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Mit "Regeln des Spiels" wurde nach "Unter Null" und "American Psycho" ein weiteres Kultbuch von Bret Easton Ellis verfilmt. Regiesseur dieses Filmes ist Roger Avery, der in Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino das Drehbuch zu "Pulp Fiction" verfaßte und mit "Killing Zoe" und "Mr. Stich" zwei eher durchschnittliche Filme inszenierte.

Es gibt natürlich immer ein Problem, wenn man geniale Meisterwerke der Literatur verfilmt, wie es bei "Regeln des Spiels" der Fall ist (Der Name der deutschen Ausgabe ist "Einfach unwiderstehlich"). Und wie schon bei "American Psycho" ist es bei "Regeln des Spiels" der Fall, dass der Film von der Vorlage abweicht.

Am Anfang hält sich der Film noch sehr eng an das Buch. Die 3 Hauptfiguren (Sean, Lauren und Paul), die das College in Camden besuchen, befinden sich, in der furios inszenierten Auftaktsequenz, auf einer Party. Die 3 Personen erzählen hintereinander ihre Erlebnisse von der Party. Der Film bleibt weiterhin dicht an der Vorlage.
Sean trifft Lauren, weil er einen Kurs am College besuchen möchte, der jedoch nicht stattfindet, obwohl Sean sonst eigentlich nie erscheint. Er flirtet etwas mit Lauren und beschließt anschließend Lauren auf der nächsten Party flachzulegen. Lara, die wie sie auch im Buch beschrieben wird, hübscher ist als Lauren und auch deren beste Freundin, versucht sich an Sean heranzumachen. Sean ist jedoch ganz scharf auf Lauren. Diese erscheint jedoch nicht, da sie eigentlich mit Victor zusammen sein möchte, der für ein Jahr in Europa ist. Sean war jedoch erst mit Paul verabredet, der sich jedoch verspätet, da er mit seinen Freunden einen Erstsemester mit einer Überdosis ins Krankenhaus fahren musste. Sean möchte eigentlich nichts von Paul, aber da Lauren nicht erscheint und Paul ihm Dope anbietet, begleitet er diesen auf sein Zimmer. Kurze Zeit später taucht Lauren auf, die im Gegensatz zum Buch, nicht sehr attraktiv ist. Diese kleine Veränderung geht natürlich in Ordnung, um die Handlung zu straffen. Ebenso verständlich ist, dass die Beziehung zwischen Paul und Sean lange nicht, so ausführlich behandelt wird als im Buch.

Unverständlich ist jedoch, dass Sean schon mit Lara ins Bett steigt, bevor er mit Lauren zusammen war. Somit hat Lauren eigentlich gar kein Recht auf Sean richtig sauer zu sein und das Motiv, wieso Bateman mit Lara schläft wird total geändert. Im Buch verläßt Sean entnervt die Party von Lauren´s Lehrer, den sie im Buch auch sehr gern hat. Er sieht seine Beziehung mit Lauren als beendet und geht deshalb aus Frust mit Lara ins Bett. Im Film tut er dies nur aus sexuellem Verlangen. Zur gleichen Zeit besucht Paul seine Mutter, einen alten Kumpel und dessen Mutter, mit denen er zum Essen verabredet ist. Das assoziale Verhalten, seines betrunkenen Kumpels, der offensichtlich auch schwul ist, und die Reaktion der Eltern hat Regiesseur Avery zwar nicht 1:1 umgesetzt, aber genau so nahe an die Vorlage, wie es bei einem Film sein.

Der Selbstmord eines Mädchens, welches Lauren, zumindest im Buch kennt und Sean ständig Liebesbriefe schreibt, ist wieder eine brillant inszenierte Szene. Das Mädchen, dass mit der materialistischen Welt, ohne einen Funken Liebe, offensichtlich nicht zurecht kommt, schlizt sich sich die Pulsadern auf, während sie "Without you" hört.

Als Paul wieder zurrück in Camden ist, distanziert sich Sean, genau wie im Buch sehr von Paul. Doch gegen Ende fehlt doch sehr viel von der Vorlage. Da im Film, Sean keinen Sex mit Lauren hatte, wird Lauren nicht schwanger. Es fehlt die komplette Sequenz, in der Sean und Lauren zusammen wegfahren, obwohl Lauren keine Gefühle mehr für Sean hat. Erst als sie nach ein paar Tagen merken, dass sie sich nichts zu sagen haben, entschließen sie, dass Lauren doch abtreiben soll. Auch auf die anschließend wieder bessere Beziehung zwischen Sean und Paul, die am Ende zwar nur kameradschaftlich, aber dennoch sehr wichtig ist, wird verzichtet, ebenso wie auf Paul´s Partyleben danach und es fehlt gegen Ende einfach die Szene, in der klar wird, dass Sean die Stadt verläßt, da er seine Schulden nicht zurrückbezahlen möchte, die er bei einem Drogendealer hat. Ein Kumpel von ihm fragt ihn wieso er das Geld nicht bezahlt, schließlich liebe er ja Lauren. Und Sean antwortet ihm, dass er Lauren zwar liebe, aber nicht so sehr.

