Im Konzentrationslager Buchenwald trifft 1945 ein polnischer Häftling mit einem Koffer ein, in dem sich ein dreijähriges Kind befindet. Es bringt seine Entdecker, einige kommunistische Häftlinge, in eine Zwickmühle: Sollen sie das Kind unter Einsatz ihres eigenen Lebens verstecken, ihm damit das Leben retten? Oder sollen sie ihren Fund melden und damit vermeiden, dass eine Widerstandsgruppe innerhalb des Lagers auffliegt, deren Mitglieder sie sind? Obwohl die Anführer der kommunistischen Gruppierung das Kind am liebsten loswerden würden, bleibt es schließlich im Lager. Seine Anwesenheit bleibt der SS jedoch nicht allzu lang verborgen.
Lange war „Nackt unter Wölfen“ vor allem in der DDR bekannt, wo dem kommunistischen Widerstand im Konzentrationslager Buchenwald gleich zwei filmische Denkmäler gesetzt wurden. Der Roman des KZ-Überlebenden Bruno Apitz, der auf wahren Tatsachen basiert und - den Intensionen der kommunistischen Macher entsprechend - die Geschichte an manchen Stellen umdeutet, wurde 1960 fürs DDR-Fernsehen adaptiert, woraufhin 1963 die weitaus populärere Verfilmung von Frank Beyer erschien. Musste da wirklich noch eine dritte Verfilmung her? Ja, durchaus.
Für den MDR nahm sich Regisseur Philipp Kadelbach, der bereits den TV-Mehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ gestemmt hatte, der Sache an. Die dramatische Geschichte um das dreijährige Kind, das es in seiner Unschuld und Schutzlosigkeit an einen der denkbar grausamsten Orte verschlagen hat, um die Gefangenen, die es verstecken, erzählt Kadelbach ähnlich wie Beyer in der DDR-Verfilmung und die Geschichte zündet definitiv auch ein zweites Mal. Wie in Beyers Film gibt es sowohl innerhalb der SS, als auch unter den Häftlingen abweichende Stimmen und Meinungen darüber, wie mit dem Kind und der Widerstandsgruppe weiter zu verfahren ist. Das verleiht dem Film eine gewisse Tiefe, wenngleich die Zeit nicht ausreicht, um alle Figuren tiefer zu konstruieren. Die guten Schauspieler, die ihren Charakteren dennoch ein gewisses Profil verleihen, kompensieren das jedoch einigermaßen.
Wozu aber die Neuverfilmung? Zum einen ist Kadelbachs Film atmosphärischer als die DDR-Verfilmung, schonungsloser und vermutlich auch realistischer. War das KZ in der DDR-Verfilmung noch ein vergleichsweise aufgeräumter Ort, die Häftlinge in einem sehr vitalen Zustand, sind Dreck und Tod in Kadelbachs Film förmlich greifbar. Es gibt Leichen zu sehen, brutale Gewalt und ausgemergelte Gestalten unter den Häftlingen. Vor allem aber räumt Kadelbach mit dem DDR-Mythos vom Gefangenenaufstand in Buchenwald auf. Die Lagerleitung in seinem Film ist sich, ähnlich wie auch in Beyers Werk, lange uneins, was geschehen soll, wenn die Amerikaner noch weiter vorrücken. Manche wollen das Lager evakuieren, was die Häftlinge verzögern können, andere wollen die letzten Insassen zusammenschießen, was sie bei möglichen Kriegsverbrecherprozessen jedoch teuer bezahlen könnten. Am Ende fliehen sie in der allgemeinen Konfusion und überlassen das Lager sich selbst, während die Offensive der Gefangenen eher nebensächlich bleibt. Und auch an anderen Stellen ist Kadelbachs Film historisch weitaus authentischer und weniger ideologisch wie Beyers Werk. Jedenfalls wird dem Zuschauer nicht alle paar Minuten unter die Nase gerieben, dass es sich bei den netten Männern, die das Kind verstecken, um Kommunisten handelt.
Der ganz große Wurf ist dem MDR, wenngleich „Nackt und Wölfen“ ein sehenswerter Film geworden ist, letztlich aber auch nicht gelungen. Der Film bietet wenig, was man in „Schindlers Liste“ nicht schon mal besser gesehen hätte, und reicht auch nicht an das thematisch nicht ganz unähnliche Benigni-Werk „Das Leben ist schön“ heran. Zudem bedient sich auch Kadelbach leider einiger Klischees, vorhersehbarer Wendungen und gleitet am Ende etwas in den Kitsch ab, so wie es auch bei Beyers Vorgängerfilm der Fall war.
Fazit:
Kadelbachs TV-Film ist schonungsloser und düsterer als die DDR-Version und insbesondere in Hinblick auf die Befreiung des Lagers realistischer. Etwas melodramatisch ist der Film zwar, aber dafür durchweg spannend.
72 %