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Assoziiert man Russisch Roulette mit Filmen, fällt wahrscheinlich jedem "Die durch die Hölle gehen" ein und nach wie vor werden junge Filmemacher von dem Streifen inspiriert. Nach eigenen Angaben auch der Independent-Filmer Julian Schöneich, der mit minimalem Budget ein beachtliches Debüt hinlegt.

Sina (Lena Steisslinger) lebt nach dem Unfalltod ihrer Familie auf der Straße und hält sich mit Betteln und kleinen Gaunereien über Wasser. Eines Tages trifft sie auf ihre alte Schulfreundin Michelle (Aimée Goepfert), die ein lukratives Angebot parat hält: Russisch Roulette in einem Untergrundclub gegen eine entsprechende Gegnerin. Überlebt Sina drei Duelle winken ihr die Freiheit und für einen Neubeginn 15.000 Euro...

... so wenig soll im Übrigen der Streifen gekostet haben, was man ihm fast überhaupt nicht ansieht. Die Location kam Schöneich entgegen, da überwiegend in einer Industriegegend in Hamburg gedreht wurde, welche für einige Zeit frei zugänglich war und entsprechende Produktionskosten sparte. Ursprünglich war die Idee für einen Kurzfilm vorgesehen, aber man sieht ja, wie weit die Reihe um "Hostel" bereits gekommen ist.

Natürlich sind diverse Einflüsse nicht von der Hand zu weisen und der Handlungsstrang mit einem Undercover-Journalisten ist aufgrund mangelnder Plausibilität und ausbleibender Pointe gar völlig für die Katz, doch sobald sich die Damen, umgeben von dekadentem Publikum gegenüber stehen, sind spannungsgeladene Momente nicht von der Hand zu weisen.

Das liegt einerseits am recht überzeugenden Spiel sämtlicher Mimen, jedoch auch am Gespür fürs Timing, denn da wird nicht einfach nur wahllos draufgehalten. Schnitt und vor allem die Kamera arbeiten nahezu professionell, es gibt variable Blickwinkel und ferner einen sauber abgestimmten Score, welcher einige musikalische Richtungen umfasst und dabei dennoch nie aufdringlich klingt.

Woran das Gesamtwerk ein wenig leidet, ist die kurze Laufzeit und die Ambition, etwas zuviel in der Genremischung unterbringen zu wollen. Die Dramenanteile nehmen zu Beginn ein wenig zuviel Zeit in Anspruch, während kleine Andeutungen von Folter zwar auszumachen sind, jedoch selten explizit ausfallen. Auch Sinas Beziehung zu ihrem Freund wird zu kurz angerissen, um nach dem eigentlichen Showdown nochmals eingebunden zu werden, obgleich die letzte Einstellung wiederum treffend auf den Punkt kommt.

Insgesamt wirken die rund 77 Minuten Debüt dramaturgisch noch ein wenig unausgereift und zuweilen kommt bei den eher ruhigen Momenten die "typisch deutsche Unterkühltheit" zum Vorschein, doch demgegenüber stemmen Hauptdarstellerin Steisslinger und Matthias Unruh als russischer Bösewicht die Angelegenheit in den spannenden Momenten schon fast alleine.
Und man muss es sich vor Augen führen: Ein passabler und größtenteils unterhaltsamer deutscher Streifen für rund 15.000 Euro, - Hollywood-Flops verbraten solche Summen locker allein fürs Catering...
Knapp
7 von 10

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