Review

Ein Mann will nach unten, versteht es aber nicht, als er endlich dort angekommen ist – das ist die Essenz von Paul Schraders Bio-Pic über das Schicksal des einst gefeierten TV-Stars Bob Crane.
Crane, auch in Deutschland bekannt als der Offizier Hogan in der Sitcom „Ein Käfig voller Helden“, wurde durch die Serie ein Star, wurde aber gleichzeitig Opfer seiner Sexsucht und dem Unverständnis seiner selbst, daß er deswegen im Ansehen aller sank.

Es hat etwas von „Sunset Boulevard“, wenn ein fröhlicher Crane die Zuschauer per Off-Kommentar über sich selbst informiert, vor allem wenn das im Vorspann genannte Buch, auf dem der Film basiert, „The Murder of Bob Crane“ heißt.
Entworfen wird das komplizierte Bild eines Mannes, dessen verqueres Selbstverständnis seinen Untergang bewirkt hat. Schrader läßt sich dabei viel Zeit, erzählt eine Geschichte in vielen Bildern und Szenen und versucht so, Aufschluß über Crane zu erhalten, ohne eine sensationsheischende Szene an die nächste zu hängen – trotz des erheblichen Anteils an Nackt- und Oben-ohne-Szenen (vorzugsweise von Frauen).

Der Anfang ist so klinisch-sauberer Mittelstand aus dem American Dream, daß das böse Ende folgen muß: Crane, noch DJ, aber gleichzeitig bereits sich abstrampelnder Schauspieler, erhält den Zuschlag für die o.a. TV-Serie, die ihn berühmt machen wird. Ein Haus, eine Frau, drei nette Kinder, alles wie aus dem Bilderbuch. Sonntags ist man in der Kirche und wir (und Crane selbst) wissen: Bob Crane ist ein netter, sympathischer Junge, den man liebhaben muß. Dieses Selbstverständnis des nicht rauchenden und nicht trinkenden Jungen, wird ihn lange tragen – am Ende jedoch sein Untergang sein, weil er es wirklich glaubt.

Natürlich gibt es bald die ersten Schatten im Paradies. Schmuddelmagazine in der Garage, die Bekanntschaft mit Willem Dafoes John Carpenter, Hi-Fi-Experte und Videopionier und ein ziemlich lockerer Geselle obendrein. Von jetzt an trommelt Crane zur Lockerung in Stripclubs und dabei bleibt es natürlich nicht. Die Ehefrau kann noch mal beschwichtigt werden und auch der Pfarrer wird gesprochen.
Hier allerdings gerät das Geständnis schon zur Schlüsselszene: Crane spricht zwar mit dem Geistlichen, allerdings in einem Diner, nicht in der Kirche. Und obwohl, wie vom Kirchenmann erwähnt, der Beichtstuhl für das Thema sicher besser wäre, beharrt Crane darauf, nur mal reden zu wollen – bis er für ein Foto posiert und der Pfarrer abdrücken darf!

Greg Kinnear bietet eine ausgezeichnete Leistung als Crane, dem visuell auffallend entspricht. Wäre der Film nicht zeitweise eine „Tittenparade“, hätte seine Darstellung des selbsternannten Sympathen Award-Reife.
Leicht und locker entwirft er das Bild des gewöhnlichen, sauberen Menschen, unter dessen Oberfläche es zunehmend brodelt. Dafoes Carpenter und sein leichter Triff-deinen-Star-Sex bringt die Sexsucht Cranes nur mehr und mehr an den Tag.

Und es wird schlimmer: wie beiläufig versinkt der Star immer mehr im Sumpf, was zunächst weniger optisch zu bemerken ist, sondern sich nur in Abgelenktheit zeigt, bei der Arbeit und im Eheleben. Alsbald ist die eine Ehe zuende (was ein Wunder, da das angeschaffte Videogerät auch zur Aufnahme von selbstgedrehten Pornos dient) und die nächste fängt an. Und damit dieselbe Leier...

Schrader wertet nicht, er läßt seine Figur sich selbst begleiten und bisweilen lässig kommentieren. Crane bleibt seinem Sexfimmel stets offen, die Hemmungen schwinden, die Öffentlichkeit reagiert, aber hält gleichzeitig den peinlich berührten Deckmantel darüber.
Was zunächst noch versteckt wurde, verteidigt Crane später, bis es nicht mehr kontrollierbar ist. Auch Dafoes Carpenter wird sehr ungewichtet angelegt, scheint sexuell nicht eindeutig zuzuordnen, schwankt zwischen Liebe, Freundschaft, Abhängigkeit und Frustration zum TV-Star. Crane selbst glaubt immer weiter an sich als netter Kumpel, den man liebhaben muß, auch als die Auswirkungen schon ins Groteske abkippen.

In einer späten Szene entlarvt der Film schließlich die Protagonisten, nur sie sich nicht selbst. Als alles verloren und Crane menschlich schon am Ende ist, philosophieren Kinnear und Dafoe auf dem Sofa sitzend über Frauen und Gesellschaft. Gleichzeitig läuft natürlich eine Sexaufnahme und löst eine automatische Reaktion aus: beide fangen an vor laufendem Fernseher an zu onanieren, während die Diskussion versandet. Es gibt nichts mehr außer dem Sex. Dirty old men sind sie geworden, wo sie doch revolutionär offen sein wollten.

Je weiter sich Crane jedoch von seinem Selbstverständnis entfernt, desto mehr paßt sich auch der Film diesem Zustand an. Je tiefer er sinkt, je unkontrollierter er wird (er schmeißt eine Kochsendung, indem er sich über die Brüste einer Zuschauerin ausläßt), desto mehr Handkamera ist im Einsatz, schwebt das Bild leicht delirisch schwankend durch die Szenerie, wird das Bild körniger und unwirklicher. Kinnear sieht zunehmend verbraucht aus in diesen Szenen, aber immer so unmerklich, daß es tatsächlich wie Auszehrung erscheint.

Das Ende: dramatisch. Erschlagen im Hotelbett, mit einem Kamerastativ, wie passend.
Der Film bietet, obwohl der Mord als ungelöst gilt, nur einen Verdächtigen an und macht ihn im Off-Kommentar zum Schuldigen direkt. Keine Klagen möglich, auch dieser Mann ist im wahren Leben bereits tot.

So gerät „Auto Focus“ zu einem biographischen Bilderbogen, der wahrer und aufrichtiger scheint, als so manch anderer Film, weil er seinen Figuren so unaufdringlich nah erscheint, weil die Geschichte an sich nachvollziehbar bleibt. Letztendlich hat jeder seine kleinen, dunklen Geheimnisse, nur machte Crane sie zur Chefsache und wurde so vom Sympathen, der er im Grunde war, zum bemitleidenswerten Arschloch und bekennenden Brustfetischisten. Die Konsequenz der Fatalität. (8/10)

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