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Ein billiger kleiner Film über das große Scheitern. Es läuft nicht rund für Tommy Pistol (Aramis Sartorio). Erst kommt er zu spät zu einem wichtigen Casting-Termin, dann bringt ihn ein verunglückter Scherz mit der Mutter seines Chefs um den Job, und schließlich läßt ihn auch noch seine Freundin (Karen Sartorio) sitzen und zieht samt Kind zu ihrer Mutter, nicht, ohne Tommy zum Abschied mit der abfälligen Bemerkung "such a loser" noch einen weiteren Tiefschlag zu versetzen. Ein Jahr später. Tommy lebt alleine in seiner verdreckten Wohnung und klammert sich verzweifelt an seinen ganz großen Traum: Eine strahlende Karriere im Filmgeschäft. Bis dato hat es zwar nur zu diversen Blinzle-und-du-hast-ihn-verpaßt-Kurzauftritten als bedeutungsloses Extra gereicht, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Gegen Abend macht es sich Tommy vor dem Fernseher bequem, legt einen Porno in den Player, einen Hot Dog in die Mikrowelle, kramt seine Penispumpe hervor, stülpt sie über und beginnt zu masturbieren. Dann döst er ein und träumt. Er träumt von seiner Karriere im Movie-Business. Träumt davon, der große Star einer Snuff-Produktion zu sein. Träumt davon, Teil der Crew eines Workout-Videos von Arnold Schwarzenegger (Al Burke) zu sein. Träumt davon, Regisseur eines billigen Hinterhof-Pornos zu sein. Tja, es scheint, als bekomme Tommy selbst in seinen Träumen nichts auf die Reihe.

Mit The Gruesome Death of Tommy Pistol legte Hardcore-Darsteller Aramis Sartorio aka Tommy Pistol (Re-Penetrator, A Wet Dream on Elm Street, Kung Fu Pussy) 2010 sein Spielfilmdebüt außerhalb der Sex-Industrie vor. Und selbst wenn man den irrwitzigen Streifen nicht uneingeschränkt als gelungen bezeichnen darf, so ist er doch vor allem dreierlei: Originell, denkwürdig, und ziemlich einmalig. Ein Film wie dieser ist mir tatsächlich noch nie untergekommen. Um das Projekt umzusetzen, versicherte sich Sartorio der Hilfe von Freunden und Bekannten aus der Porno- bzw. der Low-Budget-Filmszene. Das Drehbuch schrieb er zusammen mit seiner Ehefrau Karen, der ehemaligen HC-Darstellerin Gia Paloma (die beiden übernahmen auch die Produktion). Für die Kamera war Matt Holder (The Masseuse 3, The Babysitter 8, u. v. m.) zuständig, während Tom Devlin (Daredevil, Bio Slime, Killjoy Goes to Hell...) die ausnahmslos handgemachten und phasenweise immens blutigen und/oder ekligen Spezialeffekte besorgte. Und vor der Kamera agieren unter anderem Sean Cain (Werewolf in a Women's Prison), Caleb Emerson (Rex Diaper in Citizen Toxie: The Toxic Avenger IV), der Ex-Wrestler Al "Mr. Outrageous" Burke (Punchy the Clown in Killjoy 3 und Killjoy Goes to Hell), Kimberly Kane (This Ain't Die Hard XXX) und Daisy Sparks (auch bekannt als Sparky Sin Clair und in "Klassikern" wie Nasty Anal Tryouts 2: POV+ zu sehen). Interessanterweise haben sich auch zwei Schauspieler in den Film verirrt, die bereits Hollywood-Luft schnuppern durften, nämlich Mia Tyler (Rush Hour 3) und Jon Lee Brody (The Dark Knight, Eagle Eye).

