Review

Bittersüß – das trifft es wohl am meisten, wenn man ein Attribut für „About Schmidt“ suchen sollte, wobei das „bitter“ dabei deutlich voranstehen sollte. Die Literaturverfilmung, die von ihrer Vorlage allerdings wenig übrig ließ, ist nämlich nicht ein brüllend komisches Roadmovie eines vom Pech verfolgten Rentners, sondern ein mit philosophischen Ansätzen gespicktes Ein-Personen-Drama, das wie selten zuvor seinem Hauptcharakter über die volle Filmlänge Zeit gibt, sich zu entwickeln und sich zu präsentieren.

Wenn man dann aber ergänzend erfährt, wie langweilig, eindimensional, gefangen und hoffnungslos der von Jack Nicholson gespielte Protagonist in seinem Leben und seiner Existenz ist, fragt man sich doch, was die Leute in den USA so begeistert hat und was einen persönlich anziehen sollte, diesen Film zu sehen.

Die Antwort ist ganz einfach: dieser Warren Schmidt ist einer von uns. Wir sind nicht alle erfolgreich, nicht alle glamourös und unsere Träume gehen nicht alle in Erfüllung, auch wenn wir das jetzt vielleicht noch nicht wissen.
Aber es könnte uns eines Tages so gehen. Warren Schmidt ist zu Filmbeginn pensioniert worden und es bedeutet das Ende seiner Existenz. Oder die Infragestellung aller Werte, denn jetzt, wo die Arbeit, das zentrale Etwas im Leben wegfällt, muß man sich anderen Werten im Leben stellen und da von allen Seiten genau das erwartet wird, muß man Bilanz ziehen. Und nun fällt uns vielleicht auf, das die nicht ganz so toll ausfällt. Nicht so, wie wir es uns gewünscht haben, wie wir erträumt haben.
Sicher, wir haben etwas erreicht, aber es ist nicht wie das Wunschgebilde der Vergangenheit, es ist eine Straße voller Schlaglöcher und Unwägbarkeiten.

Schmidt stellt sich dieser Erkenntnis nicht direkt in den Weg, er versucht ihr auszuweichen. Ohne zu wissen, wie so etwas geht, probt er den Aufstand, macht seine ersten eigenen Schritte, nachdem der eine Teil seines Lebens (Arbeit) geendet und der andere (Ehefrau) weggebrochen/gestorben ist. Seine Tochter bleibt freundlich aber reserviert, denn dieser Mann, der da von ihren Eltern noch übrig ist, den kennt sie nicht halb so gut, wie er ihr jetzt näher kommen möchte.

Für Warren wird die Idee, die Hochzeit seiner Tochter mit einem Mann, den sie angeblich nicht verdient zum Aufhänger seiner eigenen tief verwurzelten Frustration. Seine Karriere hat er nie so machen können, wie er wollte, denn er hatte eine Frau, die ihn aus Risikobewußtsein bremste. Eigene Wünsche hat er, in seiner Arbeit aufgehend, nie entwickelt. Seine Tochter ist ihm generell eigentlich fremd und als seine ihm ebenso fremde Frau wegstirbt, sucht er automatisch Nähe, ungeachtet seiner Umwelt und wie sie ihn wahrnimmt. Später wird er den Wunsch nach Verständnis und Nähe umsetzen, als ihm eine Fremde auf die Nase zusagt, wie es in seinem Inneren zugeht und damit einen kleinen Eklat provozieren, aber sonst auch nichts.
Natürlich sind alle seine Bemühungen nur rudimentäre Strampeleien seiner eigenen Unzufriedenheit und der Angst vor dem nahenden Tod. Deshalb ist auch ersichtlich, daß der ganze Trip (der den Film übrigens noch nicht zum Road Movie macht) für ihn zwar zu Erkenntnissen, aber nicht zu einer positiveren Wendung führen würde.
Schmidt muß scheitern, weil sein Leben ein Scheitern war, aber immerhin macht er sich noch einmal auf den Weg.

Sein Weg selbst ist angefüllt mit Frustrationen und traurigen Ereignissen, die sich in unseren Augen allein in ihrer Anhäufung als skuril und komisch erweisen, auch wenn da in unserem Hinterkopf die Stimme hallt, die uns sagt, das uns ähnliches wiederfahren könnte, denn wenn es kommt, kommt es dick. Und so bleibt der Grundton seltsam tragisch, denn das Bizarre gewinnt nie gegen den Realismus der Existenz.

Man hat Nicholson oft nachgesagt, er würde mehr grimassieren als spielen, doch selten war seine leicht übertriebene Mimik so gut kontrolliert eingesetzt wie hier. Diesen alten, müden, tranigen Schmidt möchte man in all seiner Schlappheit einfach in den Arm nehmen, wenn er nicht so ein im Herzen öder Typ wäre.

Der Rest der Besetzung entspricht dem Ganzen: weder ist die Tochter erfolgreich, noch wird eine besonders peinliche oder prunkvolle Hochzeit daraus; die Schwieger-Familie ist leicht schräg drauf (allen voran Kathy Bates, die tatsächlich in einer Whirlpool-Szene das Handtuch fallen läßt, ein zwar nicht attraktiver Anblick, aber verdammt ehrlich und mutig), der Nachfolger in der Firma ein junger Blender, der ihm in der Vergangenheit wohl ähnlich war.

Ja, es ist deutlich, was alles in Warren Schmidts Leben fehlt und am Schluß hat er nichts erreicht, außer der Erkenntnis, daß er nichts bewirkt hat, das Bestand hätte nach seinem Ableben auf diesem Erdball, die Angst vor dem großen Nichts des Lebens.
Und dann, in der allerletzten Szene wiederfährt ihm, Warren Schmidt, stellvertretend für uns, ein klein bißchen Gerechtigkeit, weil er einmal, ein einziges Mal im Leben etwas intuitiv getan hat. Mag die Szene auch für manche Zyniker klischeehaft wirken, aber wer sieht, wie Nicholson traurige Maske in einer einzigen langen Einstellung zerbricht und aus einem aus dem tiefsten Inneren kommenden Tränenfluß ein Lächeln steißgeboren wird und dann nicht angerührt ist, dem ist meines Wissens nach nicht mehr zu helfen.
There is a little bit of Warren Schmidt in all of us – which is yours? (8/10)

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