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„The Blast and the Spurious - when video healed the movie scar"

Hätte man Mitte der 1980er Jahre schon im aktuell üblichen DTV-Jargon für Filme geworben, dann hätte es unweigerlich heißen müssen: „Ein unwiderstehlicher Fantasy-Horror-Mix aus Ein Fremder ohne Namen und Denn sie wissen nicht was sie tun", wobei vor allem letzterer mehr Programm war, als man sich vermutlich bewusst war. Genau, die Rede ist vom langsam aber sicher zum Kultfilm gereiften Trash-Spekatkel „Interceptor", dem klassischen Fall einer im Kino weitestgehend untergegangenen Produktion, die erst auf dem Heimkinomarkt ihr volles Potential entfaltete und sich zum popkulturellen Geheimtipp mauserte.

Es war die Zeit der kultigen VHS-Cover und der schummrigen Videothekenecken, die so manches filmische Kleinod zum Celluloid-Nugget werden ließen. Eine regelrechte Goldgräberzeit für meist jugendliche Filmfreaks, die im Kino gefloppte, oder von der Zensur verstümmelte Streifen für sich entdeckten und die sie sich wann und so oft sie wollten mit Gleichgesinnten in nächtlicher Verschwörerstimmung auf ihren kleinen, von den Eltern auf die Dachböden verbannten Röhren-Fersehern reinzogen. Im heutigen, hoch technisierten Dauerverfügbarkeits-Streaming-Zeitalter ein fast schon antik anmutendes Vergnügen aus einer sagenumwobenen Zeit der großformatigen Magnetbänder und der anrüchigen Verleih-Hinterzimmer.

Das Cover von „Interceptor" zierte ein ganz in schwarzes Leder gekleideter Fantasy-Biker, der in lässiger Cowboypose von einer Art weißen Blitzwolke eingerahmt war. Der schmale, grell rote Sehschlitz in seinem Helmvisier erinnerte irgendwie an K.I.T.T.s leuchtenden Kühlergrill-Scanner und der hellblaue „Interceptor"-Schriftzug an zeitgenössische Science Fiction. Und dazu noch der verheißungsvolle Spruch im schicken Miami Vice-Neon: „Er kommt zurück. Ein Phantom aus der Ewigkeit". Wahnsinn! Ein cooles, geheimnisvolles Artwork, das geradezu nach Entdeckung schrie. Und man sollte nicht enttäuscht werden.

Schon der Auftakt verströmt pursten 80er-Duft und tritt das Kultpedal voll durch. Zu einem düsteren Synthie-Score rasen seltsame weiße Blitze durch eine animierte, nachtdunkle Wüstenlanschaft bis sich ein schwarzer Bolide vor dem dunkelbaluen Hintergrund abhebt, neben dem der vom Cover bekannte Biker Aufstellung nimmt. Daran schließt sich nahtlos der poppige Auftaktsong „Where´s the Fire" an und wir werden Zeugen einer Autoverfolgungsjagd, bei dem ein jugendliches Pärchen von einer Gang Halbstarker zu einem Wettrennen gezwungen wird.

In den ersten fünf Minuten haben wir damit bereits alle wesentlichen Komponenten des Films kennen gelernt: schnelle Autos, einsame Landstraßen, attraktive Teenager versus wilde Typen, ein mysteriöser Fantasy-Einschlag und ein unwiderstehlicher Score aus treibenden Pop-Rock-Songs. Wer braucht da noch einen spannenden Plot? Hat sich wohl auch Regisseur und Autor Mike Marvin gedacht, andernfalls hätte er sich diesbezüglich bestimmt etwas mehr ins Zeug gelegt. Denn eines kann man „Interceptor" bestimmt nicht attestieren, eine stringente, logische und dramaturgisch durchdachte Handlung. Allerdings macht genau das den ganz besonderen Charme des Films aus, so kann man sich nämlich voll und ganz den einzelnen Trash-Leckerbissen hingeben, die sich mangels narrativer Ablenkung so richtig in den Vordergrund drängen.

Der Score wurde ja bereits erwähnt und der ist wahrlich eine Pracht. Nicht umsonst erzielt das inzwischen vergriffene und daher heiß begehrte Stück auf einschlägigen Plattformen nach wie vor Höchstpreise. Die fetzige Mischung aus Robert Palmer, Ozzy Osborne, Mötley Crüe, Bonnie Tyler und Billy Idol passt perfekt zu der kruden Highschool-Raser-Szene und sorgt im Alleingang für Tempo und Atmosphäre. Das ist auch dringend nötig, denn der abenteuerliche Mix aus Teenie-Romanze, halbseidenem Tuning-Milieu und übersinnlichem Rächerdrama führt zu allerlei unfreiwillig komischen Boxenstopps. Die albernen Dialoge sind da auch nicht gerade hilfreich, dafür ist das Casting grandios.

