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Hätte M. Night Shyamalan zum jetzigen Zeitpunkt seiner Karriere Found Footage wie dieses unter der Regie eines Namenlosen einfach nur produziert, hätte sich die Filmwelt wie gewohnt weitergedreht. Für sogenannte „Wunderkinder“, die sich anhand eines Films (oder für das Gros des Publikums sogar nur anhand eines Twists?) einen Namen gemacht haben und nun in aussagelosen Großproduktionen Kinder reicher Eltern promoten, ist es nicht ungewöhnlich, wenn sie jene Art von Low Budget produzieren, das sie selbst nicht mehr drehen könnten. Um Letzteres zu tun, sind sie normalerweise in einer zu pervertierten Lage.

Doch die Filmwelt macht an dieser Stelle endlich mal wieder einen ihrer kleinen Sprünge, wegen denen man Filme überhaupt mitunter wie am Fließband verfolgt. Denn der Inder durchbricht radikal den Kreislauf und legt in konsequenter Linie seinen eigenwilligsten Beitrag seit vielen Jahren vor.

Seit „The Happening“ genauer gesagt, der in einer Mischung mit „Signs“ in etwa die Tonart ausmacht, die nun auch „The Visit“ prägt. Wenn also irgendwo von „Back To The Roots“ gesprochen wird, ist damit definitiv nicht der Durchbruch „The Sixth Sense“ in seiner Feinspurigkeit und kompositorischen Finesse gemeint, sondern lediglich die schlichte Tatsache, dass Shyamalan irgendwie doch noch lebt.

Wenn der junge Tyler (Ed Oxenbould) in einer Szene in seiner Jackentasche kramt und für seine Schwester an der Kamera einen Mittelfinger zum Vorschein holt, so gilt dieser Gruß mitunter auch an die Kritiker, zu denen seit jeher ein angespanntes Verhältnis bestand. Hauptgrund für die Differenzen war meist die obligatorische Plottwist-Mechanik, die zeitweise so unausweichlich war wie Hitchcocks Cameos in seinen eigenen Filmen, mit dem Unterschied, dass Hitchcock die Möglichkeit hatte, sie an den Anfang zu schieben, damit das Publikum nicht nach ihnen suchen würde. „The Visit“ hat nun auch wieder derlei zu bieten, denn in der über alle Stränge schlagenden letzten Nacht im Großelternhaus werden ohne Rücksicht auf die stilistische Linie alle Register gezogen. Doch Shyamalan präsentiert es so achtlos, grobschlächtig und regelrecht trashy, dass die Aussage „Ihr könnt mich alle mal“ mit einem schelmischen Grinsen im Raum steht.

Hätte Shyamalan „The Visit“ nicht als Film-im-Film angelegt, bei dem jede kinematographische Handlung der ungewöhnlich bewanderten Rebecca (Olivia DeJonge) ein Verweis auf sein eigenes Handeln als Regisseur darstellt, hätte der schnittruhige, distanzschaffende, beobachtende Stil seiner frühen Arbeiten (insbesondere „Unbreakable“) ebenso gut zum Szenario passen können: Das abgeschiedene, halb im Schnee versunkene Haus böte reichlich Motive, um dem Drama ebenso wie dem Horror in auskomponierten Bildern eine ideale Präsentationsbühne zu geben. Gerade in den ersten Szenen wirkt die Regie im Gegensatz dazu unästhetisch, spontan, die Motive beiläufig und austauschbar, so wie es eben für den Mockumentary-Ansatz typisch ist (insbesondere wenn eine Teenagerin die Feder führt). Dass Shyamalan selbst auf dem Regiestuhl sitzt, macht sich erst im späteren Verlauf bemerkbar, etwa beim perspektivisch spannenden Interview mit Rebecca auf der Landstraße oder auch jenem mit der Großmutter (Deanna Dunagan).

