Review

Ich gebe es ehrlich zu: ich mag Til Schweiger nicht besonders.
Persönlich kenne ich ihn nicht, möchte daher keine voreilige Meinung zu Protokoll geben, aber in Anbetracht seines filmischen Denkens - seines künstlerischen Handelns - mag ich ihn einfach nicht. "Keinohrhasen", "Kokowääh" und deren Fortsetzungen sind handwerklich solide Filme mit schwachem Drehbuch. Schweiger spielt zumeist den selben Charakter, also sich selbst, gibt seinen Filmen merkwürdige Namen oder gar Wortschöpfungen und versucht, völlig ungeniert, seine Tochter Emma immer mehr und mehr auf die Leinwand zu drücken.
Heute ist es also "Honig im Kopf", eine deutsche Tragikkomödie mit Dieter Hallervorden und Emma Schweiger in den Hauptrollen. Man geht relativ unvorbereitet in den Film und sieht tatsächlich einen annehmbaren Streifen. Aber nun hat sich Schweiger noch mehr in die eigentliche Filmproduktion gedrängt, und das merkt man.

Inwieweit das Thema Alzheimer als lustige Samstagabend-Unterhaltung dienlich ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Sicherlich lacht man mal gerne über eine ernste Sache, um ihr ihren Schrecken zu nehmen und sie anfassbar zu machen. "Honig im Kopf" hantiert mit dieser Thematik auf der dünnen Linie zwischen Ernst und Quatsch, wackelt hier und da bedenklich, stürzt fast in die Klamaukabteilung und fängt sich dann wieder mit einer besonders rührenden Szenen. Til Schweiger ist insofern ein wenig Respekt zuzuschreiben, dass er diesen Balance-Akt 140 (!) Minuten lang hält, ohne je auf heiteres Feel-Good-Movie oder todernstes Drama zu schalten. Natürlich fallen da einige Dinge trotzdem störend auf. Wenn der demenzkranke Amandus nachts in den Kühlschrank pinkelt, dabei die Kamera auf den wackeren Strahl gerichtet ist, und der alte Mann nach getaner Arbeit wie ein kleines Kind zurück in sein Zimmer stapft, fragt man sich schon, was Schweiger dem Zuschauer damit sagen will. Solche Szenen gibt es zum Glück nur ca. drei im Film, und die fallen insofern nicht negativ auf, da Dieter Hallervorden sie spielt.

Dieser Mann ist eine Wucht. Der gute alte Didi ist nun also im Herbst seines Lebens angekommen. Schon in "Sein letztes Rennen" überzeugte der Komiker mit einer ernsten und doch so lebensfreudigen Leistung, dass es eine Wonne war, ihm zuzuschauen. Nicht anders in "Honig im Kopf". Hallervorden spielt seinen Amandus mit einer inneren Würde, die ihn nie der Lächerlichkeit preisgibt, ihn nie zur bloßen Spaßfigur des Films macht. Man fühlt mit ihm, man lacht mit ihm, man weint mit ihm.
Allerdings wirft Hallervorden so viel Erfahrungen in die Waagschale, dass Til Schweiger und Co. in ihren schauspielerischen Rollen nur verblassen können. Schweiger selbst spielt Sohn Niko, der zwei Stunden lang dieselbe Schnute zieht, wie in jedem anderen Schweiger-Film davor und danach. Dieser Niko hat keine Ecken und Kanten, darf zwar in einem lustigen, aber schmerzlich sinnfreien Intermezzo den Liebhaber und Boss seiner Frau niederprügeln, agiert aber sonst wie die notwendige Randperson, die Identifikationsfigur für den Zuschauer, der genauso wenig wie Niko in den Film eingreifen und nur zuschauen kann. Selbst wenn Amandus die Hecke abreißt oder die Küche in Brand steckt, schaut Schweigers Niko wie ein leidlich überraschtes Kind drein.

Jeanette Hain mag eine gute Schauspielerin sein, leider fällt sie aber Schweigers Drehbuch zum Opfer. Anfangs als eitle Furie konzipiert, die einen Seitensprung mit ihrem Chef hinter sich hat, verwandelt sich die Mutter der Familie ohne erkennbaren Grund und mit dem Feingefühl einer Schleifmaschine zur netten, freundlichen, herzallerliebsten Ehefrau, die plötzlich ihren heißgeliebten Job aufgeben will, damit sie sich um den anfangs verhassten Schwiegervater kümmern kann. Interessant dabei, dass Nikos Seitensprung nur flüchtig erwähnt wird, während das Fremdgehen seiner Frau breit ausgeschlachtet wird und sie erst wieder in der Familie willkommen ist, wenn sie sich der gegenwärtigen Situation fügt.
Tja, und dann ist da noch Emma Schweiger. Schauspielerisch ist die Kleine eine angenehme Überraschung, die auch ihren werten Vater in den Hintergrund spielt. Allerdings ist ihr Charakter, die Enkelin Tilda, so gutherzig, verständnisvoll und intelligent, dass die Glaubhaftigkeit arg strapaziert wird.

Die Geschichte funktioniert hierbei recht gut, das Road-Movie-Feeling gibt dem Film auf seinen letzten Metern einen hübschen Stilwechsel, nur das absehbare Ende flimmert erstaunlich nebensächlich über die Leinwand, hinterlässt zwar ein flaues Gefühl in der Magengegend, aber keine ernsthafte Trauer.
In allen Kritiken, die ich bisher gelesen habe, hat mir ein Aspekt allerdings gefehlt. Da war oft von "temporeich" die Rede. Das ist sicher eine schöne Umschreibung für das, was tatsächlich der Fall ist.
Der Schnitt ist eine einzige Zumutung.
"Honig im Kopf" würde als ruhiger Film sicher grandios funktioniert, aber das Bild kommt visuell nie zur Ruhe. Abertausende Schnitte dominieren jede einzelne Szene. Ein emotionales Gespräch am Strand zwischen Amandus, Niko und Tilda wird ungefähr hundertmal hin und her geschnitten. Man bekommt den Eindruck, ein hektisches Musikvideo ohne Musik zu sehen. Die Kamera kann auch nicht ruhig draufhalten, wenn Amandus seinen Teil des Dialogs vorbringt. Mitten im Satz wird hier auf Schweigers lächelndes Gesicht geschnitten, danach auf eine schöne Außenaufnahme, dann vielleicht auf das kunstvoll in Szene gesetzte Besteck auf dem Tisch, dann auf Emma Schweigers Lachen, zum Schluss auf Hallervorden, und dann dasselbe wieder von Vorne. Der Film gerät dadurch zu einem hektischen Kuddelmuddel, das mir tatsächlich nach einer halben Stunde die ersten Anflüge von Migräne bescherte.

"Honig im Kopf" ist sicherlich keine Meisterleistung von Til Schweiger, aber in seinen besten Momenten eine angenehme Überraschung. Hallervorden spielt grandios, und selbst die schlechten Szenen (Stichwort: Kloster) werden durch sein rettendes Schauspiel irgendwie sehenswertes.
Aber lieber Herr Schweiger: setzen Sie bitte einen Cutter, der die Ausbildung auch abgeschlossen hat, an den Schneidetisch.

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