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Tennessee Williams und Elizabeth Taylor waren immer eine interessante Mischung, doch während „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ ein Klassiker in aller Munde blieb, nimmt „Suddenly, Last Summer“ immer eine Geheimtip-Position ein, ein großartiger Film, aber nicht wirklich geliebt.

Das kann verschiedene Gründe haben. Da wäre zunächst einmal das für diese Zeit relativ explizite Thema, das eigentlich sich um sexuellen Missbrauch, Homosexualität, Pädophilie und Kannibalismus dreht. Die Taylor spielt die Nichte einer reichen Witwe, die nach einem Urlaubsvorfall in Europa scheinbar wahnsinnig geworden ist, irgendwo zwischen Vulgarität und gewollter Amnesie schwankt. In diesem Urlaub starb Sebastian, der Sohn der Witwe, und hinter diesem Ereignis liegt ein schreckliches Geheimnis, das der behandelnde Arzt eines Südstaatenkrankenhauses offenbaren muß, wenn er sie nicht per Lobotomie ruhig stellen will.

Obwohl die Motive und Handlungen der Personen im Film fast nie wörtlich ausgesprochen werden, ist es offensichtlich, was hier vorgegangen ist – die Patientin wurde offenbar als Lockvogel für einen dekantenten Pädophilen missbraucht, der seine Homosexualität und innere Leere unter einem Deckmantel auslebte.

Williams schrieb eigentlich nur einen Einakter, den Gore Vidal zu einem fleischigen Drehbuch ausarbeitete, das aber in seiner reinsten Form gefilmtes Theater blieb. Wenige Sets, lange Dialogpassagen zwischen zwei Figuren oder seitenlange Monologe machen das Drama aus, dass Ende der 50er noch nicht gezeigt werden durfte und für das moderne Regisseure vermutlich verstärkt auf Rückblenden zurückgegriffen hätten.
Da er auch noch in schwarz-weiß gedreht wurde, ist diese gewisse Dialogstatik sicherlich der zweite Grund für die weniger ausgeprägte Bekanntheit.
Tatsächlich wirkt zu heutigen Zeiten die Brisanz der Geschichte relativ behäbig erzählt, in einer gewissen Südstaatenruhe. Während die Figuren mehr und mehr ihre Untiefen enthüllen und Abgründe in der Idylle sichtbar werden (typisch für Williams, vor allem die sexuelle Motivation), wird gleichzeitig das Bild einer Figur konstruiert, die nie im Bild zu sehen ist, zumindest was sein Gesicht anbetrifft: Sebastian, der verstorbene Dichter – Schlüsselfigur zu allem Schrecken.

Der dritte Grund dürfte in der Figurenkonstellation zu suchen sein, denn obwohl die Charaktere so angeordnet sind, dass das Verständnis leicht fällt, gibt es keinen Sympathieträger im Ensemble. Catherine (Taylor) und ihre Tante Violet (Katharine Hepburn) sind klassische Antipoden, reiben sich aber nur in der Schlußszene aneinander – wirken jedoch in der Rollenanlage beide entrückt, die Tante halb exzentrisch, halb verrückt; die Nichte als unkontrollierbare Insassin einer Nervenheilanstalt. Und der Arzt, der alles aufdeckt, als neutraler Chronist ohne wirklich persönliche Motive.

So kann sich der Zuschauer auch in erster Linie an den großartigen Schauspielerleistungen der Damen delektieren. Während die Taylor nach und nach den sichtbar werdenden Schrecken an sich heranläßt, bis alles in einem nervenzerrüttenden Monolog aus ihr herausschießt, spielt die Hepburn die eisgraue, durchtriebene Millionärin, deren schleichender Wahnsinn und erotomanische Fixierung auf ihren toten Sohn nur nach und nach durchsickert.
Während die Damen für den Oscar nominiert wurden, bietet Montgomery Clift als Arzt nur eine enttäuschend zurückhaltende, ja geduckte Darstellung. Mausgrau, ruhig, zurückhaltend, defensiv, wäre er nie im Bild, würde man ihn nicht vermissen. Clift war zu dieser Zeit schon ziemlich am Ende, ein Drogen- und Schmerzmittelwrack und seine Performance unterstreicht das.

Visuell am eindrucksvollsten ist sicherlich der als Schöpfungsmotiv ge- und missbrauchte urwaldartige Garten der Witwe, ein düsterer Ort von Leben und Tod auf engstem Raum und natürlich die effektive Schlußsequenz, in der Regisseur Mankiewicz erstmals mit Rückblenden (die erzählende Taylor bleibt stets am Rand im Bild) arbeitet und zeigt, was in dem südeuropäischen Land geschehen ist.
Natürlich lassen auch diese infernalischen und traumartigen Bilder (obwohl realistisch) noch verschiedene Interpretationen darüber zu, ob Mord, Selbstmord oder Unfall, ob Herzanfall oder Lynchmob; gibt es mehrere mögliche Interpretationen – dennoch bringt die Wahrheit die Erlösung – oder eben den kompletten Wahn.
Die Rückblenden bleiben noch am meisten im Gedächtnis haften, auch wenn man die statische erste Stunde schon fast wieder vergessen hat, trotz des metaphernreichen Dialogs.

Die Erfassung des Theaters mit filmischen Mitteln ist hier gelungen, die Steifheit einer Bühne konnte jedoch nicht überwunden werden. Der Film wirkt ehrlich, aber angejahrt, aus einer anderen Epoche. Deswegen keine Höchstwertung, aber eine uneingeschränkte Empfehlung. (7,5/10)

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