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Architekt Evan (Keanu Reeves) genießt ein Wochenende allein zuhause. Frau und Kinder machen Badeurlaub in weiter Ferne. Evan hat das ganze Haus für sich alleine. Mitten in der Nacht, als er es sich gerade mit einem kleinen Joint gemütlich gemacht hat, klingelt es an der Tür. Zwei junge Frauen, klitschnass vom Regen mit Orientierungsproblemen, bitten um kurzen Schutz vor dem Unwetter. Aus kurz wird lang und immer länger. Es werden Drinks eingegossen und Musik aufgelegt. Die beiden attraktiven Studentinnen Genesis (Lorenza Izzo) und Bel (Ana De Armas) lassen ihre Reize spielen und verführen den Familienvater. Doch wie bei vielen One-Night-Stand gibt es auch hier einen Morgen danach. Mit bösem Erwachen und Gewissensbissen. Besonders als sich herausstellt, dass Evan mit zwei durchtriebenen Psychopathinnen das Bett geteilt hat...

Der neue Eli-Roth-Film! Was man erwartet – Gewalt, Folter, Exploitation, poppig-kurzweilige Unterhaltung, etc. – und was man bekommt, klafft in KNOCK KNOCK merklich auseinander. Es ist das erste Mal, dass der HOSTEL-Regisseur, der Themen gerne ausschlachtet wie Opferlämmer (jüngstes Beispiel: die Kannibalen-Hommage GREEN INFERNO), die Erwartungen der Fanbase übertrifft.
KNOCK KNOCK präsentiert sich nicht nur überaus intelligent, doppelbödig und durchdacht, sondern vor allem verflucht verführerisch. Home Invasion mal ganz anders. Sozusagen FUNNY GAMES auf die erotische Art. Parallelen zu häuslichen Invasionen wie THE STRANGERS und YOU'RE NEXT sind klar erkennbar, jedoch mit deutlichen Unterschieden. Diese bestehen hauptsächlich aus Roths Ehefrau, der hübschen Chilenin Lorenza Izzo (GREEN INFERNO) und der bezaubernden Kubanerin Ana De Armas (wird zu sehen sein in DAUGHTER OF GOD). Beide super süß und super sexy. Die Newcomerinnen ziehen eine Verführungsnummer ab, der Mann nicht widerstehen kann. Definitiv das laszivste und gefährlichste Duo seit Denise Richards und Neve Campbell in WILD THINGS. Kindlich, verspielt und das volle Lolita-Programm. Cineasten werden sich an die Satanisten-Girls aus UND ERLÖSE UNS NICHT VON DEM BÖSEN erinnert fühlen. Der Rest aber hauptsächlich an WILD THINGS.

Keanu Reeves liefert als Architekt Evan eine tolle Performance ab. Nach seinen Ausflügen in kämpferische Gefilde (siehe JOHN WICK, MAN OF TAI CHI) steht dem Kanadier diese bodenständige Rolle wieder sehr gut. Evan ist ein netter Kerl, der Frau und Kinder liebt. Ein reifer Erwachsener, die wilden Jahre hinter sich gelassen. Von seinen Besucherinnen wird er wegen seiner DJ-Skills und seiner gigantischen Plattensammlung von zehn LPs mit "Major Laser" verglichen. Die anfängliche Sympathie Evan gegenüber schmilzt zusehends dahin. An welcher Stelle der bescheidene Durchschnittstyp den entscheidenden Fehler begeht, muss jeder selbst entscheiden. Ist es, wenn er den Mädchen die Tür öffnet, wenn er mit ihnen schläft, oder wenn er die Hühner am Morgen danach aus dem Haus wirft und versucht den Fehltritt zu vertuschen? Evan spielt mit dem Feuer und verbrennt sich. Wie dünn die Linie zwischen treuem Ehemann und Ehebrecher doch sein kann. Evan verkörpert das harte Dilemma zwischen dem Wunsch nach familiärer Geborgenheit und männlicher Schwanzgesteuertheit. Männer werden's nachempfinden können. Frauen werden ihn hassen.

KNOCK KNOCK ist das, was FUNNY GAMES U.S. hätte sein sollen. Vielleicht nicht ganz so hart und willkürlich, weil Evan ja eindeutig Mist gebaut hat. Der Cheater bekommt eine saftige Quittung für seine Untreue und findet sich plötzlich in einem tödlichen Spiel wieder, dessen Fäden die hübschen Verführerinnen in den Händen halten. Statt Splatter und Torture Porn setzt es eins mit der Moralkeule. Aus Versuchung wird Vergeltung. Die beiden zuckersüßen Sirenen mutieren zu mörderischen Racheengeln. Zu Psychopathinnen mit Engelsgesichtern, die Evan stellvertretend für jedes fremdgehende Arschloch eine Lektion erteilen. Da überlegt man sich's mit dem Seitensprung lieber zweimal. Die Lektion fällt so bitterböse und schwarzhumorig aus, dass es sich KNOCK KNOCK tatsächlich erlauben kann, den Pixies-Song "Where is my Mind" vor den Credits zu bringen, obwohl dieser untrennbar mit dem Finale von FIGHT CLUB verbunden ist.

Fazit:
WILD THINGS meets FUNNY GAMES - heiße Ménage-à-trois mit Twist und doppeltem Boden


(Review auch zu lesen im DEADLINE-Magazin #54)

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