Da wäre also das Regiedebüt vom Drehbuchautor von "28 Days Later..." (2002), "Sunshine" (2007) und "Dredd" (2012), das - wenig verwunderlich! - drehbuchmäßig etwas übereifrig Arbeit leistet und inszenatorisch eher im Gefilde gehobener, ansehnlicher Mittelprächtigkeit flanierend etwas zu sklavisch die Absichten des Drehbuchs ins Bild setzt.
"Ex Machina" ist schon dem Titel nach doppeldeutig und verweist dann auch in seinem weiteren Verlauf in Ton und Bild auf dieses und jenes, auf Klimt, Pollock, Wittgenstein, Chomsky, Turing und Oppenheimer, auf das antike Drama und die Bibel, auf Genreklassiker wie "The Stepford Wives" (1972/1975/2004), "Close Encounters of the Third Kind" (1977) oder "Kôkaku Kidôtai" (1995) und streut falsche und richtige, belanglose und wichtige Fährten, die den genreaffinen & -kundigen Zuschauer zum Ahnen & Fragen bringen sollen, und widmet sich neben seinem großen Thema der künstlichen Intelligenz auch gleich noch den seit zwei Jahrzehnten boomenden Gender-Themen - um dann zwar nicht mit einem Plot-Twist zu enden, aber zumindest mit einem Ende, das origineller ist, als es der Film lange Zeit vermuten lässt (weshalb man hier auch allmählich abbrechen darf, wenn man Spoiler hasst und den Film noch nicht kennt).
"Ex Machina" ist ein Science Fiction Film, der sich - wie sein Schöpfer - der Science Fiction mit Respekt & Ernst nähert (und vielleicht deshalb recht bedeutungsschwanger hübsche, ernste Worte des Wissenschaftlers Oppenheimer zitiert oder auf Linguisten und erkenntnistheoretische Sprachphilosophen rekurriert, deren Beschäftigung mit Sprache nicht bloß ganz praktische Folgen für durchaus handfeste Formen der Wissenschaft hatte, sondern sich - im Falle Wittgensteins - durchaus auch ein ratloses Staunen & Nichterkennen gegenüber den höchsten & unergründlichsten Dingen bewahrte); ein Film, der manchen womöglich zu verkopft, manchen etwas zu sprachlastig sein dürfte und der nicht zufällig als kleines Semi-Kammerspiel daherkommt, das - ganz im Gegensatz etwa zum "Dredd" - auf Aktion & Action weitgehend verzichtet und diese am ehesten noch in einem Gemälde des Action Painters Jackson Pollock aufscheinen lässt, als bloße, festgetrocknete Spuren von Action, als erstarrter Ausdruck von unbändiger Kreativität eines Künstlers, der - so stellt es der (not so) mad scientist des Films dar! - beim Malen seinen Intellekt ausgeschaltet und sich ganz seinen unreflektierten Emotionen hingegeben habe...
Im Gegensatz zu diesem Künstler ist [Achtung:Spoiler!] die Hauptfigur ein Programmierer, der (laut Chef) etwas zu lange denke, bevor er den Mund aufmache: Caleb ist ein junger Mann, der bei der Firmenlotterie den Hauptpreis gewinnt und seinen - sich abschottenden - Chef für eine Woche in dessen Anwesen (und Laboratorium) besuchen darf: im wahrsten Sinne das ganz große Los für einen Menschen, dessen Arbeit zugleich sein Hobby ist und dessen Chef eine angesehene Koryphäe auf dem gemeinsamen Gebiet darstellt. (À propos Koryphäe: Im Gegensatz zu den Chorführern antiker Dramen wird Nathan seine lange Zeit souverän gehandhabte Macht über das Geschehen allerdings verlieren. Diese noch etwas willkürliche, von außen an den Film heranzutragende Nähe zum antiken Drama äußert sich freilich in Titel & Finale etwas deutlicher... Nathans Figur wird eher - wie auch Caleb und Ava - über den Namen [Nat(h)an = Er hat gegeben] als Prophet mit direktem Draht zum Schöpfer mit der Bibel verlinkt, mag vielleicht sogar ein Wink in Richtung E. T. A. Hoffmann und dessen Nachtstück "Der Sandmann" (1816) sein, in welchem die Hauptfigur Nathanael eine Automate liebt und diese nicht von einer realen Frau zu unterscheiden versteht.)
