Review

Ich gehöre zu den Nichtschätzern des filmischen Schaffens von Til Schweiger und habe mich dennoch - aufgrund des übermäßigen Lobes, das "Honig im Kopf" von verschiedenen Seiten bekommen hat - gern darauf eingelassen, ihn im trauten Kreis der Familie anzusehen. Und ich habe mich ernsthaft bemüht, dem Film unvoreingenommen zu begegnen - allein es sollte nicht sein, dass ich zum begeisterten Fan des Streifens werde. Dafür hat mich einfach zu viel ernsthaft gestört.

Nicht absprechen kann ich "Honig im Kopf" einen gewissen Unterhaltungswert. Ich habe mich amüsiert und auch geweint - allerdings in beiden Fällen begleitet von einem unguten Gefühl. Das Lachen kann/sollte einem an manchen Stellen eigentlich im Hals stecken bleiben, weil das Gezeigte viel zu dramatisch und auch nicht lustig für die Beteiligten ist (wenn etwa der an Alzheimer erkrankte Amandus mit seiner Enkeltochter durch den Hamburger Stadtverkehr donnert und dabei einige Menschen zu Schaden kommen). Die traurig-melancholischen Momente dagegen werden so richtig schön angefeuert durch den Gebrauch der üblichen Mittel ("Tränendrüsenmusik", dramatisch gesprochene Worte, denen man anmerkt, dass ein melodramatischer Schreiberling lange daran herumgefeilt hat usw.).
Wirklich aufgestoßen ist mir aber etwas anderes: Der Film ist eine "Tragikomödie" und erhebt den Anspruch, durchaus realistisch auf die Problematik Alzheimer aufmerksam zu machen. Ich hatte aber oft das Gefühl einer Märchenstunde beizuwohnen. Ständig geht in den verschiedensten Szenen etwas kaputt oder wird zerstört - von der relativ harmlos erscheinenden Gartenhecke über diverse Luxuskarossen und eine Soundanlage bis hin zu einem guten Teil der Wohnungseinrichtung - aber Gott sei Dank ist das alles überhaupt kein Problem! Geld spielt keine Rolle, ist im Überfluss vorhanden... die gezeigte Familie ist also alles andere als geeignet zur Identifikation (wobei es den Anschein erweckt, als könnte das eben jeder sein, dem das so passiert). Schön auch, dass die Mutter am Ende verkünden kann, dass sie sich ab jetzt mehr um den Opa kümmern will - ihre Arbeit gibt sie einfach auf (war ja eh bloß doofe Selbstverwirklichung, die keiner brauchte!).

Absolut an den Haaren herbeigezogen ist auch der letzte Teil des Films, in dem Enkelin und Großvater mit dem Zug nach Venedig aufbrechen. Sie stranden am Bahnhof von Bozen, dort hilft ihnen ein guter Samariter weiter, irgendwann überqueren sie dann - quasi barfuß und ohne ausreichende Verpflegung - die Alpen und landen in einem Kloster. Eine der Nonnen fährt sie - einige besinnliche und peinliche Dialoge später - selbstverständlich nach Venedig (warum passiert mir nie so viel Gutes auf einmal?), wo Sohn und Schwiegertochter zufällig im Hotel, das auch Opa und Enkelin ansteuern, schon eine der letzten zwei Suiten (1800€ das Stück) gebucht haben... ach, das passt alles so schön!

Zum Schluss gibts dann noch die frohe Botschaft, wie man am besten mit der ganzen Probematik umgeht (wir erinnern uns: Mutti kündigt und alle verbringen wahnsinnig viel Zeit miteinander etc.pp.) und der Zuschauer darf sich der Illusion hingeben, dass das alles zwar schon ganz schön schwierig, aber eben auch lustig und irgendwie doch zu meistern ist. Das Ganze wird in den sattendsten, strahlendsten und schönsten Farben gezeigt, die man sich so denken kann - eben den Farben unserer schönen bunten Welt!

Fazit: Trotz aller Kritik kann ich durchaus verstehen, dass "Honig im Kopf" so vielen Kinobesuchern gut gefallen hat - allein es ist nicht meins, wie hier vorgegangen wurde. Eine realistische sowie wirklich berührende (und dabei notwendigerweise weniger humorvolle) Auseinandersetzung mit dem Thema Alzheimer bietet aus meiner Sicht "Still Alice - Mein Leben ohne Gestern", den ich hiermit allen ans Herz legen möchte, die sich mit diesem Thema beschäftigen möchten.

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