--- {«In liebevollen Andenken an den Franz, 2006-2016»} ---
(Vorbemerkung: Staffel 2 wurde gesichtet, fließt aber aufgrund eines spürbar düsteren Tones und einer auch etwas anderen Erzählweise, die mehr auf dramatische Zusammenspiele der Geschichten untereinander und somit einem stärkeren parallelen Erzählen zurückgreift, nicht in die Bewertung mit ein.)
Sehr schnelle Verfilmung bzw. Adaption einer erst kurz zuvor, im Mai 2012 unter Bloomsbury Publishing veröffentlichten Reihe von Kurzgeschichten von James Runcie, die als sogenannte "Grantchester Mysteries" bis einschließlich heute auf insgesamt sechs Bänden angewachsen und November 2013 für das Fernsehen akquiriert und bisher vier Staffeln + ein Serienspecial gedreht worden und eine Staffel Fünf geplant sind. Gestartet wurde dabei mit "Der Schatten des Todes: Sidney Chambers ermittelt", in dem sechs Kriminalgeschichten um den in Grantchester residierenden Vikar Chambers [ McMafia James Norton ] erzählt werden, der erst per Zufall und Drängen und dann nach und nach angestachelt durch eigene Neugier und Erfolge und mithilfe eines Polizisten [ Robson Green ] als bald Freund die umliegenden Ermittlungen selber am Durchführen und natürlich auch hilfreich lösen ist. Ein bereits durch Father Brown, die gleichnamige und vom konkurrierenden Sender BBC ab 2013 produzierte Serie bekanntes Terrain, welches hier durch ITV in einer Art Ergänzung und gleichzeitig Gegenpart dazu formuliert wird, und die Briten in dergleichen Art von (getragener) Fernsehunterhaltung abermals als Könner und dies mit scheinbarer Leichtigkeit, wie lässig aus dem Ärmel geschüttelt, aus der Hüfte geschossen dastehen lässt.
Vertrautes Gebiet, wobei der Ort Grantchester selber, ein Dorf etwa 3 Meilen (4,83 km) vor Cambridge, im South Cambridgeshire District gelegen, hier genauso aussieht, wie man sich als Tourist die Gegend auch vorstellt. Die Kirche als Zentrum der Gegend, kleine, gedrungene Häuser, in denen die Zeit stehen geblieben und die Luft deswegen darinnen noch etwas stickig und genauso museal wie die Kleidung der dort wohnenden Leute ist. Ein Ausflugsgebiet für die Feingeister drumherum und diejenigen, die es beschaulich mögen und wo die Wiesen zwar genauso grün und die Bäume auch eher kleinwüchsig sind und der Himmel genauso blau wie anderswo, aber das Gefühl für das Konservierte, das Konservative und die Freiheit und trotzdem das Rückwärtsgewandte nur dort vorhanden ist. Ein Märchenland, eine ruhige und beschauliche Insel, die es so zwar immer noch, aber sehr selten geworden und in der heutigen hektischen, unsicheren, von außen und innen scheinbar gefährdeten Gegenwart noch seltener unbeschwert zu genießen ist. Ein Früher, dass es noch in der Verklärung, oder in Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln oder per Tastendruck auf die Fernbedienung so, aber in der Realität nicht mehr gibt.
Genau aus diesem Gefühl speisen sich die Geschichten, die von Runcie, Jahrgang '59, in Anlehnung an seinen eigenen Vater, einem Ende der 70er ehemaligen Erzbischof von Canterbury geschrieben worden sind. Eine Erinnerung an bessere Zeiten, an die Kindheit und die Jugend, an das einstmals große Großbritannien, dass das Heute und Hier und Jetzt nicht so sonderlich mag und vom Anfang der Fünfziger, vom sich Wiederfinden und Wiedererstarken nach dem Zweiten Weltkrieg und die präsente und präsentierende Rolle im dortigen übersichtlichen Europa umso mehr begeistert ist. Elizabeth II wurde gerade zur Königin gekrönt und bessere Zeiten stehen bevor, sind allerdings noch die alten Werte intakt und boten entsprechend Sicherheit. Father Brown spielt genau zur selben Zeit und von daher kennt man die Umstände, ist die Todesstrafe noch aktiv, was für echte, falsche und vermeintliche Mörder und die Dramaturgie der einzelnen, jeweils 45min umfassenden Episoden immer im Hintergrund der Ermittlungen ein drohendes Schicksal ist. Frauen kennen noch ihren Platz, der an der Seite des Ehemannes und ansonsten in der Küche ist, die Klassen- und Rassenunterschiede sind deutlich und ausgeprägt, und die Medizin, die Kriminalistik und die Wissenschaft selber stehen noch am Anfang des Fortschrittes, sodass die alten Methoden von Befragung und dem Sichten von Hinweisen an erster Stelle des zu erledigenden Puzzles ist.
