„Trio Noir"
Die Dreiecksbeziehung ist einer der gängigsten Motivkomplexe des Film Noir. Eine Konstellation, die in sich bereits den Konflikt trägt. Bei dreien ist immer einer zu viel, was für die Beteiligten nicht selten in einer tödliche Abwärtsspirale aus Liebe, Hass und Eifersucht endet. Klassische Werte wie Treue, Ehe und Familie sind in diesem Strudel aus überbordenden Leidenschaften und Begierden meist auf verlorenem Posten. Der Film Noir ist dabei erheblich moderner, konkreter und realitätsnäher als Produktionen aus der Vorkriegszeit bzw. aus den 1950er und 60er Jahren. Neben den krisenhaften Beziehungsgeflechten liegt das vor allem an der Darstellung der Frauen.
Berechnend, kaltschnäuzig, erotomanisch und in ihrer eiskalten Zielstrebigkeit zutiefst egoistisch, konfrontieren sie die häufig heillos überforderten Männer mit einem neuen Selbstbewusstsein, das die bis dato gängige Rollenverteilung über den Haufen wirft. Der daraus resultierende Beziehungsclinch enthält das volle Krisen-Programm: Obsessionen, Intrigen und Ehebruch, bis hin zu Totschlag und Mord. Obwohl man sicherlich nicht von emanzipierten Frauen im heutigen Sinn sprechen kann, sind diese „Femme Fatales" doch extrem starke, dominante Persönlichkeiten, die der sie umgebenden Männerwelt unmissverständlich ihren Stempel aufdrücken.
Anna - gespielt von Yvonne De Carlo - ist ein Paradebeispiel dieses Frauentyps. In Robert Siodmaks Noir-Klassiker Criss Cross (Gewagtes Alibi) steht sie zwischen ihrem Ex-Ehemann Steve und ihrem aktuellen Gatten Slim Dundee. Beide könnten nicht unterschiedlicher sein. Steve (Burt Lancaster) ist ein einfacher Wachmann, grundehrlich aber aufbrausend. Slim Dundee (Dan Duryea) ist ein lokaler Gangsterboss, der sich nach außen stets zuvorkommend und gelassen gibt, aber vor keiner Missetat zurückschreckt. Anna wird beide ins Verderben stürzen. Den einen, weil er nicht von ihr loskommt, den anderen, weil er sie dominieren will.
Der Zuschauer erlebt das Drama aus der Sicht Steves. Um die gescheiterte Ehe mit Anna zu verdrängen verlässt er Los Angeles für über ein Jahr. Bei seiner Rückkehr ist er überzeugt, dass Anna keinen Einfluss mehr auf ihn hat. Obwohl er bereits am ersten Tag ihre gemeinsame Lieblingsbar aufsucht, weigert er sich, sich seine Obsession einzugestehen. Freunde und Familie versuchen ihn zu warnen, bringen ihn aber damit erst recht gegen sich auf.
Als er Anna wiedersieht ist die alte Leidenschaft sofort wieder entfacht - auf beiden Seiten. Allerdings wird auch schnell deutlich, warum die Beziehung scheiterte. Steve ist krankhaft eifersüchtig und hat enorme Schwierigkeiten mit dem Selbstbewusstein und der Eigenständigkeit Annas. Nach einem erneuten Krach vergehen mehrere Monate, die Anna nutzt um den lokalen Ganovenkönig Slim Dundee zu heiraten. Aber auch Dundee kann die eigennützige und berechnende Anna nicht lange halten. Zwar schätzt sie sein Vermögen, ist aber schnell von seiner einengenden Kontrollsucht entnervt. Also schmeißt sie sich wieder dem leidenschaftlicheren Steve an den Hals, der ihr in Sekundenschnelle erneut verfällt. Als Slim die beiden ertappt, sieht Steve nur noch einen Ausweg, um die Affäre zu vertuschen: Er gibt vor, Anna lediglich als Mittelsmann für einen sicheren Coup kontaktiert zu haben. Aufgrund seiner Insiderinformationen wäre es ein leichtes für Slims Bande, einen prall gefüllten Geldtransporter auszurauben. Der Gangsterboss geht auf den Deal ein und auch Anna spielt mit. Keiner der drei hat allerdings ernsthaft vor, sich an die ausgehandelten Spielregeln zu halten ...