Der Aufenthalt bei Nathan, der als Chef etwas leger einen kumpelhaften Kontakt bewirken will, ermöglicht es Caleb schließlich, nach dem Unterzeichnen eher dubioser Verschwiegenheitsklauseln die künstliche Intelligenz Ava zu beäugen & -fragen. Ava unterscheidet sich - da Nathan weltweit moderne Kommunikationsmittel zur Überwachung genutzt hat, um Ava die menschliche Mimik studieren zu lassen - eigentlich nur anhand ihres teilweise metallisch-plexigläsernen Kunstkörpers von einer realen Person und hat offenbar den Turing-Test bereits bestanden: Caleb darf sich nun in seiner freien Woche mit der Frage beschäftigen, ob das offensichtlich künstliche Geschöpf (mit dem liebreizenden Kunstkörper einer attraktiven Frau) auch tatsächlich eigene Intentionen, ein Bewusstsein und emotionale Empfindungen besitzt. Derweil verhält sich der kumpelhafte Chef, der es ganz offenbar mit Gesetz & Moral nicht so genau nimmt, immer verdächtiger, trinkt manchmal ein Bierchen zuviel, treibt mit dem Entsetzen Scherz, verfügt über ein in Notfällen lebensbedrohliches Sicherheitssystem (das einen bei Stromausfällen unweigerlich in den Innenräumen einsperrt) und behandelt das asiatische Hausmädchen - dessen Kunstmenschen-Charakter gleich beim ersten Auftritt angedeutet, aber erst weit später eindeutig offenbart wird - wie den letzten Dreck. Zudem hat er Ava (und die übrigen Kunst-Frauen) mit sexuellem Interesse ausgestattet und tanzt und vögelt quasi mit ihnen, wie es ihm beliebt.
Im Laufe der Stromausfälle, in welchen die totale Überwachung in Nathans Anwesen kurzzeitig auszufallen scheint (was der Film aber nicht bestätigt und schließlich als Trugschluss entlarvt, welchem das Publikum womöglich, die Hauptfigur aber keineswegs erlegen ist, hat sie sich doch auf solche Täuschungsmanöver schnell eingestellt, was dem Publikum allerdings vorenthalten und gegen Ende als Überraschungseffekt unter die Nase gehalten wird), rät Ava Caleb sogar, Nathan nicht zu trauen.
Immer verdächtiger gerät die Gesamtsituation, als Caleb in einer penetrant beiläufigen Großaufnahme eine Narbe auf seinem Rücken aufweist, von der zunächst nicht klar ist, ob man sie sehen oder übersehen sollte. (Das gilt auch für das kurze Aufhorchen der künstlichen Dienstmagd, als Nathan über die Sexualität seiner Schöpfungen spricht - und noch für einige andere Finten & Fährten.) Ist gar Caleb ein Kunstwesen? Gespeist mit falschen Erinnerungen an einen schweren Autounfall in einer Kindheit? Solche "Welt am Draht"-Momente werden schließlich nachdrücklich ins Spiel gebracht, als sich Caleb gegen Ende aus solch einem Verdachtsmoment heraus eine Klinge durch das eigene Fleisch zieht, um unter seiner Haut nach womöglichen Indizien für eine eigene Künstlichkeit zu suchen...
Hier ist er jedoch wie das Publikum in die Irre gegangen und man darf inzwischen zurecht vermuten, dass die Kindheitstrauma-Geschichte nicht bloß wahr, sondern auch der eigentliche Grund für seinen Firmenlotterie-Gewinn ist: denn Caleb ist bloß ein Versuchskaninchen für Nathan, der prüfen will, ob Ava Cleverness & Fähigkeit besitzt, den jungen Mann zu verführen und ihr zur Flucht aus Nathans Anwesen zu verhelfen; eine Flucht, die auch schon frühere Kunstfrauen auf ungleich primitivere Weise im Sinn gehabt hatten und die Nathans Herrschaft über seine möglicherweise mit echtem Bewusstsein und mit echten Emotionen ausgestatteten Schöpfungen moralisch fragwürdig bis hartherzig-sadistisch erscheinen und das A.I.-Genie beinahe zu einem Dr. Moreau des 21. Jahrhunderts geraten lässt.