Nun aber zum Film an sich. Ich muß zugeben, ich bin richtig hin- und hergerissen. Einerseits ist The Gruesome Death of Tommy Pistol ein Paradebeispiel für kreatives, überbordendes, leidenschaftliches, hemmungsloses Low-Budget-Filmmaking, andererseits ignoriert Sartorio zahlreiche Grenzen des guten Geschmacks und suhlt sich förmlich in trashigen, perversen, widerwärtigen Geschmacklosigkeiten, so daß gewisse Szenen regelrecht abstoßen. Das selbstironische Konzept, daß man sich selbst bzw. sein Alter Ego gewaltig auf die Schippe nimmt, ist ja so neu nicht, aber die bitterböse und kompromißlose Weise, mit der Sartorio das konsequent durchzieht, sein famoses Scheitern und letztendlich seinen "grausamen Tod" inszeniert, läßt dann doch Staunen. Da möchte man glatt aufspringen und laut Beifall klatschen. Sartorios Talent ist unbestritten, und sein mitreißender Enthusiasmus (der Mann ist definitiv ein Genrefan) ist ebenso ansteckend wie die unbändige Energie, die im Film steckt, sowie die vielen krassen Ideen, die er immer mal wieder locker aus dem Ärmel schüttelt. Diese durchgeknallte Over-the-Top- und Anything-Goes-Attitüde zieht sich durch den gesamten Film. Der Humor, der hier gegenüber dem Horror klar die Oberhand hat, ist gewiß nicht jedermanns Sache, und bei einigen Gags kann man nur verständnislos den Kopf schütteln, aber da das alles weder verkrampft noch unsympathisch daherkommt, verzeiht man ihm das gerne. Das teils schrille, teils hysterische Overacting von Sartorio mag manchmal nerven, paßt aber gut zur irrsinnigen (und recht uneinheitlichen) Stimmung des in allen Belangen extremen Streifens, welche wie die Handlung immer mal wieder bizarre Haken schlägt. Es ist einfach unmöglich vorherzusagen, was als nächstes kommt.

Die drei Traumsegmente (im Prinzip ist The Gruesome Death of Tommy Pistol eine klassische Anthologie mit Rahmenhandlung) unterscheiden sich gewaltig voneinander. Nicht nur ist der Protagonist Tommy Pistol in jeder Episode unterschiedlich charakterisiert (als unterbelichteter Naivling, als ausrastender Wahnsinniger bzw. als schmieriges Arschloch), auch der Grundton der Szenarien differiert deutlich. Die Snuff-Geschichte erinnert von der Machart her ein wenig an Herschell Gordon Lewis' The Gore Gore Girls, ist aber wesentlich derber und überdrehter. Sowas könnte eventuell rauskommen, wenn Troma einen Torture Porn-Streifen produzieren würde. Die zweite Geschichte, in welcher der Gouvernator gehäutet wird, Tommy in seine Haut schlüpft und Amok läuft ("Security, come in, it's Arnold. He's killing everyone!"), bietet genug wahnwitzige WTF-Momente für zehn Filme. Außerdem wird der Ösi-Dialekt der steirischen Eiche zum Schreien komisch nachgeahmt. Und im letzten Traum, der übrigens im Vorfeld schon als Kurzfilm Attack Of The Staph Spider auf einigen Festivals lief, werden sämtliche Ekelgrenzen eben mal für null und nichtig erklärt und es geht mit Karacho abwärts in g'schmackige Organ-Gefilde. Also Kotztüten unbedingt bereithalten! Da fängt sich nämlich die von Daisy Sparks gespielte Pornodarstellerin durch einen Spinnenbiß eine böse Infektion ein, aber das ist natürlich kein Grund, die Produktion zu stoppen. Und so überträgt sich die unansehnliche Krankheit (schleimtriefende Pusteln und eitrige Beulen überall) langsam auf die gesamte Cast & Crew. Eine unfaßbar eklige und erstaunlich explizite Masturbationsszene ist dann der dubiose Höhepunkt.

Mehr als dreieinhalb Jahre arbeitete Aramis Sartorio an diesem Film, und daß einiges von seiner Persönlichkeit, seinen Gefühlen, seiner Wut und seiner dunklen Seite in dieses Werk eingeflossen ist (er gibt in einem Interview offen zu, daß er sich während des Drehs oft an einem "dark spot" befand), ist kaum zu übersehen. Gleichzeitig kann man The Gruesome Death of Tommy Pistol auch als comichaft-überdrehte Abrechnung mit dem unsäglichen Berühmtheitswahn sehen, wo manche Menschen fast alles tun, um endlich mal im Mittelpunkt zu stehen, und sei es nur für fünfzehn Minuten Ruhm. Am Ende kommt es dann zum erwarteten Schlußgag, doch während man noch darüber lacht, kippt die Stimmung auf einmal und ohne Vorwarnung. Durch einen kleinen aber immens feinen Kniff sorgt Sartorio dafür, daß einem das Lachen im Halse stecken bleibt, weil das Geschehen jäh eine tragische Dimension annimmt. Während einem das Schicksal sämtlicher Figuren davor mehr oder weniger egal war, so macht es nun "klick" und es wird emotional. Ja, diese seltsam berührenden, unerwartet kraftvollen Schlußmomente... Die machen aus diesem kleinen, billigen Film über das große Scheitern plötzlich einen ziemlich großen Film.

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