, als sich ein unglücklich verliebtes Mädchen das Leben nimmt und in einer Art Schnelldurchlauf der Grund ihres Suizides angedeutet wird. Mit schockierender Wirkung.
Das Teenagerdasein und dessen Verhalten. Avary zeigt schonungslose Bilder, in denen Mädchen vergewaltigt und gleichzeitig angekotzt werden. In denen sich junge Studenten und Studentinnen das Leben nehmen wollen bzw. dies auch schaffen. Und alles, weil die Liebe einen so kleinen Stellenwert genießt. Paul verliebt sich in Sean, zeigt wirklich auffälliges Interesse. Doch Sean denkt gar nicht daran, wieso Paul so aufdringlich ist und er mit ihm so viel Zeit verbringen möchte. Im Gegenteil. Auf einer Party erkennt er ihn nicht einmal wieder. Sean schläft sich durch die Gegend, die Gefühle der Mädchen sind ihm scheißegal. Er bekommt anonyme Briefe von einer weiblichen Person. Eines Tages begegnet er Lauren in der Universität. Sie flirten ein wenig. Fortan ist klar, dass Lauren die Person der Briefe ist. Sean scheint dies zu Gefallen und fixiert sich zunehemds, für ihn untypisch, auf eine Person. Seine Gefühle für Lauren wachsen.
Dieses skrupel- und gefühllose Verhalten muss nicht nur auf die USA umgemünzt werden. Avary verfilmt den Roman von Brett-Easton Ellis, den ich persönlich nicht gelesen habe, sehr sehr sozialkritisch und fast schon übertrieben. Eine wahre Identifikationsfigur fehlt nicht nur, weil in verschiedenen Ebenen erzählt wird, sondern ganz einfach, weil es nicht viel zu identifizieren gibt. Am ehesten mag man sich mit Lauren anfreunden, die noch so etwas wie Prinzipien hat und ihr erstes Mal für die große Liebe aufheben möchte. Doch auch sie geht auf Parties, nimmt Drogen und macht schon mal die ein oder andere zweifelhafte Sache. Es wird auf jeden Fall kein Blatt vor den Mund genommen und die Teenager werden nicht gerade mit Komplimenten überhäuft. Gesellschaftskritik, fast schon hyperbolisch. Die Jugend als drogennehmende, herumsexende Instanz, mit wenig Sinn für Vernunft und wichtige Dinge. Sie lieben sich gegenseitig zu Tode, im negativen Sinn. Indem sie Gefühle missachten, andere ausnutzen und sich gerade deswegen selbst ins Abseits stellen.
Leider fehlt da teilweise etwas die nötige Charakterzeichung. Man merkt dem Film zwar an, dass er auf einem Roman basiert, doch meines Erachtens hätte man noch etwas mehr auf die Gefühlswelten der einzelnen Figuren eingehen können und müssen. Doch auch so deckt "Die Regeln des Spiels" gnadenlos auf, er schockiert, unterhält und provoziert gleichzeitig. Die große Stärke dabei ist die Optik, die mich an Filme wie "Spun" erinnert. Ob das eine Hommage an den guten Quentin Tarantino sein sollte, weiß ich nicht, Fakt jedoch ist, dass Szenen wie die geniale Eröffnungssequenz oder das tagebuchartige Vorstellen Viktors bahnbrechend sind und ganz klar der Qualität zu Gute kommt. Auch die Split-Screen Sequenz von Sean und Lauren, wie ihre verschiedenen Wege zum College nebeneinander gezeigt werden, bis sie sich letztendlich treffen, sich anfreunden und die Bilder symbolisch miteinander verschmelzen. Das ist wirklich einzigartig und verdammt gut mitanzusehen.
Das offene Ende, so ist mir gesagt worden, hat man auch in der Romanvorlage so gehabt. Man findet sich wieder auf der Weltuntergangsparty, diesmal hauptsächlich aus der Sicht von Sean. Ob die Eingangsszene nun jetzt die endgültige Wahrheit oder nur eine Variante von Seans Abend war, wird hier nicht ersichtlich. Der Film endet mitten im Schlusswort von Sean. Und gleichzeitig wird einem bewusst, einen wirklich anderen Film gesehen zu haben, der nicht unbedingt mit den sympathischsten, aber dafür umso unterhaltsameren Charakteren die vor allen Dingen junge Gesellschaft erheblich auf den Arm nimmt und kritisiert. Dass das auch noch verdammt kurzweilig, optisch phänomenal und ganz einfach wunderbar ist, kommt erschwerend hinzu. Und für mich ist nun nicht nur wegen "Killing Zoe" klar, dass mit Roger Avary ein weiterer Stern am Regisseurenhimmel aufgegangen ist. Danke.
9/10 Punkte