Otto Preminger kann als einer der wandlungsfähigsten Regisseure überhaupt betrachtet werden: von ihm stammen film noir Klassiker "Laura" und "Angel Face", Dramen wie "Bonjour Tristesse" mit Jean Seberg und "Man with the Golden Arm", das Kriminal-/Gerichtsfilmdrama "Anatomy of a Murder", Western wie "River of no Return", das Kriegsdrama "Exodus", das Musical "Carmen Jones" (neben "Orfeu Negro" einer der ersten Filme, der seine Geschichte mit farbigen Darstellern erzählt) sowie der Thriller "Bunny Lake is Missing". Der Wandel wäre nicht weiter erstaunlich, wenn Preminger nicht dabei in den allermeisten Fällen eine überdurchschnittliche Qualität erreichen würde - verschmähte Gurken wie "Skidoo" waren selten und auch etwas schwächere Filme wie "A Royal Scandal" mit Tallulah Bankhead, Anne Baxter und Vincent Price, "Saint Joan" oder der ungerechterweise belächelte Politthriller "Rosebud" sind noch immer zufriedenstellende Werke.
Mit "The Moon is Blue" hat Preminger sein Talent für die Komödie vermutlich am ausdrucksvollsten unter Beweis gestellt - und einmal mehr gezeigt, dass er Tabus nicht scheute und locker unverkrampft angehen konnte (das hatte ihn immerhin bereits bei "Anatomy of a Murder" Ärger mit dem Vater seines Hauptdarstellers James Stewart eingebracht und sein "Man with the Golden Arm" hatte dank der grandios inszenierten Drogensucht des Hauptdarstellers - ausgerechnet Frank Sinatra - einen verruchten Ruf).
Der Film beginnt damit dass - und wer SPOILER verachtet, darf hier die Lektüre beenden (oder nach der nächsten Leerzeile wieder aufnehmen) - William Holden als Donald die wildfremde Maggie MacNamara als Pattie bis auf die Spitze des Empire State Buildings verfolgt - immerhin hat der charmante Draufgänger an der acht Jahre jüngeren Dame einen Narren gefressen. Statt die Aussicht zu genießen, flirten die beiden relativ schnell miteinander - und auch der Zuschauer verfolgt eher diese amüsante Annäherung als sich zu fragen, wieso die Aussicht auch einen Blick auf das Empire State Building bietet auf welchem man sich doch gerade befindet.
Dieser Flirt zeigt zum einen, dass Donald Hemmschwellen offenbar nicht kennt und Pattie vor keiner noch so indiskreten Frage scheut; damit führt Preminger Charaktere vor die nicht unbedingt alltäglich und damit weniger glaubhaft sind, nutzt allerdings diese extremen Charaktere - zumindest der weibliche Part ist ein absoluter Stereotyp der Screwball Comedy und präsentiert eigentlich recht gut genau DAS Frauenbild, welches Wooy Allen später in "Husbands and Wives" (1992) als "Kamikaze-Frauen" propagiert - um ein irrwitziges Kammerspiel in Gang zu bringen. Donald, als Architekt offenbar recht gut situiert, lädt die finanziell eher etwas bedürftige Pattie zum Essen ein (nachdem er ihr bereits eine Münze für das Fernrohr und einen für sie unerschwinglichen Lippenstift gegönnt hat - die Thematik finanzieller Abhängigkeit wird Preminger später noch ganz explizit einbringen). Nach einem kurzen Ausflug in Donalds Büro, wo Pattie erfährt, dass Donald bis vor kurzem noch mit einer gewissen Cynthia zusammen war, landet man schließlich bei Donald zuhause. Einige Spuren Cynthias nötigen Donald zu dem Geständnis, er habe sich erst am selbigen Morgen von ihr getrennt, was jedoch bei Pattie wenig Eindruck hinterlässt (nur ihre Neugierde findet dadurch neues Futter). Da in Donalds Kühlschrank die Lebensmittel vor sich hin gammeln, macht er sich auf um neue zu kaufen und Pattie erhält in den folgenden Minuten in der Wohnung erst Besuch von der zornigen Cynthia und dann von Donalds Freund und Nachbarn David Slater - von einem herrlichen David Niven, der den feigen Charmeur mit sichtlicher Freude mimt, überaus grandios gespielt.
