Leise schwappt das Wasser an den verlassenen Strand von Ostia, wo das Leben aus den Strandhäusern und Bars gewichen scheint, in bläulichem Licht liegen die Appartement- und Bürohäuser der Stadt, selbst auf den Straßen Roms scheint nur wenig Verkehr zu herrschen - ein äußerer Zustand, der die Gefühle Emilios (Johan Leysen) widerspiegelt, der von Einsamkeit und Sehnsucht zerfressen auf ein Zeichen Giulias (Serena Grandi) wartet, die er gleichzeitig begehrt und ablehnt, ohne die er aber nicht leben kann.
Bisher verlief das Leben des Intellektuellen in geordneten Bahnen. Zwar wirkte er, von altem Adel abstammend und gemeinsam mit seiner Schwester Amalia (Valeria D'Obici) in einem ehrwürdigen, die Zeit der Jahrhunderte atmenden Palazzo lebend, aus der Zeit gefallen, aber sein Selbstbewusstsein hatte auch nicht darunter gelitten, dass er für den jungen und beliebten Autor Stefano (Sergio Rubini) als Ghostwriter arbeiten musste, weil sich seine eigenen Schriften nur schlecht verkauften. Die Beziehung Emilios zu seiner Schwester erinnert an Viscontis Geschwisterpaar in „Vaghe stelle dell‘Orsa“ (Sandra, 1965), mit dem er auch seine eigene adelige Herkunft verarbeitete. Eine Vergangenheit, die die Geschwister zu einem Zusammenhalt zwingt, der inzestiöse Züge annimmt. Zuerst erscheint Amalia wie die Geliebte Emilios, aber auch nachdem ihre Positionen geklärt sind, lässt sich die Abhängigkeit Amalias von ihrem Bruder nicht übersehen.
Auf diese fragile Konstellation trifft Giulia, der Emilio in das Obergeschoss eines Kleidungsgeschäfts folgt, wo sie unmittelbar Sex haben. Nicht nur für Emilio ein so überraschendes, wie aufregendes Aufeinandertreffen, sondern die Konfrontation des artifiziellen Kinos mit der Körperlichkeit Serena Grandis, deren wohlgeformter Hintern und ausladender Busen die Wucht personifizierte, mit der sie scheinbar gefestigte Strukturen aufbrach. Die Hochphase des italienischen Erotik-Films lag 1985 schon einige Jahre zurück. Auch Serena Grandi begann ihre Karriere im Kannibalismus-Film der frühen 80er Jahre („Antropophagus“ (Man-Eater, 1980)), bevor sie zunehmend als sexuelle Versuchung in Filmen inszeniert wurde („Malamore" (1982)), die ihre Erotik weniger im spielerisch-komödiantischen Stil der 70er Jahre, als dramatisch einsetzten.
Voraussetzung dafür war aber eine Frau wie Serena Grandi, deren Optik jedes rationale Argument pulverisierte. Der Originaltitel „Desiderando Giulia“ trifft es deshalb genauer als das neutrale „Giulia“, denn nicht die Frau steht im Mittelpunkt des Films, sondern das Begehren des Mannes, der zunehmend seinen Verstand verliert. Dabei gelang Regisseur und Drehbuchautor Andrea Marzini in seinem ersten Kinofilm die Wandlung eines sympathisch wirkenden, altmodischen Intellektuellen, dessen Begeisterung für Giulia nachvollziehbar ist, zu einem manischen Egoisten, der unfähig ist, aus seinen anerzogenen Verhaltensmustern auszubrechen.
Nachdem er sie zufällig wiedertraf, beginnt eine sexuelle Beziehung zwischen den intellektuell ungleichen Partnern, die von seiner Seite scheinbar ernsthafter betrieben wird. Er möchte sie für sich allein, während sie auch vor seinen Augen keine Hemmungen zeigt, mit anderen Männern ins Bett zu gehen. Der entstandene Eindruck ihrer Abgebrühtheit und seines Ausgeliefertsein kehrt sich langsam ins Gegenteil, denn ihre immer ausgefalleneren sexuellen Erniedrigungen erweisen sich als letztlich untauglicher Versuch, echte Gefühle in einem Mann hervorzurufen, der es keinen Moment in Erwägung gezogen hatte, sie zu sich in seinen Palazzo mitzunehmen oder seiner Schwester als seine neue Partnerin vorzustellen.
Giulia wirkt letztlich wahrhaftiger, während Emilio in einem egoistischen Strudel aus Lust, Eifersucht und Selbstmitleid versinkt, der in ihm jedes Gefühl für seine Umgebung abtötet. Seine Schwester Amalia, die eine kurze Affäre mit Stefano hatte, an deren Ende Emilio nicht unschuldig war, kann ihn nicht mehr erreichen. Trotz dieser dramatischen Entwicklungen, bleibt „Giulia“, begleitet von einer einschmeichelnd melancholischen Musik, zuerst ein Erotik-Film, der Serena Grandi ausreichend Gelegenheit gibt, ihre körperlichen Vorzüge zu präsentieren. Die Wellen des Meers kräuseln immer noch am Strand von Ostia, der Palazzo bewahrt seinen musealen Charakter und auch Emilio bleibt in jahrhundertealten Traditionen gefangen – in besonderer Erinnerung bleibt jedoch der Busen von Serena Grandi. (7/10)