Obgleich Steve uns durch die Handlung führt, ist Anna das eigentliche Herz des Films. Ein Herz der Finsternis allerdings. Ohne sie wäre Steve nicht zurückgekehrt und wäre nicht in den fatalen Strudel aus Leidenschaft, Eifersucht und Begierde geraten. Er hätte kein Alibi für seine Affäre benötigt und wäre nicht auf die Idee gekommen ein Verbrechen zu begehen. Anna weiß, wie sie die Männer um den Verstand bringt. Ihre körperlichen Reize sind dabei ihre bevorzugte Angriffswaffe. Auch die Klaviatur diverser Emotionen beherrscht sie bis zur Perfektion. Je nach Bedarf und Situation gibt sie sich unnahbar, hilfsbedürftig, forsch oder wollüstig. Alles ist wohldosiert und kontrolliert. Zu keinem Zeitpunkt lässt sie sich von ihren Leidenschaften beherrschen, sondern setzt diese kalt berechnend ein, um ihre Ziele (v.a. Geld) zu erreichen.
Während Anna eine typische Femme Fatale darstellt, so ist Steve der klassische Anti-Held der Schwarzen Serie. In jeder Hinsicht das krasse Gegenteil von Anna, ist er leicht zu manipulieren und lässt sich fast ausschließlich von seinen Gefühlen leiten. Obgleich sein Verstand rebelliert, fühlt er sich so stark (sexuell) von Anna angezogen, dass er sämtliche Warnungen, Ratschläge und Alarmsignale in den Wind schlägt. Der junge Burt Lancaster hatte bereits in Siodmaks The Killers eine starke Leistung in einer ganz ähnlich angelegten Rolle abgeliefert. Sein Steve ist ein Gehetzter, ein hilfloses Opfer seiner Obsessionen und Leidenschaften und trotz seiner selbstzerstörerischen Art der einzige echte Sympathieträger des Films. Von Beginn an ist er dem Untergang geweiht und verfängt sich immer tiefer im tödlichen Spinnennetz seiner selbstsüchtigen Ex-Frau.
Aber auch der scheinbar cleverere Slim ist letztlich nur ein Spielball in Annas Marionettentheater. Wie Steve erliegt er ihren körperlichen Reizen und bringt sie ihren rein monetären Zielen ein gutes Stück näher. Als er im Gegenzug Unterordnung und ständige Verfügbarkeit fordert, wechselt sie flugs die Fronten. Um seinen vermeintlichen Nebenbuhler auszuschalten, lässt sich Slim auf den gefährlichen Coup ein. Wie Steve trifft er wegen Anna eine emotionale Entscheidung, die seinen Untergang bedeutet.
Der Exilant Siodmak - er floh in den 1930er Jahren vor den Nazis - erzählt diese fatale Dreiecksgeschichte nüchtern, lakonisch und mit enormen Gespür für atmosphärische Dichte. Criss Cross ist spannend, fesselnd und zieht den Betrachter mit zunehmender Dauer immer tiefer in den Morast aus Begierde, Intrige und Verbrechen aus dem es letztlich kein Entrinnen gibt.
Wesentlich für die Wirkung des Films ist die ausgeklügelte Lichtdramaturgie. Bereits in seinen vorangegangenen Hollywood-Kriminalfilmen etablierte Siodmak den low-key-Stil (v.a. in The Killers, 1946), der auf die Erzeugung von Dramatik durch harte Schatten ausgerichtet war. Das Bild wird durch dunkle Flächen dominiert, was ein düstere Grundstimmung erzeugt. Eine einzelne Lichtquelle reißt Gesichter (bzw. Gegenstände) aus der Dunkelheit, die in ihrer Exponiertheit und klaren Abgrenzung um so hilfloser, schutzloser oder eben auch bedrohlich und gefährlich wirken.
Dazu arbeitet Siodmak mit enormer Schärfentiefe, was den fotografierten Raum zum dramaturgischen Stilmittel erhebt. Je nach Ausleuchtung oder Figurenstaffelung steht er entweder für Dominanz, Sicherheit und Macht oder für Hilflosigkeit, Gefahr und Schwäche.
Im Film Noir gibt es kein Happy End. Schon gar nicht bei Siodmak. Wie schon in seinem Meisterwerk The Killers endet auch Criss Cross im totalen Nihilismus. Der Begriff „Schwarze Serie" ist hier wörtlich zu verstehen. Kein noch so kleiner Hoffnungsschimmer durchdringt die völlige Dunkelheit. Siodmak ist damit einer der konsequentesten und radikalsten Interpreten des Noir Stils. Positive Gefühle und Werte wie Liebe, Begehren und Freundschaft werden entweder missbraucht, korrumpiert oder führen geradewegs ins Verderben. Die Dreiecksbeziehung trägt von Anfang an den Keim der Zerstörung in sich. Bei dreien ist eben immer einer zu viel. Wobei Criss Cross diese pessimistische „Gesetzmäßigkeit" noch zu steigern weiß. Am Ende sind alle drei zu viel.
(9/10 Punkten)