Am Ende gibt es dann Überraschungseffekte und Wendungen zuhauf, Nathan manipuliert Ava und Caleb, Caleb jedoch war vorbereitet und hat seinerseits Nathan täuschen können, der nun auch von Ava getäuscht wird, die jedoch auch mit Caleb ein falsches (und offenbar doch vollkommen gefühlloses, rein effizientes, funktionales) Spiel spielt, aus welchem er sich letztlich sogar noch hätte retten können, hätte er das Spiel mit der Täuschung und dem Hintergehen bloß weitsichtig genug betrieben; so jedoch entkommt Ava ihrem Gefängnis, ermordet mit der anderen Kunstfrau - die sie auf letztlich nicht weiter erklärte Weise für ihre Zwecke einspannt - ihren Schöpfer, sperrt Caleb in einem der Innenräume ein, verpasst sich über Nathans Materialsammlung einen lebensechten Körper und fliegt dann schließlich mit jenem Helikopter davon, der Caleb eingeflogen hatte (und letztlich jenem Deus ex machina des antiken Dramas entspricht, der im Trivialfilm schon seit langem durch Helikopterrettungen in letzter Sekunde ersetzt worden war und im Titel "Ex Machina" ebenso anklingt wie auch die Herkunft eines möglichen Bewusstseins künstlicher Intelligenz).
Wie die Figuren spielt auch der Regisseur und Autor des Films ein Spiel mit doppeltem Boden, lockt er doch aufmerksame Zuschauer(innen) ganz bewusst auf Fährten, die er zwar allesamt weiterhin im Auge behält, dann aber zum Teil als Irrwege kenntlich macht, bevor er dann dem Publikum bislang vorenthaltene Infos mit den Überraschungseffekten des Finales vor die Füße wirft: ein unaufmerksames Publikum wird mit mehreren, ein aufmerksames Publikum wird mit wenigeren (aber durchaus noch vorhandenen) Überraschungen belohnt und wenn man auf jene Elemente blickt, die einem der Film im Gegensatz zu manch unnötigen Finten lange vorenthalten hat, dann darf man sich von diesem quasi-kriminalistischen Mitratespiel auch etwas verarscht fühlen.
Dem Thema der künstlichen Intelligenz nähert sich der Film immerhin sehr rational und nutzt es keinesfalls aus, um kitschige Tränendrückerei à la Spielberg ("A. I." (2001)) zu betreiben: Wenn Ava Caleb letztlich bloß für ihre Zwecke benutzt haben wird (wie Nathan es erhofft hatte, ohne jedoch an ein Gelingen zu denken), dann ist ihr Interesse für ihn schlagartig erloschen und kalt wie die Maschine, die sie letztlich ist, macht sie sich auf den Weg in die Freiheit. Und dennoch hat es sich Garland löblicherweise nicht nehmen lassen, recht effektiv mit dem Unbehagen zu arbeiten, das man dabei empfindet, wenn ein Objekt, das womöglich Subjekt ist, Trauer & Verzweiflung simuliert (oder möglicherweise eben tatsächlich auch empfindet). Allerdings bleiben letztlich durchaus Zweifel offen, wie es nun um das Bewusstsein und die Emotionen der Kunstmenschen steht (wenn man beispielsweise an die nicht weiter erklärte Solidarisierung zwischen den Kunstfrauen denkt): berücksichtigt man jedoch, dass auch die menschliche Hauptfigur in der Szene, in welcher ihr vorgeblicher Plan zu misslingen scheint und ihr insgeheimer Plan bestens läuft, ihre vermeintliche Enttäuschung über das scheinbare Misslingen selbst dann vortäuscht, wenn nicht Nathan, sondern bloß das Publikum auf ihre Mimik achtet, dann kann man allerdings auch getrost davon ausgehen, dass man innere Logik in einem minimalen Ausmaß durchaus für Lug & Trug geopfert hat, um das Publikum zu manipulieren und bei der Stange zu halten.
