Auch nach dem Sichten von „Heart of America“ bin ich mir noch immer nicht sicher, was genau ich von dem Film halten soll:
Aus etlichen Gründen hatte ich im Vorfeld eine platte, reißerische Auseinandersetzung mit dem Thema „Amokläufen an amerikanischen Schulen“ befürchtet:
Regisseur Uwe Boll („House of the Dead“) ist nicht gerade für seine subtile Inszenierung bekannt, der deutsche Werbeslogan „Bowling for Columbine war erst der Anfang...“ ist einfach nur grauenhaft schlecht, und die „in your face“-Szenenmontage des deutschen DVD-Menüs ließ eher schlimme Befürchtungen aufkommen als Vorfreude zu erzeugen...
Meine Befürchtungen (soviel sei an dieser Stelle schon verraten) wurden allerdings nicht ganz bestätigt – trotzdem ist der Film um etliches entfernt von den Attributen „subtil“ oder gar übermäßig „anspruchsvoll“, was vor allem an dem Inszenierungsstil Bolls liegt, der dem Ernst des Themas nicht ganz angemessen erscheint...
Die Geschichte offenbart sich (in Echtzeit) am Morgen des letzten Schultages der Highschool: Genau beim Gong zur ersten Stunde soll der Plan der drei Schüler (zwei Jungs und ein Mädchen, deren Pläne jedoch erst im Laufe des Plans offenbart werden) in die Tat umgesetzt werden. Bis dato werden ihre Erlebnisse in Rückblenden gezeigt, welche zur Entscheidung des Amoklaufes führten, denn sie waren allesamt Außenseiter und wurden von Mitschülern während der gesamten Schulzeit ständig (körperlich und psychisch) Misshandelt.
Neben den Tätern werden noch einige Schülerschicksale genauer beleuchtet (mit allen Aspekten wie Schwangerschaft, vom Freund verlassen werden, Gedanken über die Zeit nach Ende der Schule...), die am Ende verwoben werden.
Der Rektor der Schule (Jürgen Prochnow) muß sich im Kollegium gegen einen Lehrer (Michael Pare) durchsetzen, der seine Schüler gegenüber dem erfolglosen Verfassen eines eigenen Buches vernachlässigt und so auch eine entscheidende Rolle für die finale Entscheidung spielt.
Es werden viele reale Probleme der Gesellschaft (anhand des Beispiels „Mikrokosmos Schule“) angesprochen und angeprangert, wie beispielsweise das Dealen, Drogenkonsum, sexueller Missbrauch, Gewalt und so weiter...
Uwe Boll (der auch die Story geliefert hat) wagte sich mit „Heart of America“ an ein heißes Eisen, welches nach den Ereignissen von Columbine und Erfurt von der Unterhaltungsbranche im Bereich Spielfilm so gut wie gemieden wurde (von Michael Moore´s Oscargewinner und dem 2003-Gewinnerfilm der Goldenen Palme von Cannes („Elephant“) mal abgesehen).
Boll bemüht sich um eine seriöse Herangehensweise, indem er alle Hintergründe beleuchtet, auf Dialoge setzt und den finalen Amoklauf nur kurz zeigt und filmisch nicht ausschlachtet – nur setzt er Stilmittel wie „hippe“ Kameraarbeit und vordergründige Musikuntermalung zu direkt ein, um wirklich auf dem Gebiet Punkte zu sammeln.
Der Film beginnt mit einer seltsamen Einblendung, wie ein Schütze eine Überwachungskamera zerschießt – diese Szene passt aber in ihrer Art rein gar nicht zu dem Ende (ich frage mich, was das sollte!). Am Ende werden dann die letzten Vorfälle dieser Art chronologisch aufgeführt, wodurch einem nochmals bewusst wird, dass solche Ereignisse doch leider häufiger passieren...
Die Besetzung der Kids ist okay, die Erwachsenen werden von B-Film-Schauspielern wie Jürgen Prochnow („Judge Dredd“) , Clint Howard („Ticks“), Michael Pare („Virgin Suicides“), Maria Conchita Alonso („Extreme Prejudice“) oder Patrick Muldoon („Starship Troopers“) ebenfalls solide verkörpert.
Uwe Boll war nicht die richtige Wahl für den Stoff, denn im gesamten Filmverlauf wird fast nur geredet, und diese Dialoginszenierung gelingt ihm nur bedingt und wirkt durch das hin- und herspringen zwischen den Protagonistengesprächen holprig und manchmal unfreiwillig komisch. Die Rückblenden in Schwarzweiß zu drehen ist zwar auch schon überreizt, stört aber nicht unbedingt in diesem Fall.
Insgesamt bestehen die einzelnen Kids-Charaktere fast nur aus Klischees und Stereotypen, was ärgerlich wirken mag – doch wenn man die Täterprofile solcher Täter mal betrachtet, muß man feststellen, dass diese Attribute (wie dass sie gehänselt wurden, aggressive Musik hören, Außenseiter waren etc.) tatsächlich zutreffen...
Eine wirklich eindringliche Schlüsselszene gibt es im Film jedoch, und zwar als der ältere Bruder eines der Jungen, der die späteren Täter immer erniedrigt hat, von einer Aktion aus seiner eigenen Schulzeit erzählt: Hier hat er zusammen mit seinen Freunden ein geistig zurückgebliebenes Mädchen vergewaltigt und verteidigt diese Aktion noch mit Stolz, was den jüngeren Rowdy doch zum Nachdenken über sein eigenes Verhalten bringt...
Diese Szene ist zwar auch irgendwie klischeehaft, erfüllt ihren Zweck jedoch überzeugend (= der beste Moment des Films).
Respekt, dass sich Uwe Boll an dieses Thema herangewagt hat, ohne es reißerisch auszuschlachten, doch Boll ist nur ein mäßiger Regisseur, dessen „Stärken“ gerade in der „Holzhammer“-Inszenierung (wie bei „Sanctimony“ oder „House of the Dead“) liegen. Trotzdem gut zu sehen, dass ein Regisseur aus deutschen Landen in den USA / Kanada solche Filme drehen kann und auch gleich unserem Veteran in Hollywood (Jürgen Prochnow) passable Rollen verschafft...
Insgesamt kommen Action- und Gewaltfans genauso wenig auf ihre Kosten wie die Freunde seriöser, anspruchsvoller Unterhaltung. Wirklich schlecht ist „Heart of America“ nicht, aber auch nicht gut = halt nur mäßig, also 5 von 10.