Dieser entpuppt sich nicht nur als charmant-dekadenter Lebemann, der mit seinen Flirts ebenso prahlt wie mit seiner Feigheit und dem Mangel an Idealen, sondern zudem als Cynthias Vater, der ein ernstes Wort mit Donald reden möchte (besonders nachdem Pattie fragt, on Cynthia denn schwanger sei).
Donald kehrt zurück und sieht in David natürlich ein Hindernis... Die Beschuldigungen Cynthias, von denen David berichtet (laut diesen habe sie eine Nacht bei Donald verbracht und dieser habe sie eiskalt fallen gelassen) weist Donald weit von sich und erklärt, Cynthia habe bei ihm genächtigt weil David intimen Frauenbesuch hatte und er selbst habe mit dem Sofa Vorlieb genommen. Die Situation entspannt sich und es folgt ein Dinner zu dritt; David enthüllt dabei, von seiner Frau geschieden zu sein, weil er ihr einmal mit einer Bratpfanne auf den Hintern geklopft habe (Pattie: "Was denn, sie haben ihre Frau geschlagen?" David: "Na, wenn ich das überhaupt mal tue, dann nur bei Frauen. Sie müssen nämlich wissen: ich habe keine Moral und bin zudem überaus feige." Donald: "Jetzt tust du dir aber unrecht. Manchmal schlägst du auch einen kleinen Mann." "David: "Ja, wenn er sich nicht verteidigen kann, schlage ich auch mal einen kleinen Mann..." - Man sieht darin, wiesehr die Rolle Davids David Niven auf den Leib geschrieben wurde). Donald muss plötzlich verschwinden als Cynthia per Anruf mit Suizid droht wenn er nicht zu ihr käme und kurz darauf muss David in seine Wohnung, als die von Cynthia vorsorglich gefüllt Wanne (in der sie sich ertränkt hätte) überläuft und bereits Spuren an Donalds Decke hinterlässt. Pattie kommt mit und David lässt sie erst den Schaden beheben um ihr dann spontan einen Heiratsantrag zu machen, den sie freundlich aber betont mehrmals ablehnt. Bald darauf schenkt er ihr 600 Dollar - die sie erst nach langem Zögern annimmt - die er im Spiel mit einem bösartigen Kapitalisten (in Wirklichkeit Donald) abgeluchst habe und erhofft sich damit (trotz der Betonung, sie ginge keinerlei Verpflichtungen ein) eine gewisse Bindung. Die selbstlose Gabe die so selbstlos gar nicht war belohnt Pattie (die das Geld mehr als gebrauchen kann) mit einem Kuss - gerade als Donald und Cynthia zur Tür herein kommen. Es folgt ein kleinerer Streit der sich in Donalds Wohnung fortsetzt und erst unterbrochen wird als Patties Vater (ein Polizist) auftaucht und Donald ein Auge blau haut und Pattie danach mit sich nimmt... Die Adresse kannte er von Patties Freundin mit der diese am Abend noch kurz telefoniert hatte. David erscheint nochmals kurz auf der Bildfläche, macht die eine oder andere geistreiche Bemerkung und zieht sich ersteinmal wieder zurück.
Donald bekommt jedoch bald darauf wieder Besuch von Pattie, die sich für ihren Vater entschuldigen will... und kurz darauf erneut von David, der ohne es zu ahnen direkt vor Pattie - die sich im Hinterzimmer umzieht - eine spitzzüngige Bemerkung über die 600 Dollar macht. Empört gibt sie ihm das Geld zurück, entschuldigt sich nochmals bei Donald und am nächsten Tag sehen sich die beiden erneut auf dem Empire State Building wieder, wo Pattie Donalds Heiratsantrag annimmt.
