Review

Der historische Kontext einer Fernsehserie sollte kein Maßstab für die Qualität sein, in diesem Fall ist es aber unbedingt notwendig, um die hier erbrachte Leistung einordnen zu können.

1967 als Patrick McGoohan nicht nur als Hauptdarsteller, sondern auch als Initiator der gesamten Idee diese 17 Folgen drehte (von denen nur 13 im deutschen Fernsehen gezeigt wurden), war ein solches Konzept völlig ungewöhnlich.

Von Beginn an war die Serie so angelegt, daß sie als Ganzes angesehen werden sollte. Da trotzdem jede Folge im klassischen 45 Minuten-TV-Format angefertigt werden mußte, galt es zwei Gesichtspunkte gleichzeitig zu vereinbaren :

- der unbedarfte TV-Zuschauer, der irgendeine beliebige Folge sah, mußte dort einen in sich geschlossenen Spannungsbogen erleben und trotzdem die Grundlage der Geschichte verstehen können
- die Intention der Macher, daß jede Folge auf einander aufbaut und die Lösung jedesmal näher zu kommen scheint , mußte auch erfüllt werden

Deshalb begann jede Folge mit einem mehrminütigen Vorspann, der zeigte wie Patrick McGoohan seine Arbeit als Agent hinwirft und wie er danach von Mitarbeitern eben dieser Institution in seiner Londoner Wohnung in Bewußtlosigkeit versetzt wird und dann in einem ihm unbekannten Zimmer aufwacht.

Noch leicht vernebelt erhebt er sich von seinem Bett und geht zum nächstgelegenen Fenster. Dort fällt sein Blick auf einen ihm unbekannten Ort und der jeweilige Titel der Folge wird eingeblendet.

Im ersten Teil „Die Ankunft“ erfährt er dann, daß er an einen Ort geschafft wurde, von dem es für ihn kein Entrinnen zu geben scheint, obwohl er sich dort frei bewegen kann. Sämtliche dort lebende Menschen verhalten sich vordergründig merkwürdig und es dauert eine Zeit, bie er die Regeln kennt, nach denen man sich hier zu verhalten hat.

Er wird als Nummer 6 eingeordnet (der originale Titel „The Prisoner“ trifft den Kernpunkt der Serie deutlich mehr) und auch alle anderen Personen an diesem Ort haben nur eine Nummer. Die ranghöchste Person ist Nummer 2, die aber immer mal wechselt.

Gleichzeitig wird aber auch klar, daß man ihn hier keinesfalls in Ruhe läßt, sondern ihn deshalb an diesen Ort gebracht hat, um herauszubekommen, warum er plötzlich seine Agententätigkeit beendet hat...Nummer 6 beschließt deshalb ,nicht nur zu entkommen, sondern auch herauszubekommen, wer dahinter steckt, also wer die Nummer 1 ist.

Obwohl die Serie in der Gegenwart spielte, wurden sehr viele futuristische Elemente verwendet, die natürlich heute altmodisch wirken und manchmal wie z.B. die Stahl-Wippe recht lächerlich in ihrer Machart sind.

Aber das sollte man als Reminiszens an die 60er Jahre betrachten, denn es spielt im Grunde keine Rolle für die eigentliche Qualität.

Der Futurismus ist nur deshalb notwendig, um diese Mischung aus der scheinbaren Bewegungsfreiheit der Nummer 6 mit der gleichzeitigen totalen Überwachung hinzubekommen. Außerdem wurden diese Zukunftsvisionen noch in neuartigen Methoden verwendet, um an innere Geheimnisse eines Menschen heranzukommen (A,B und C).

Am Besten ist die Serie in den Momenten, wo sie sich auf die psychologische Ebene begibt. Denn mit den fortschreitenden Folgen gefällt es Nummer 6 immer mehr, die Gegner zu ärgern, ihnen kleine Niederlagen beizubringen, auch wenn diese Siege ihn seinem eigentlichen Ziel nicht unbedingt näher bringen.

Mit der hervorragenden Qualität der Serie konnte die Art der Erscheinung im Fernsehen von vornherein nicht mithalten. Außer bei der ersten Folge, die nun einmal gezwungenermaßen als erste erscheinen mußte, wurden die Folgen in einer falschen Reihenfolge gezeigt.

Dadurch wurden gerade die Effekte der immer mehr im Detail zunehmenden Erkenntnisse des aufmerksamen Betrachters völlig ausgehöhlt. Zum Beispiel begegnet Nummer 6, als es ihm in der zweiten deutschen TV-Folge gelingt nach London zu fliehen („Herzlichen Glückwunsch“), eine Frau in seiner Wohnung, die behauptet schon lange dort zu wohnen und die ihm scheinbar hilft.

Dieselbe Frau begegnet ihm auch in der dritten deutschen TV-Folge wieder in einer negativen Rolle. Nur lag diese dritte Folge im Original vor der im deutschen Fernsehen gezeigten zweiten Folge. Dadurch wäre man als aufmerksamer Betrachter bei der Ankunft in seiner Londoner Wohnung gewarnt gewesen....

Leider ist die Serie im Endeffekt daran gescheitert, daß die deutschen Programmmacher dem eigenen Publikum nicht zugetraut haben, dieses Format zu verstehen.

Deshalb wurden die Folgen so in der Reihenfolge geändert oder andere einfach weggelassen, um im Grunde eine Attraktivität zu erreichen wie sie damals normale Krimiserien innehatten.

Aber damit konnte "Nummer 6" nicht konkurrieren, denn hier kommt es auf Zwischentöne an, auf Zusammenhänge und nicht zuletzt will McGoohan auch eine politische Haltung vermitteln. Das Alles erschließt sich nur bei der kompletten Betrachtung der Serie, denn selbstverständlich ist auch hier nicht jede Folge gleichwertig qualitativ.

Insgesamt handelt es sich hier um einen (leider zu) frühen Meilenstein, der fast in Vergessenheit geraten ist, aber an dem sich viele im Nachhinein orientiert haben (10/10).

Details
Ähnliche Filme