Gerade habe ich „YellowBrickRoad“ die Schrecken des begrünten Hinterlandes von New Hampshire erkundet und fassungslos zugesehen, wie eine schlechte Synchro, schwache Charakterentwicklung und das Ausbleiben auch nur eines Hauchs einer Erklärung ein im Grunde tolles Mysterium zerschießen, sitze ich auch schon vor „Black Mountain Side“, noch so einem Geheimtipp, den ich mir sogar in meiner Landessprache reinlöten darf.
Allein, auch hier spielt die Landschaft eine größere Rolle, als sie dem Rest des Films gut tut und wieder mal haben wir ein paar Filmemacher am Start, die zwar unbestritten Talent haben, aber ihr Startdrehbuch leider nicht auf den Punkt gedacht haben.
Aus dem Grünen ziehen wir mit „Black Mountain“ praktisch in den äußersten Norden Kanadas, irgendwo an der Kordilleren. Dort im Nirgendwo gibt es wohl reichlich archäologische Stützpunkte am „frozen arse of the world“ und wir sind an dem nördlichsten. Grund für die Ansiedlung einer Handvoll Wissenschaftler sind irgendwelche prä-vorzeitlich-amerikanischen Steinansammlungen, die vermuten lassen, dass vor ein paar tausend Jahren hier mal irgendwelche Josefs durch den verschneiten Tann gezogen sind.
In besagtem Stützpunkt 290 hat man nun aber was extrem Dolles aus dem Untergrund gebuddelt, eine „Struktur“ oder ein „Artefakt“, weswegen man von extern einen weiteren Doktor einlädt, um mal ordentlich Daten in den Laptop zu kloppen. Alle sind total von den Socken, wenn man da auch niedrige Maßstäbe ansetzen muss, denn man hoovert so nah am Polarkreis lang, dass die Jungs nur 5,5 Stunden Tageslicht am Start haben und damit die Arbeitszeit relativ begrenzt ist. Und wir haben November.
Ergo sitzt die Crew meistens relativ emotionsbefreit um den Messetisch und smokt diverse Schächtelchen Zigaretten weg, während man nebenbei Poker kloppt.
Und weil wir uns in einem frisch angewärmten Re-Do von Versatzstücken aus „The Thing“ und „Shining“ befinden, geht die Party dann auch bald los: erst wird die Katze massakriert, die einheimischen Arbeiter hauen insgeheim ab, dann fühlen sich einige gesundheitlich nicht so dolle, dann bricht auch noch der Funkkontakt mit der Basis ab und die Versorgung gleich mit. Irgendwann hat der Erste einen Schreianfall, weil sich unter der Haut seines Unterarm seltsame Dinge bewegen und notgedrungen greift man zur Behelfsaxt. Doch dabei bleibt es nicht, denn schon bald filetiert sich der Nächste freiwillig die Griffel und alsbald fangen diverse Anwesende nachts an, eine tiefe Stimme zu hören, die ihnen ominöses Zeugs erzählt, während sie in die Landschaft starren.
„Black Mountain Side“ ist, man ahnt es schon, ein zwiespältiger Film. Es geht (wie in „The Thing“) um einen Haufen Männer in der Eishölle, die mit größtmöglichen Scheißegalhaltung durch die öden Tage kommen, um etwas zu erforschen, was keinen interessiert. Das Ganze verwandelt sich dann in einen holden Fall von „cabin fever“, bei dem nach und nach Schußwaffen und Schneidewerkzeuge zu Einsatz kommen und alle drehen am Rad voll auf. Das heißt, wenn einer durchdreht, sind die übrigen tief beeindruckt, hauchen „Jesus!“ und stumpfen dann scheinbar weiter ab.