Diese Zusammenfassung, die den vielen einfallsreichen Spitzzüngigkeiten ebenso wenig gerecht wird wie den köstlichen Versuchen der beiden Männer ihre Frauengeschichten voreinander zu verbergen oder aufzubauschen, ist natürlich trotz ihrer relativen Länge noch sehr unvollkommen. Was aber bereits durchscheint, ist das übermäßig konstruierte Drehbuch, das den Film von einem Höhepunkt zum nächsten treibt: Donalds Vorräte vergammeln, damit Pattie ohne ihn mit David und Cynthia verkehren kann, Cynthia lässt während der Suiziddrohung das Wasser laufen, damit David mit Pattie in seine Wohnung verschwinden kann, der Streit findet statt, damit Donald wieder in seine Wohnung zurückkehrt um von Patties Vater verprügelt zu werden, dieser taucht auf, damit Pattie verschwindet und Donald kurz mit David allein ist, usw. Das Drehbuch überlässt nichts dem Zufall und geht dabei sehr gestrafft und schnörkellos vor [für ältere Filme der 30er bis 50er Jahre nichts ungewöhnliches, besonders lehrbuchhafte Beispiele hat Hitchcock zuhauf abgeliefert], ohne jedoch vorhersehbar zu wirken [was hingegen selbst bei dem lehrbuchhaften Hitchcock häufig noch eine Folge war - man denke nur an den ebenso vergnüglichen wie schrecklich vorhersehbaren "The Lady Vanishes" (1938)]. Und neben all den erheiternden Stichen und Hieben, die man sich hier und da gegenseitig verpasst, und all den peinlichen Situationen, in die Patties unverschämten, naiv-freundlichen Fragen führen, ist vor allem noch genug Platz (und dazu mussten diese recht offenen, extremen Figuren eingebracht werden, die wildfremden Leuten Heiratsanträge machen, ihnen das nicht weiter benötigte Geld anbieten etc.) um althergebrachte Geschlechterrollen vorzuführen... Beide Männer versuchen mit materiellen Verlockungen zu prahlen (man erfährt im Dialog auch, dass Patties Mitbewohnerin einen verheirateten Mann zum Freund hat, der überaus wohlhabend ist) und beide sind sowohl von Cynthias Eigensinn wie von Patties Neugierde - die nicht in ihr Konzept passt, weil die Naivität der Fragen geradezu subversiv an den als selbstverständlich angesehenen Umständen kratzt - gleichermaßen irritiert. Emanzipiert ist Pattie jedoch trotz alledem keinesfalls, auch wenn sie David trotz 600 Dollar-Gabe und gesicherten Zukunftsaussichten verschmäht und Donald erst beim zufälligen Wiedersehen am nächsten Tag zum Liebhaber nimmt... Preminger (und natürlich Drehbuchautor Hugh Herbert, der sein eigenes Theaterstück zum Drehbuch umarbeitete - daher auch der kammerspielartige Stil über weite Strecken) karikiert somit zwar selbstherrliche Männerbilder, liefert aber auch keine emanzipierten Frauen (wie erwähnt liegt das subversive Moment ausgerechnet in der Naivität der Fragen Patties) und wird damit wohl damals [zu gewagt] wie heute [zu althergebracht] Zuschauer wie Zuschauerinnen größtenteils vor den Kopf stoßen.
Was dem Film damals einen skandalösen Ruf gab, ist Premingers bereits erwähnter lockerer Umgang mit intimen Gebieten: Ganz unverblümt wird in "The Moon is Blue" von Jungfräulichkeit und Schwangerschaft geplaudert, Mätressen, Verführung und Schlafzimmer sind Dreh- und Angelpunkte von Patties Fragerei und damit gewinnt der Film für ein Werk der frühen 50er Jahre ein geradezu saftiges Gehalt sexueller Töne, die an allen Ecken und Kanten lauern und den Zuschauer ganz direkt mit der Thematik konfrontieren, die er im Kino bisdahin so noch nie verarbeitet sehen durfte (selbst in der Exploitation-Schublade der Mädchen-Besserungsanstalten-Filme und ähnlich abwegigen Streifen wird man kaum offensivere Dialoge finden). Auf heutige Zuschauer mag der Film womöglich bereits sehr zahm wirken, wenn er sich das Entstehungsjahr nicht ausdrücklich vor Augen führt.
Im selben Jahr drehte Preminger nach dem von Zuckmayer (!) überarbeiteten Drehbuch Herberts in Deutschland den Film "Die Jungfrau auf dem Dach", der dieselbe Geschichte als dt. Version nochmal erzählt. Als Gag für Insider treten Holden und MacNamara als Touristen auf...
Schwache 8/10 für einen leider viel zu unbekannten Komödienklassiker (der an einige bessere Billy Wilder oder Howard Hawks Komödien durchaus heranreicht).