Wenn die Erinnerung an die Vergangenheit trügt oder unvollständig ist, dann ist das politisch unter Umständen gefährlich. Man denke da an Adolfs doch recht praktische Autobahnen, an die doch gar nicht so malade Wirtschaft der untergegangenen DDR oder die mutigen Pioniere, die sich ihren Weg in den amerikanischen Westen bahnten. In filmhistorischen Dimensionen allerdings bieten sich Möglichkeiten, vergangene Zeiten in die Sphären des nostalgisch Verklärten zu verschieben, ohne dass daraus Gefahr erwächst oder Geschichte geklittert würde. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob das vor dem geistigen Auge gezeichnete Bild von früher deckungsgleich mit dem früher gezeichneten Bild von früher ist (oder nicht). Oft war es damals nämlich doch so, dass man etwa die zeitgenössischen Ergüsse der Direct-to-Video Industrie - völlig zu Recht - als qualitativ minderwertig entlarvte und so einen Bogen um das zwar farbenfrohe, aber doch irgendwie schmuddelige VHS-Zeug irgendwo da hinten in der Videothek machte. Und erst heute, Jahrzehnte später, erinnert man sich der ulkigen Charaktere, der völlig an den Haaren herbeigezerrten Geschichten, der angestaubten Sprüche und interpretiert sie nachträglich um - von „plemplem" in „liebenswert". Als Stoff aus einer Zeit, in der sich die Welt zwar nicht langsamer drehte, aber doch (im Kino) weniger gehetzt (ohne Handy-Terror) und sprunghaft (nicht vor dem Green-Screen hin und her hüpfend) war. Und daraus wird dann eben (vor)schnell die „gute, alte Zeit". Doch wenigstens im Falle von „Interceptor" und ähnlichen Produktionen (Man denke da etwa an die Kultfilmschmiede „Cannon") tut das erstens nun wirklich keinem (mehr) weh und ist es zweitens, selbst bei verständnislosem Achselzucken, gar nicht so exotisch.
Ein Blitz fährt vom nächtlichen Sternenhimmel über der Wüste Arizonas hinab auf einen Highway. Und fliegt dann weiter. Entlang der Straße. Er nimmt Kurven und überquert Brücken. Denn er ist - ein Auto. Ein frisierter Chrysler Dodge irgendwas und damit ein Karren, der Mitte der Achtziger vermutlich so modern aussah wie heute der Mercedes GLA. Nun frägt man sich vielleicht, warum gerade ein Auto als Lichtblitz aus dem Weltall zu uns kommt - und keine achtbeinigen Monster, Superhelden oder Jesus Christus. Die Erklärung dafür ist so kreativ wie plausibel: Das Ding will sich Autorennen liefern mit einer Bande fieser Punks, die, knapp der Pubertät entwachsen, die Jugend am Ort sinnlos terrorisieren. Insbesondere die süße Keri (Sherilyn Fenn, „Twin Peaks"). Die muss nämlich schön stillhalten, wenn der fiese Anführer der Gang (Nick Cassavetes) so tut, als wäre sie seine Freundin. Dabei hat er doch ihren Freund umgebracht und in einen Canyon entsorgt. Kurz - man merkt gleich, wo hier der Hase hoppelt und warum was mit wem vermutlich in der Folge passiert. Nur ist es eben gerade nicht (!) völlig egal, wie irrational und wachkomatös hier alle Beteiligten ihrer filmischen Bestimmung nachkommen, denn der potentielle Unterhaltungswert entspringt (im Zeitalter der beinahe ausgestorbenen Videotheken) ja gerade der völlig schwachsinnigen Prämisse der Story und ihrer cartoonigen Figuren - und nicht einer etwaigen erzählerischen Raffinesse. Denn nach der sucht man hier als Einfaltspinsel vergebens.