Hauptautorin Daisy Coulam hält sich dabei erst vergleichsweise eng an die Vorlagen, die sowohl von dem Umfang der Texte als auch ihrer Vorgehensweise sowieso recht filmisch, mit teils schon problemlos übernehmbaren Dialogen und Szenenwechseln geschrieben sind. Leser und Liebhaber der seit März 2016 auch auf Deutsch veröffentlichten Geschichten finden sich auf alle Fälle wieder und erhalten zumindest am Anfang und Episode 1 "Detektiv im Auftrag Gottes" noch den vergleichsweise treuen, nicht gleich sklavischen Abgleich. Andersrum ist der Zugang vom Fernsehen zum Buch wahrscheinlich schwieriger, da die Sätze ruhiger und teilweise über Lappalien wie einen gestohlenen Ring und ein vertauschtes Gemälde und dort ohne einen extra für den Bildschirm ergänzten Mord, bspw. für Episode 2 "Die beste Gesellschaft" und auch 3 "Der (aller)letzte Wille" sind. Ab und an wird abgekürzt, vorweggenommen oder anderweitig etwas mehr mit Bildern oder dem schnellen Dialog als eben den langen Beschreibungen erklärt und vor allem der Vikar selber mit meist simplen, aber präzisen emotionalen Szenen zur Haupt- und tatsächlichen Identifikationsfigur benetzt. [Anders als die Novellen haben die Episoden im Original keine Titel; wobei sich der “Schatten des Todes“ auf die Nachkriegszeit selber bezieht und die Ereignisse davor und der Umgang damit immer wieder angesprochen und in Rückblenden visualisiert werden, was zusätzlich Gewicht für die gesamte Serie und speziell Episode 6 "Wege aus dem Schatten" verleiht.]
Unterschiede zu der Figur von G.K. Chesterton sind dabei nicht nur in der Religion (hier anglikanisch, dort römisch-katholisch), dem Schwerpunkt der behandelten Themen (Homosexualität, Schweigegelübde, Euthanasie, Todesstrafe, Ehebruch, Schwangerschaftsabbruch, Gewalt in der Familie, Alkoholismus), sondern vor allem auch vom Alter der Person selber gegeben. Handelt es sich hier doch um einen jungen Mann, Anfang der 30, der noch Träume hat(te), voller Vitalität und Tatendrang (war), aber auch schon ersten und somit noch ungewohnten Niederlagen und Enttäuschungen steckt und der zu all dem doch tatsächlich auch noch derart attraktiv ist, dass die Frauen durchaus angesprochen werden, die Funken trotz oder wegen der Funktion und der hoch aufgeschlossenen Kleidung als Gemeindepfarrer sprühen und man sich fast beim Die Dornenvögel und der verbotenen, hier dramaturgisch genutzten Leidenschaft zwischen "Mann und Frau und Mann" (Folge 4) wähnt. [In den Texten geht es emotional wesentlich gemächlicher zu; soll der Sidney dort übrigens an einen jungen Kenneth More erinnern, später eine beliebte Verkörperung von der '74er Father Brown.] Die holde Weiblichkeit ist auch kein Tabu per se, der Alkohol und das Rauchen sowieso nicht, wird nicht nur in Episode 5 "Reue und Rache" gebechert und am Glimmstängel gezogen, als gäbe es kein Morgen nicht, auch wenn die gestreng-verbitterte Haushälterin Mrs. Sylvia Maguire [ Tessa Peake-Jones ] mit dem verkniffenen Gesicht darüber öfters doch mal schimpft und so den roten Faden all der Geschichten und den ersten Teil der Stammbesetzung vorgibt.
Hinzu kommen noch der Inspector, der bald mit die treibende Kraft der Detektiverei, und gleichzeitig der 'Vater' von der Vater - Sohn - Konstellation hin zum Vikar ist, die Schwester Jennifer Chambers [ Fiona Button ], die Beinahe-Freundin Amanda [ Morven Christie ], die für die traurigen Blicke und noch mehr Herbststimmung sorgt, die deutsche Flamme Hildegard [ Pheline Roggan ], die manchmal genauso zum Greifen nah und dann doch wieder ganz weit weg ist. Der Hilfsvikar Leonard [ Al Weaver ] , der weniger Assistenz als vielmehr die gute Seele des Dorfes und der Comic Relief der Serie, der komödiantische Anker in dem zuweilen doch arg depressiven Nebel ist. Hinzu kommt auch viel Dekoratives, maßgeschneidert, farblich abgestimmt. Ist die Kleidung, selbst die einfache noch viel edler aussehend als heute der Freizeitlook, wird mit kleineren, aber wichtigen Details und der vollen Ausstattung wie geliehen aus der altehrwürdigen Möbelsammlung sowie dem entsprechenden Stolz und der Obacht darauf ebenso inszeniert wie mit der gewissen drückender bis erdrückender Schwermut, die all dies Antiquierte und gleichzeitig Transitorische umgibt.