Krasse Humorspitzen lassen allerdings ohnehin regelmäßig die Spannung einbrechen. Der Regisseur agiert hier wie ein Sprengmeister, indem er intensiven Suspense, den er teilweise mühsam in einer ganzen Kette von Szenen aufbaute, in kontrollierter Form, aber mit unvermeidlichem Krawall wieder zum Einsturz bringt. Schon früh und zentral baut er einen Garant für den Humor in Form des Jungen ein, der bereits bei der Autofahrt zum Bahnhof frauenfeindliche Äußerungen in Anlehnung an die Rapkultur von sich gibt, die ihn offenbar stark geprägt hat – was aus dem Munde eines 14-Jährigen insbesondere bei der Art der Inszenierung komisch wirkt; eine Komik, die im späteren Verlauf noch mit eigenwilligen Freestyle-Flows über Ananas-Stürzkuchen und andere Instant-Themen gesteigert wird. In diesen Momenten steht „Signs“ klar Pate, der auch schon diese Art dusseliger, situationsbezogener Comedy bot, allerdings nicht ganz so offensiv damit umging wie nun „The Visit“. Gleiches gilt aber auch für den Horror: Es ist jener der hysterischen, irrationalen Art, wobei ganz klar Deanna Dunagan das Bild prägt, indem sie einmal als liebevolle Großmutter auftritt, die köstliche Plätzchen mit gerösteten Nüssen backt, dann als geifernde, kichernde, kotzende und krabbelnde Grusel-Oma, die von den Hexen-Vorbildern über Kubricks „Shining“ bis hin zum J-Horror (der ja sogar thematisch passt, weil er sich im Kern mit den Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Traditionalismus und Moderne befasst) alles abdeckt. Peter McRobbie tritt als Großvater passiver in Erscheinung und erweckt mit seiner tumben Holzfäller-Erscheinung vor allem Erinnerungen an Protagonisten aus Serienkillerfilmen, etwa „Deranged“ mit Roberts Blossom.

Hinsichtlich des Themas ist der Spagat zwischen Jump Scares und Relieved Laughter ohnehin passend gewählt, verbindet sich bei dem Ausflug zu den Großeltern, die den Kindern aus familiären Gründen bislang nie vorgestellt wurden, die Lust am Abenteuer mit dem Unbehagen aus dem Unbekannten. Das in der Regel liebevolle Verhalten typischer Bilderbuch-Großeltern wird bis auf den Grund analysiert und soweit überzogen oder verdreht, dass es gruselig erscheint. Schon am Tage verwirren die alten Menschen ihre jungen Gäste mit seltsam anmutenden Verhaltensweisen, die über Umwege jedoch erklärbar erscheinen und oft erst durch die Musikuntermalung unheimlich wirken. Die mehr oder minder beliebig erscheinende 9:30-P.M.-Grenze, die Tag von Nacht abnabelt, bringt zusätzliche Spannung ein, indem sie nächtliche Streifzüge durch das Haus als verboten markiert und die Verantwortung für das weitere Schicksal damit in die Hände der Gäste legt, zumal die Zimmertür offenbar wie eine magische Grenze wirkt.

Als dann irgendwann Grimms Märchen in offensichtlicher Manier zitiert werden, meldet sich nicht nur „Das Mädchen aus dem Wasser“ zurück, sondern eben auch „The Happening“ in der wirren Linie voller Stilbrüche, mit dem Vorteil, offen wie sonst niemals die eigenen Wurzeln ausleben zu können. Seine Spannung hat „The Visit“ somit auch dem Umstand zu verdanken, dass das ewige Talent in selbstfinanzierter Form endlich wieder so sehr er selbst sein darf wie schon lange nicht mehr.

Man kann das alles wieder als Blödsinn abwinken, man kann sich erneut auf den Twist versteifen und behaupten, dass man ja alles hat kommen sehen; man kann aber auch finden, dass M. Night Shyamalan endlich wieder einen Nerv getroffen hat, dass er herzhaft mit dem Medium spielt und gerade dadurch neue Relevanz erschafft. Posthum muss man also sagen: Danke dafür, After Earth Gehaltsscheck.
(7.5/10)

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