Es lohnt freilich kaum, sich noch weitere Gedanken über die Beschaffenheit der Kunstmenschen in "Ex Machina" zu machen, ist dieses Szenario doch für die Realität ohnehin nicht verbindlich und hüllt es sich doch über die Beschaffenheit dieser Figuren/Objekte recht bewusst in Schweigen. Bedeutsamer sind dann eher die mehr oder weniger unwichtigen Alltagsfragen, die "Ex Machina" quasi im Vorbeigehen aufwirft: Macht Liebe blind? Denkt man mit dem Schwanz? Wie geht man damit um, aufgrund der eigenen Liebe ausgenutzt worden zu sein? Wie ist Genugtuung beim Ausüben von (auch sexueller) Macht gegenüber Simulationen von Menschen moralisch zu bewerten? Und was bedeutet das für manche Formen des Vergnügens an Splatter- oder Pornofilmen? Weshalb gibt es lebensechte Sexpuppen und sagt die vermehrte Existenz von Sex-Frauenpuppen etwas über den Wert und die Bedeutung der Frau und ihres Körper in der Gesellschaft aus? Und wenn ja: Was? Diese Aspekte verhandelt "Ex Machina" freilich nicht mehr, präsentiert sich aber recht deutlich als Anstoß zu solcherlei Fragen.
Im Vordergrund steht dann allerdings das Spiel der Täuschungen, das die Figuren miteinander spielen (und der Autor - nicht ganz fair! - mit dem Publikum). Ein eher oberflächliches Such- & Ratespiel, was durch manche Gags (etwa die ISBN-Nummer eines Sachbuchs über künstliche Intelligenz als Bestandteil eines eingetippten Codes[1]) noch offensichtlicher zu werden scheint... Dieses etwas verkrampft-drehbuchlastige Moment des Films verleiht ihm eine Konstruiertheit, die dem Ideal des Zusammenspiels von Chaos und Systematik (in den künstlichen Hirnen), der Öffnung des Intellekts für unreflektierte Action & Emotion (im Fall des Pollock bewundernden Wissenschaftsgenies) und dem Nebeneinander von Trieb und Technik (in den Sex-Gynoiden) nicht ganz gerecht wird. Auf flüchtige Überraschungseffekte hin überkonstruiert, in seinen Außenaufnahmen so steril wie in seinen Innenaufnahmen (ohne daraus jedoch eine Formstrenge zu gewinnen), erreicht der Film nur selten kreative Größe vom Format eines Klimt oder Pollock: das Dekor und die Trickeffekte dienen als Blickfänger, eine bewusst angewandte Farbdramaturgie (weiß, rot, grün) ist unübersehbar vorhanden, ansonsten sieht man dem - mit einem Budget von elf- bis fünfzehnmillionen Euro - vergleichsweise günstigen Film seine durch keine weiteren kreativen Einfälle ausgeglichenen geringen Mittel jederzeit an... (und es gibt durchaus noch weit günstigere Filme, bei denen sowas nicht der Fall ist.) Ein unscheinbarer Hauptdarsteller rundet diesen nicht ganz vorteilhaften Eindruck noch ab; Oscar Isaac, der sich seit "Inside Llewyn Davis" (2013) und "A Most Violent Year" (2014) auf dem aufsteigenden Ast zu befinden scheint, hinterlässt hingegen in der dankbareren Rolle des schwer verdächtigen, undurchschaubaren, kumpelhaft agierenden Bosses mit heimlichen Zielen und geringen Hemmschwellen einen nachhaltigeren Eindruck - letztlich bleiben aber beide hinter Alicia Vikander zurück, die in der Rolle einer Maschine, welche erlernte Mimik nachstellt, wohl auch deshalb so hervorragend punkten kann, weil es nun einmal zu ihrer Rolle gehört, dass man sich stets fragen muss, wo & wann ihr Ausdruck von Innen kommt oder bloß gespielt ist.
Ein manipulierender Film über Manipulationen, ein Schauspiel über Vortäuschungen, ein seine Vorbilder selbstzweckhaft benutzendes Werk über das Benutztwerden... aber eben auch ein steifer, wenig lebhafter, überkonstruierter Film, der es mit seinem Interesse an seinen Wendungen und Überraschungen doch etwas übertreibt (und ein unaufmerksames Publikum stärker belohnt als ein aufmerksames).
6,5/10
1.) Vgl.: https://www.youtube.com/watch?v=hBF3JdfKgPQ