Traumhaftes Abschiednehmen
"Oculus" war ein effektiver Schocker, "Geralds Game" ist die vielleicht beste Verfilmung einer schlechten King-Story überhaupt und "Hush" ist für mich ein Netflix-Horror-Meilenstein. Außerdem hat der Regisseur mit "Absentia" schon früh ein Händchen für feine Schocks bewiesen und mit der Ouija-Fortsetzung einer totgeglaubten Reihe neues Leben eingehaucht. Einen schlechten Film, habe ich von Mike Flanagan noch nicht gesehen, ich bin Fan von ihm und freue mich auf weitere Projekte. "Before I Wake" reiht sich qualitativ in die genannte Reihe an soliden bis sehr guten Werken ein, selbst wenn er kaum der beworbenen Grusler ist sondern viel mehr ein Fantasy-Drama über Verlust, Träume und tief verborgene Ängste. Getragen von dem vielleicht besten Kinderdarsteller aller Zeiten, Jacob Trambley, erzählt die knackige Story von einem Ehepaar, dass nach dem tragischen Tod ihres Sohns einen kleinen Jungen adoptiert. Dieser scheint mit einer besonderen Gabe gesegnet zu sein, denn seine Träume materialisieren sich... doch da seine Alpträume und Ängste ebenfalls Gestalt annehmen, ist Fluch für diese Fähigkeit vielleicht der bessere Ausdruck.
"Before I Wake" ist viel eher "Pans Labyrinth" oder gar Helden-Origin-Story als Horrorfilm. Das Marketing hätte kaum schlechter sein können. Kein Wunder, dass die Leute hier nach enttäuscht aus den Kinos kamen. Für sich genommen ist dieser intime Film aber absolut gelungen. Stark gespielt, mit faszinierenden Effekten & Ideen, mit einer runden, sehr menschlichen und besonderen Geschichte. Wenn man nicht gerade den nächsten "Omen" oder "Nightmare on Elm Street" erwartet, bekommt man hier durchaus den ein oder anderen Gänsehautmoment. Vielleicht rollen sogar Tränen, wenn man vor kurzem jemanden verloren hat, den man geliebt hat. Leider schiebt sich der intelligente und persönliche Traumfilm in seinem letzten Drittel doch etwas Richtung Geisterbahn und wirkt ein wenig, naja, wie vom Studio dazwischen gefunkt. Das hätte nicht sein gemusst, das hätte er nicht gebraucht. Dass er sich dann zudem noch auf seine unsympathischste Figur konzentriert und diese zu rehabilitieren versucht, landete bei mir weniger.
Fazit: kein Horrorfilm, aber ein guter Film. Mike Flanagans Traumdeuter hat zwar seine gruseligen Stellen, punktet jedoch viel mehr als emotionales Familiendrama mit fantastischen Momenten. Leider vergisst das falsch beworbene Märchen dies in seinem letzten Drittel fast völlig. Kein Hit oder Fortschritt, aber Flanagan ist weiterhin locker auf der grünen Seite!