Detective Dixon ist ein harter Hund. Ein verdammt harter Hund. Er hat kein Problem damit sich von einer ganzen Gruppe ihn hassender Gangster zusammenschlagen zu lassen, nur um die Typen damit endlich hinter Gitter zu bekommen. Zwölf Beschwerden gab es in letzter Zeit gegen ihn wegen Gewalt oder Erpressung. Sein Lieutenant kann das nicht mehr tolerieren und stuft ihn zurück, gemeinsam mit der Warnung, demnächst wieder Streifendienst machen zu können. Doch in dem aktuellen Mordfall, der das Revier beschäftigt, ist Dixon wieder ganz vorne dabei: In einer illegalen Spielhölle wird ein auswärtiger Gast erstochen, und keiner will es gewesen sei. Am wenigsten der Betreiber des Joints, Tommy Scalise, hinter dem Dixon schon seit Jahren her ist wie der Teufel hinter der Seele. Scalises rechte Hand, Ken Paine, ist dringend tatverdächtig, und als Dixon in der Nacht Paine besucht, kommt es zu einer Rauferei, bei der Paine irgendwann tot auf dem Boden liegt. Dixon ist kein Unschuldslamm und weiß, was er zu tun hat: Die Leiche verschwinden lassen, dabei als Paine auftreten und sich beobachten lassen, so tun als ob er die Stadt verlässt, und gleichzeitig ganz fette Spuren hinterlassen. Sein Plan gelingt, und als Verdächtigen hat der neue Captain den alten Jiggs Taylor an der Angel, einen Taxifahrer mit zweifelhaftem Alibi. Der allerdings ist der Vater von Dixons neuer Flamme, die gleichzeitig die Ex-Frau von Paine ist. Also was tun? Den liebenswerten Vater der geliebten Frau auf den elektrischen Stuhl bringen? Oder sich stellen? Beides nicht so tolle Vorstellungen …
Welch spannender Zufall: Zwei Tage zuvor sah ich STREET KINGS von David Ayers aus dem Jahr 2008, der ebenfalls einen knüppelharten Cop zeigt, der sämtliche Grenzen des Gesetzes weit hinter sich lässt, und auf seinem Weg nach unten in Siebenmeilenstiefeln schnellstens vorangeht. Und nun FAUSTRECHT DER GROSSSTADT aus dem Jahr 1950, der im Prinzip die gleiche Geschichte erzählt. Statt koreanischer Dealer sind es hier das mafiös aussehende, organisierte Verbrechen, aber das Prinzip ist das Gleiche: Dixon hat genauso wie Keanu Reeves als Tom Ludlow keinen Anstand mehr im Leibe, sondern sieht nur noch einen Weg, mit dem Verbrechen aufzuräumen, und das heißt rücksichtsloser Einsatz von Faust (der ältere Film) bzw. Schusswaffe (der neuere). Kommissare aus Eisen im bedingungslosen Krieg mit der Unterwelt …
Ein Unterschied zwischen den Filmen ist die Szenerie: Während STREET KINGS wie heute üblich an echten Schauplätzen in einem ungeschönt-herabgekommenen Los Angeles gedreht wurde, zeigt der ältere Film ein stilisiertes New York, das ausschließlich aus Schatten und aus Nacht besteht, was allerdings größtenteils im Studio erzeugt wurde. Trotzdem, hier ist die Großstadt noch der Grundstock des Üblen, entsprechend wird es in der Stadt auch niemals Tag. In einer einzigen Szene geht einmal die Sonne auf, aber wirklich sehen tun wir sie niemals. Sowohl die Cops als auch die Gangster gehen anscheinend nur bei Nacht aus dem Haus, arbeiten nur bei Nacht, und sterben auch bei Nacht. Und überhaupt, Cops und Gangster, Gangster und Cops – Selten sind die Unterschiede zwischen diesen verschwommener, sind (außerhalb des französischen Polizeifilms!) die Grenzen zwischen Gut und Böse undefinierter. Dixon kennt nur ein Gesetz, und das ist er selber. Die Beschwerden über ihn kommen nach seiner Meinung nur von Gangstern und anderem Abschaum, wogegen der Lieutenant nicht einmal widerspricht. Dixon kennt auch nur noch diese Seite der Welt, nämlich diejenige Seite, wo der Bürgersteig endet. Dort, wo der Abfluss ist, und die Scheiße weggespült wird, dort ist Dixon zuhause, und er sieht sich in der Rolle desjenigen, der für das Wegspülen zuständig ist. Kein Wunder, dass er sich in die, in überirdischem Licht badende, Gene Tierney verliebt, die Reinigung und Läuterung verspricht.
Die Beschreibung, die ich in STREET KINGS zu Keanu Reeves‘ Charakter gegeben habe, passt auch hier wie die Faust in das Auge des Gegners: Der Held ist ein Schlagetot in Uniform, ein erstklassiger Polizist mit Umgangsformen wie Attila der Hunne, der ob seiner Ermittlungserfolge kaum angreifbar ist, und wenn ihm jemand ans Leder will, dann stellt sich immer die Frage, wer denn die Drecksarbeit machen soll, wenn der Held mal nicht mehr ist. Wer die Leichenteile und die Spritzen wegräumen soll. Und hält der Captain in STREET KINGS seine schützende Hand über den renitenten Detective, so ist wieder der Weg nicht weit zu FAUSTRECHT DER GROSSTADT, wo der Lieutenant zwar an die Zensur des Jahres 1950 gebunden ist und gar keine andere Chance hat, als Dixon schlussendlich dem Gesetz zu überantworten, aber seine Miene spricht Bände: Du bist einer von uns und wirst es immer bleiben. Wer soll denn sonst den Dreck wegräumen, die Leichenteile und die Spritzen? Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Filmen ist hier der Hauptdarsteller: Das Dilemma Dixons, als er erkennen muss, dass sein wunderbar improvisierter Plan einen Unschuldigen mindestens ins Gefängnis, wohlmöglich aber auch auf den elektrischen Stuhl bringt, und dieser Unschuldige auch noch seiner engelsgleichen Geliebten sehr nahe steht, dieses Dilemma spielt sich im Gesicht Dana Andrews‘ wie ein Drama für sich ab. Die daraus resultierenden Aktionen Dixons sind aus purer Verzweiflung geboren und zeigen einen Menschen, der psychisch vollkommen am Ende ist. Der bereit ist sich aufzugeben für das einzige Gute im Leben, an dem er jemals teilhaben durfte. Keanu Reeves‘ Spiel dagegen ist bar solcher Emotionen das übliche Einheitsgesicht mit dem leicht verständnislosen Blick, kein Vergleich zu der Hoffnungslosigkeit Dixons, die geradezu mit den Händen zu greifen ist. Ergreifendes Drama versus effektheischender Action - Vielleicht auch einfach nur eine Frage der Generation, wer da was bevorzugt …
So oder so ist es aufregend zu sehen, wie ein Sujet, Cop prügelt und schießt sich durch die Unterwelt um das, was er für Gerechtigkeit hält, zu erlangen, wie dieses Sujet 1950 und 2008 umgesetzt wird. 1950 jedenfalls ist die Welt genauso düster und böse wie über 50 Jahre später. Und das Zusehen am Untergang des Polizisten ist in beiden Fällen ein enormes (cineastisches) Vergnügen (bitte nicht falsch verstehen!).