Das Ende des Films ist jedoch dennoch gelungen. Als Lauren Victor besuchen möchte, mit dem sie eine kurze Beziehung hatte, kann dieser sich gar nicht mehr an sie erinnern. Sean zeigt Paul die kalte Schulter, Lauren möchte nichts mehr von Sean wissen. Paul fragt Lauren, die früher auch mal mit Paul zusammen waren, ob sie Leibesbriefe in Sean´s Briefkasten geschmießen hat. Sie verneint es und die beiden kommen zu dem Schluß, dass es für einen kalten Typen wie Sean letztendlich gleichgültig ist, wer diese Briefe geschrieben hat und gestehen sich zudem ein, dass sie selbst nicht anders sind. In Sean´s letztem Monolog sagt er dann noch wie unbedeutend Lauren eigentlich ist und wie schnell er seine bisher größte Flame vergessen kann.

Obwohl der Film sich, vor allem gegen Ende, erheblich vom Buch unterscheidet, vermittelt er die gleiche Botschaft. Die Welt wir nur noch durch Materialismus und sexuellem Verlangen bestimmt. Werte wie Freundschaft und Liebe existieren nicht mehr. Im Buch wirkt diese Botschaft zwar noch härter und einen Tick brillanter, aber insgesamt schaft es Regiesseur Avery, die Stimmung des Buches wiederzugeben.

Zudem muss ich einfach noch sagen, dass der Film einfach erstklassig inszeniert ist. Neben den schon oben genannten Szenen, gibt es viele weitere brillante Szenen (u.a. das Videotagebuch von Viktor). Die Kameraführung ist teilweise so brillant, wie in einem Brian DePalma Film, in anderen Szenen wiederum rasant geschnitten. Die Verwendung der Musik ist jedoch das Highlight. Auch wenn ich die Songs eigentlich nicht so mag, passen sie einfach genial in den Film. Die Schauspieler sind alles Schauspieler, die nicht so sehr bekannt sind. Eric Stolz, James Van Der Beek oder Kip Pardue wird sicher der ein oder ander eingefleischte Filmfan kennen, doch insgesamt sind es noch keine großen Stars. Dennoch spielen sie ihre Rollen sehr gut. Avery hat den Film größtenteils gut besetzt. Die einzige Fehlbesetzung ist für mich die Rolle der Lauren, die im Buch wesentlich attraktiver beschrieben wird.

Regiesseur Avery hat mit "Regeln des Spiels" die bislang beste Bret Easton Ellis Verfilmung gemacht. Auch wenn der Film sich inhaltlich nicht weniger vom Buch entfernt wie "American Psycho", trifft er wesentlich besser den Grundton der Vorlage. Regiesseurin Harron hat den Grundton der Vorlage überhaupt nicht getroffen. Während Patrick Bateman (der Bruder von Sean) im Buch ein emotionsloser, verabscheungswürdiger Mörder ist, wird er im Film zu einem teilweise sympathischer Figur, wie etwa Freddy Krueger aus der Nightmare-Reihe. Der lockere Humor im Film spiegelt nicht den trockenen, rabenschwarzen Humor der Vorlage. In "Regeln des Spiels" sind alle Figuren genauso, wie sie im Buch beschrieben werden: Materialistisch, konsumsüchtig, beinahe emotionslos und kalt.

Regiesseur Avery braucht den Vergleich mit Tarantino nicht mehr zu scheuen. Mit "Regeln des Spiels" hat er seine erste hervorragende Regiearbeit geleistet und wenn er in seinen nächsten Filmen dieses Niveau hält, oder es gar noch steigert, kann Avery schon bald ein Kultregiesseur werden. Wenn "Regeln des Spiels" keine Literaturvorlage hätte, wäre der Film ein richtiges Meisterwerk. Da es aber die Vorlage gibt, muss man sagen, dass Avery noch etwas mehr aus dem Stoff herausholen hätte können. Somit ist der Film sehr unterhaltsam und anspruchsvoll zugleich, was heute ja nicht mehr für viele Filme gilt. Auch wenn Avery´s Film gute 30 Minuten länger sein hätte müssen um dem Buch gerecht zu werden (O.k., aber ich sehe auch ein, dass man dies sicher auch wegen kommerzielen Gründe nicht gemacht hat) schuf Avery eine der besten Filme, der vergangenen Jahre.

Hoffentlich schafft es Avery auch mit seiner nächsten Bret Easton Ellis Verfilmung "Glamourama" ein Film zu inszenieren, der die Klasse von "Regeln des Spiels" erreicht. Dies wird jedoch sehr schwer werden, da "Glamourama" der bislang schwächste Roman von Bret Easton Ellis war.

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