Worum es geht, muss man sich als Zuschauer schwer erarbeiten, denn die Produktion setzt voll auf Mysterium, hat aber nicht die Mittelchen, das alles auch noch zu zeigen. Dass sich die Zellen des Körpers offenbar nach Kontakt mit der Struktur in Tintenfischzellen verwandeln, wird zwar thematisiert, aber man braucht nicht auf dolle Mutationen zu warten. Die „Struktur“ selbst sieht aus wie ein übergroßer Hellraiser-Würfel aus grauem Schiefer, der kopfüber zu drei Vierteln noch in der Erde steckt. Richtig sehen kann man das Ding im ganzen Film nicht aus der Nähe, es wird zwar immer heftig von Zeichen gesprochen und über Symbole diskutiert (auch auf gefundener Keramik und anderen Steinen), aber die sind leider nie im Bild, man hört nur davon. Möglich, dass auch dafür kein Geld da war.
Wo das Geld blieb, sieht man immer dann, wenn die Gewaltausbrüche mal etwas kurzes, aber präzises Gematsche verlangen – leider gibt es sonst außer viel Natur nichts zu sehen. Lange Einstellungen behandeln etwa Kameraausrichtungen auf die Waldlandschaft oder nächtliche Campbeleuchtung im Schnee, zu sehen ist aber erst in den letzten 5 Minuten etwas, wobei es dabei dann noch arschduster zugeht.
Warum nun der Kontakt abbricht oder ob es parallel unbemerkt eine globale Katastrophe gegeben hat, wird nie näher thematisiert, aber dass die Jungs anno 2014 zu ihren Notebooks da nicht mal eine Lokalantenne für freies Wifi haben sollen, ist schon ein starkes Stück.
Dennoch versetzen die Macher den Zuschauer geschickt in den Zustand ständiger Erwartung und suchenden Ausharrens, ob sich nicht doch noch ein Effekt oder ein Hinweis auf höhere (lovecraftsche?) Mächte findet, doch meistens kreist man nur durch die Besatzung des Camps, die sich bald alle in einen Haufen Jack Torrances verwandelt. Wer recht böse urteilt, könnte auch sagen, die sind alle dort schon so abgestumpft, dass sie es auch nach mehreren suizidalen und mörderischen Attacken Einzelner nicht für geboten halten, offensichtlich psychotischen Teammitgliedern mal den Zugang zu Waffen zu sperren.
Das psychologisch belastende Isolationsgefühl ist hier sogar noch deutlich stärker als bei Carpenter ausgeprägt, aber der hatte auch Höhepunkt und reichlich FX-Geschmodder zu bieten, während man hier bis zur letzten Minute auf die dicke Pointe und die Erklärung wartet. Die omnipräsente Stimme des Wahnsinns, die hier alle hören, findet dann im Showdown immerhin mal eine sichtbare Form, allerdings ist der finale Schlusstwist (wenn ich denn so kühn bin, ihn so zu nennen) im ersten Drittel so derbe beiläufig angetriggert worden, dass ich die Schwarte in der Schlusseinstellung am liebsten an die Wand gekloppt hätte.
Und dennoch: für eine Kleinproduktion wird hier vom Setting viel Aufwand betrieben und der Horror kommt fast komplett drama-musikbefreit daher, was die Wirkung noch steigert. Die wenigen Effekte sind mehr als solide, rote Suppe gibt es auch ein wenig, nur das bedächtig trabende Tempo mit kleinen Pausen kompletten Stillstands und die geistesabwesenden und ultraknappen Gespräche stellen die Geduld manchmal auf den Prüfstand.
Das führt zu einem Film, den einige genial und andere kacke finden werden und ich kann beide Bewertungen voll und ganz umarmen. Obwohl ich mit vielem unzufrieden war, bliebt die Wirkung des Films einige Zeit hängen und damit haben die Filmemacher wohl was richtig gemacht. Wer allerdings seinen Endzeit-Mutations-Horror gern mit ganz viel Props und Glibber mag, der wird hier auf Diät gesetzt. (5/10)