Unterlegt mit einem heute bei Ebay gefragten Soundtrack, der von Ozzy Osbourne, über Billy Idol bis Bonnie Tylor ziemlich viel von dem abdeckt, was damals schwer gefragt war, gab man sich redlich Mühe, den gut gelaunten Leuten vor ihren VHS-Recordern etwas zu bieten. Autorennen durch die malerische Landschaft des ausschließlich als Setting gewählten Tucson, bei denen leider tatsächlich Stuntmen ums Leben kamen. Explosionen, die in Zeiten vor Nerv tötendem Computergepansche noch Unmengen an Kerosin verschlungen und eben auch so aussahen. Soziale Wehwehchen und zwischenmenschliche Konflikte, die selbst im Dschungel bei den Kannibalen zivilisierter geregelt würden. Und total lustige Frisuren wohin man schaut. „Interceptor" (im Original: „The Wraith") bietet komprimiert alles, was das Herz begehrt, wenn man nach Action-Trash alter Schule Ausschau hält und ein Faible für die 1980er hat.
Unterhaltsame Schauwerte, neben den tatsächlich (!) gut inszenierten, bereits erwähnten Action- und Feuerszenen, sind, je nach Humor und Lebensfreude, folgende: Charlie Sheen spielte sich selbst. Wieder mal. Er verfügte bekanntlich nie über das mimische Rüstzeug seines Vaters Martin und steckte so zeitlebens etwas in der komödiantischen, ja leicht unseriösen Schiene fest. Von ein paar Ausnahmen wie „Platoon" (1986) oder „Wall Street" (1987) abgesehen. Auch hier im Jahre 1986, übrigens demselben, das ihn mit Oliver Stones Vietnamdrama zum Star machen würde, wirkt er so, als stünde er neben sich. Oder auf sich. Oder auf Sherilyn Fenn. Oder unter dem Wagen. Jedenfalls spielt Sheen hier unterirdisch. Natürlich mag das zum Teil auch der Regiearbeit von Mike Marvin geschuldet sein, der eben kein Oliver Stone war, aber was würde sich Charlie Sheen dabei denken: Egal, Schwanz, äh Schwamm drüber. Da sind David Sherrill, Jamie Bozian oder Clint Howard, die hier die Fantasy-Punks verkörpern sollen, eher Vertreter ihrer Zunft. Ihre Interpretation von gesellschaftlichen Randgruppen streift zwar intellektuell Tom & Jerry, aber wenigstens sind sie sich dessen voll bewusst und genießen sichtlich ihr höchst amüsantes Spiel als lebendige Karikaturen. Andere Fragen, wie etwa die, warum sich die Kniestützen des Phantom-Fahrers nach jedem Unfall in Luft auflösen, stellt man besser gar nicht erst. Vielleicht nämlich einfach nur deshalb, weil man einen Menschen vor Ort hatte, der diesen Trickeffekt drauf hatte. Und bitte: Nicht lustig machen über die völlig überforderte Polizei im County. Die wird nämlich repräsentiert von Randy Quaid (dem unbekannteren, älteren Bruder von Dennis Quaid), dessen Polizeiarbeit allein aus Burgermampfen und zwei/drei provokanten Sprüchlein besteht. Und das ist gut so. Professionalität würde hier nur stören.
Und warum sollte es nun nicht völlig ausgefallen sein, diesen ganzen Mumpitz gut zu finden? Ganz einfach. Weil er den Geist, wenn man ehrlich ist, ebenso wenig anregt, wie viel von dem, was heute vor dem Hintergrund eines explodierten Budgets im Multiplex als „tolles Kino" durchgeht. Deshalb. Dabei darf man dieser Art angestaubter Unterhaltung wenigstens zubilligen, dass sie bei Weitem nicht so lieb- und restlos durchkommerzialisiert war, wie das heute allgemein üblich ist. Sie war authentisch. Auf ihre naive Art. Und sie zwinkerte damals schon mit dem Auge. Vielleicht waren wir vor all den Jahren nur noch nicht erwachsen genug das zu erkennen.