Review

Eines muss man Uwe Bolls "Heart of America" zu Gute halten: Seine Betrachtung der Hintergründe eines High-School-Massakers weicht im Wesentlichen von dem Bild ab, das die Medien so gerne überstrapzieren. Bolls Attentäter sind keine Misanthropen, die, inspiriert von Gewaltvideos, so genannten Killerspielen und der Mitgliedschaft im Schützenverein, wahllos um sich ballern. In "Heart of America" sind die Täter eher bemitleidenswerte Existenzen, die durch Prügel, Misshandlungen und Zurückweisungen zu tickenden Zeitbomben verkommen sind. Motive, die in der Realität oftmals wenig bemüht werden. Letztendlich ist der boll'sche Blickwinkel allerdings doch zu eng gefasst, noch schlimmer, er verkehrt die Tatsachen in das andere Extrem.

Wobei die Frage gestellt werden muss, inwieweit es Boll tatsächlich um die Analyse eines solch tragischen Ereignisses gelegen ist. In "Heart of America" sind Daniel und Barry die beiden Unglücklichen, die von ihrer Umwelt schickaniert werden. Boll belässt es nicht beim der üblichen Dresche durch die üblichen High-School-Bullies, nein, die beiden müssen ihre Genitalien entblößen und Scheiße fressen. Nicht, dass es solche Mobbing-Attacken nicht geben würde, doch insgesamt bekomme ich das Gefühl nicht los, dass die Zurschaustellung derartiger Gewaltexzesse auch ein Stück weit der yoyeuristischen Triebbefriedigung des Betrachters dient. Klar, irgendwie muss Boll das Mitleid für die späteren Täter provozieren - aber das ließe sich sicherlich auch auf einer etwas subtileren Ebene bewerkstelligen.

Spätestens wenn der missratene, große Bruder des Ober-Schlägers von seinem "abgefahrensten High-School-Erlebnis" berichtet und damit die Vergewaltigung einer geistig zurückgebliebenen Jugendlichen meint, die dann noch schön in einer ausführlichen Rückblende ausgekostet wird, verfestigt sich der fragwürdige Eindruck, den dieser Streifen hinterlässt. Boll versucht sich aus dieser Klemme zu befreien, in dem er diese Geschichte zum Anlass für den Sinneswandels des Schlägertypen nimmt. Ein Kniff, der vielleicht im Falle der wundersamen Wandlung des Danny Vinyard in "American History X" funktioniert hat, und nun in "Heart of America" seine Wierderverwendung findet, inklusive der morbiden Schlusspointe aus Tony Kayes Neonazi-Drama. Da der Peiniger von Daniel und Barry jedoch bislang als per se degenierter Charakter aufgetreten ist, verpuffen die Vergewaltigungsepisode und sein plötzlicher Sinneswandel im Wirkungslosen.

Mag sein, dass ich dem guten Dr. Boll doch ein wenig zu viel unterstelle, doch in Anbetracht des bisher Gesehenen fällt der Schlussakt - das eigentliche Attentat - seltsam unspektakulär aus. Vielleicht um die Diskrepanz zwischen Gewalt und Gegengewalt noch deutlicher zu skizzieren und die Täter nicht als von Grund auf böse Monstren dastehen zu lassen. Vielleicht aber auch, weil Boll nicht in der Lage war, das ambivalente Bild, das solche Vorfälle immer wieder hinterlassen, vernünftig zu zeichnen. Ein Indiz hierfür ist die Vielzahl an Subplots, die Boll in den Schlussminuten zusammenführen möchte. Schließlich hat jede Figur in "Heart of America" mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen. Drogen, sexuelle Zurückweisungen, ungewollte Schwangerschaften, berufliche Verfehlungen im Kollegium - all das greift Boll auf, um seinem Werk eine Vielschichtigkeit zu verleihen. Doch letztendlich kann er mit seiner Analyse - sofern es denn wirklich eine sein soll - an der Oberfläche kratzen.

Seine Kritik am Schulsystem wird beispielsweise mit einer kurzen Nebenhandlung abgespeist: Michael Paré spielt einen Lehrer, der im Fach "kreatives Schreiben" unterrichtet, jedoch privat als Schriftsteller unter einer Schreibblockade leidet. Seinen Frust lässt er - pädagogisch wertvoll - an den Schülern aus. Auftritt von Patrick Muldoon ("Starship Troopers"), der groß auf dem DVD-Cover angekündigt wird und im Film einen Sexualkundelehrer (!) spielt: "Du als Schriftsteller leidest unter einer Schreibblockade? Das ist ja, als würde ich keinen mehr hochbekommen!" Wumms, der hat gesessen - Abgang Muldoon.
Auf diesem unterirdischen Niveau krebsen die Dialoge auch im weiteren Verlauf des Films herum, weshalb der Streifen ja auch gut und gerne für unfreiwillige Komik auf dem nächsten Trashfilmabend sorgen könnte. Wäre da nicht das ernste Thema, das uns hier so sorgsam seziert werden soll...

Blöd nur, dass sämtliche Figuren am Reißbrett entstanden sind. Die Jungschauspieler üben ihre Arbeit vor diesem Hintergrund zwar gut aus - im Gegensatz zu Jürgen Prochnow, der als Schuldirektor so seine liebe Mühe hat, durch seine mittlerweile arg angerunzelte Visage zu schauspielern - aber Betroffenheit mit den Schicksalen, die uns hier präsentiert werden, stellt sich zu keiner Zeit ein. Wie auch, wenn man bei der Beichte des Football-Schönlings seiner prüden Freundin gegenüber laut losprusten möchte? Ganz nach dem Motto: Du hast mich drei Jahre nicht rangelassen, also musste ich mich nebenbei mit willigen Schnallen einlassen. "Bei der Achten hab' ich aufgehört zu zählen", schmettert der Fiesling seiner Freundin (im Übrigen die Tochter vom Direx) ins Gesicht, die tatsächlich nichts Besseres zu tun hat, als sich diesen ganzen Käse in drei ausgedehnten Szenen auch noch anzuhören.

Da wollte ich meine Kritik doch wirklich sachlich angehen, doch je mehr ich über diesen Film nachdenke, desto mehr Unzulänglichkeiten kommen mir in den Sinn, über die ich mich noch in zig weiteren Absätzen echauffieren könnte. Deshalb versuche ich jetzt mal den Ausstieg zu finden und sehe über Bolls mäßige Qualitäten in der Inszenierung selbst und der fiesen, reißerischen Musikauswahl mal hinweg. Ist ja schließlich schönes Wetter draußen.

 "Heart of America" möchte den Anschein einer Sozialstudie wahren, gerät aber bereits in den ersten Minuten ins Trudeln. Ich will Uwe Boll den guten Willen bescheinigen, dass er die Aufarbeitung dieses ernsten Themas nicht fahrlässig an die Wand gefahren hat und vergebe mit einem zugedrückten Auge noch 3 von 10 Punkte. Bevor ich doch noch mit dem Gedanken spiele, mir den Audiokommentar reinzupfeiffen. Dort soll Boll den Zuschauern bei Beginn des Massakers viel Vergnügen wünschen...

   

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