Jack Nicholson nimmt man jede Rolle ab, weil er sie nicht spielt, sondern lebt. Als Warren Schmidt verkörpert er hier eine Figur, deren Charakter so gar nicht zu bisherigen Nicholson-Rollen passt. Seine Wandlungsfähigkeit stellt er hier wieder meisterlich zur Schau: im feinsten Zwirn als Vorstand einer Versicherungsgesellschaft mimt er glaubwürdig eine nach außen hin erfolgreiche Gestalt, dessen Pensionierung ihn nun vor neue Aufgaben stellt, ihn sein Leben und vergangene Entscheidungen Revue passieren und Gedanken über die Zukunft anstellen lässt. Schmidt ist ruhig, bedächtig, nachdenklich, ein bisschen introvertiert und weckt den Anschein eines Mannes, dessen ganze Lebenserfahrung von 66 Jahren ihn zu einem Stück Altersweisheit verholfen hat.
Könnte man meinen. Soll man auch, wenn man beginnt sich in diesen Film hinein zuvertiefen. Schnell wird allerdings das Bild gerade gerückt. Hinter der Fassade sitzt ein Mensch, dessen Leben alles andere als erfolgreich war. Letztlich holt ihn die Erkenntnis ein, dass seine beruflichen Erfolge ihm als Mensch leider nichts gebracht haben. Weder in Bezug auf seine Frau oder seine Tochter, noch auf das weitere persönliche Umfeld. Die Frage ob er sogar ein Versager ist drängt sich schlussendlich nahezu auf.
Der Film beginnt mit der zentralen Fragestellung, die viele von uns beschäftigt: wie geht es weiter, wenn man erst einmal in Rente geht? Was macht man mit all der Zeit, die nun plötzlich zur Verfügung steht? Was Loriot mit "Pappa ante portas" auf humoristischer Ebene schuf zeigt Alexander Payne uns hier als nachdenkliche Tragikkomödie ernsthaft und zeitweise tiefgründig auf.
Die Geschichte wird aus Sicht Schmidt's erzählt, oft tauchen Gespräche in den Hintergrund um von sanfter unaufdringlich passender Musik überlagert zu werden. So können wir als Zuschauer uns schnell in die Stimmung Schmidt's hineinversetzen. Auch in komischen Momenten ist uns allerdings nicht nach herzhaftem Lachen zumute, zu sehr sind wir in der melancholischen Stimmung verfangen und hängen unseren eigenen Gedankengängen nach.
Schmidt erzählt in den Briefen an seinen Pflegesohn Ndugu was ihn bewegt, was in ihm vorgeht, und ermöglicht uns so hinter seine Fassade zu schauen - ein alter einsamer typisch kauziger Rentner. In jeder Szene spürt man sein Unvermögen mit den Wirren des neuen Lebensabschnitts zu Recht zu kommen. Der fortwährende Kampf mit seiner selbst "wer bin ich, was will ich, wohin gehe ich" zieht sich als roter Faden durch ein skurriles Roadmovie mit zahlreichen Selbstfindungsmotiven, die ihm in unterschiedlichen Variationen begegnen. Immer wieder hat er die Gelegenheit aus sich heraus zu gehen, über den Tellerrand blicken zu können und andere Menschen mit ihren Ansichten kennen und verstehen zu lernen - doch bis zum Schluss bleibt er sich und seiner Linie treu. Schmidt ist Schmidt und bleibt wie er ist, auch wenn man gegen Ende kurzzeitig das Gefühl bekommt: vielleicht hat er es erkannt, kann es aber nicht ändern. Ob er es überhaupt wollen würde wenn er es könnte bleibt letztlich ungeklärt - genauso wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. Denn daran appelliert dieser Film.
Um mit leicht philosophischem Einschlag zu enden, das wohl treffendste Zitat für die Situation Schmidt's aus einem Brief an Ndugu: "Welche Bedeutung hat mein Leben für irgendjemand? Mir fällt keine ein, nicht die Geringste."
(8/10)