Die heutige Trash-Ikone Charlie Sheen - seine Qualitätsausreißer nach oben unter Oliver Stone standen noch aus - gibt eine frühe Kostprobe seiner Kunst und wirkt als aus dem Nichts auftauchender Deus ex machina Jake (alias „Der Fremde") durchgängig wie Falschgeld. Andererseits passt das gar nicht mal schlecht zu der von ihm verkörperten Figur, dumm nur, dass man seine wahre Identität quasi im Halbschlaf dekodiert. Der englische Originaltitel „The Wraith" (zu deutsch „Der Geist" oder „Das Gespenst") reckt hier übrigens noch zusätzlich Plakatwandgroße Hinweisschilder in die Höhe, für den massiv unwahrscheinlichen Fall, dass Charlies Auftritt dann doch irgendwie zu komplex gewesen sein sollte.
Seis drum, wir haben ja noch Nick Cassavetes und Sherilyn Fenn auf der Habenseite. Inzwischen ein respektierter Independent-Regisseur (ganz der Pappa John) stemmt der junge Cassavetes den Film im Alleingang und verbucht als sadistisch-brutaler Gangleader Packard Walsh einen Punktsieg nach dem anderen. Sein lässiger Irrsinn gehört definitv zu den Highlights des Films. Sherilyn Fenn wiederum steht als Love-Interest zwischen den beiden und sieht in erster Linie verdammt gut aus (hatte damals ja auch schon den späteren Frauenschwarm Johnny Depp an der Angel) und Mike Marvin zieht alle Register, um uns das immer wieder plastisch vor Augen zu führen. Das hat wohl auch David Lynch gemerkt und ihr gleich eine Hauptrolle in seiner Mystery-Serie „Twin Peaks" verschafft. In „Interceptor" sorgt sie so immerhin für das einzig wirklich glaubwürdige Plot-Detail, die Rivalität zwischen Packard und Jake um ihre Gunst.

Womit wie auch schon bei den mimischen Guilty Pleasures wären und davon gibts reichlich, im Prinzip Packards gesamte Pappnasen-Truppe. Was sie alle vereint, ist ihre offensiv zur Schau getragene Debilität gepaart mit einer hündischen Unterwürfigkeirt gegenüber ihrem dominanten Boss. Aber selbst unter diesen Dünnbrettbohrern gibt es noch so etwas wie ein Funfactor-Ranking. Dumpfbacken-Leader ist dabei ganz klar Skank (David Sherill), ein völig unterbelichteter Mann fürs Grobe, bei dem unschlüssig ist, was am doofsten rüberkommt, sein roter Irokese, seine mechanisch-keckernde Lache, oder doch sein Faible für Motor-Öl-Drinks. Rughead (Ron Howards kleiner Bruder Clint) macht es einem da deutlich leichter, seine auftoupierte Lockenpracht im Verbund mit einer 50-Dioptrin-Brille ist hier das Maß aller Dinge. Unnötig zu erwähnen, dass beide sich bis heute putz und munter im B- und Nebendarsteller-Geschäft tummeln.

Aber es gibt nicht nur dufte Typen mit wenig Hirn, sondern auch ein paar knackige Action-Szenen, schließlich ist Packards Combo eine klassische Raser-Gang. Gegen Dom Torretos Prolo-Truppe der Schnellen und Wilden stinken sie zwar intellektuell gehörig ab (was durchaus Respekt verdient), aber das Gaspedal können sie auch ganz ordentlich durchtreten. Dumm nur, dass sie wiederholt an einen schwarzen Dodge M4S geraten, der ihre Reihen recht explosiv lichtet und obendrein selbst auch noch unkaputtbar scheint. Irgendwie hat der geheimnisvolle Fahrer - unser Biker-Posterboy - wohl eine Rechnung mit ihnen offen, denn ständig taucht er unvermittelt zu den beliebten Raser-Duellen auf. Und die sind für einen Independent-Film mit einem schmalen $ 3 Millionen-Budget regelrecht spektakulär. Wenn man bedenkt, dass die ursprünglich veranlagte Drehzeit aufgrund eines tragischen Unfalls auf 8 Tage reduziert wurde, ist es geradezu sensationell, was die Stuntcrew hier auf die Beine stellte. Überhaupt ist der Film besonders visuell eine Wucht, angefangen von dem gleißenden Arizona-Flair bis hin zu pyrotechnischen Kabinettstückchen die in einer grandiosen Scheunenexplosion gipfeln.

Das damalige Kinopublikum blieb dennoch weitestgehend fern, was man ihm angesichts der holprigen Inszenierung und der fröhlichen Abwesenheit von Spannung und Stringenz nicht allzu übel nehmen kann. Man muss den Nasenrümpfern vielleicht sogar noch dankbar sein, wer weiß, ob selbst ein moderater Erfolg den heutigen Kultstatus nicht ernsthaft gefährdet hätte. An leidlich kassenträchtige B-Filmchen der Ära erinnert sich anno 2018 jedenfalls kaum noch jemand, schon gar nicht, wenn sie dermaßen in ihrer Entstehungszeit verankert sind wie der „Interceptor".
Der erstrahlt dafür umso heller als ultimative 80er-Trash-Perle, quasi als Schmuddel-Pendant zu Marty Mc Flys Zetireise-Kapriolen. Hier gibt es keinen elegant-futuristischen DeLorean, keinen knuddelig-pfiffigen Michael J. Fox und keinen fulminant unterhaltsamen Fantasy-Plot, nein, hier müssen wir uns mit einem prolligen Dodge, einem dusseligen Charlie Sheen und einer mit etwas Fantasy angereicherten Action-Horror-Stolperei zufrieden geben. Der Spaß mag dementsprechend tiefer gelegt sein, aber keineswegs geringer. Also liebe 80er-Freaks, falls ihr noch keine „Interceptor"-Jünger seid, dann habt ihr eine große, aber lohnende Lücke zu schließen. Allen anderen brauche ich ja wohl nichts weiter mehr zu erzählen. Die feiern garantiert ihre alljährlichen Interceptor-Parties. Und bei den ganz Fanatischen dreht sich dazu der Soundtrack auf dem Plattenteller, denn dann und erst dann ist die Old School-Sauße komplett.

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