Review

Tom Hardy spielt einen KGB-Mann, der sich in der Sowjetunion der 50er Jahre weit hochgearbeitet hat, nachdem er in einem Waisenhaus aufgewachsen war. Als die Leiche des Sohns seines besten Freundes gefunden wird, liegt ein Mord nahe, doch Morde gibt es nur im Kapitalismus, weswegen die Spur nicht weiter verfolgt und Vorfall als Unfall abgeharkt wird. Als sich der KGB-Mann in einem anderen Fall weigert, seine Frau, gespielt von Noomi Rapace, zu denunzieren, wird er in die sowjetische Provinz verbannt, wo es zu einem ähnlichen Mord an einem kleinen Jungen kommt. Zusammen mit seinem neuen Vorgesetzten, gespielt von Gary Oldman, versucht er einen Zusammenhang herzustellen und den Mörder zu jagen, gerät aber in Konflikt mit seinen ehemaligen Kollegen in Moskau, die die Morde weiterhin vertuschen wollen.

Nicht nur an den Kinokassen wurde „Kind 44“ trotz namenhafter Besetzung abgestraft, sondern auch von der Mehrzahl der Kritiker, die zum Beispiel den miesen russischen Akzent des internationalen, aber in keiner einzigen Rolle mit einem Russen besetzten Star-Ensembles bemängelten. Davon bekommt man in der deutschen Fassung aber nicht viel mit. Ebenso wurde, wie es bei Literatur-Adaptionen meist Gang und Gebe ist, die filmische Umsetzung bemängelt, bei der vieles fehlt, einiges verkürzt ist und der Ton der Vorlage nicht getroffen wurde. Das zu beurteilen, ist dem Autor dieser Review leider nicht möglich, der Film als solcher ist aber durchaus überzeugend.

Zwar hätte Ridley Scott, der die Literaturvorlage ursprünglich adaptieren wollte, inszenatorisch sicherlich bessere Arbeit geleistet als Daniel Espinosa, der das Projekt schließlich realisierte, doch auch dem „Safe House“- und „Easy Money“-Regisseur gelingt es mit der guten Ausstattung und den gelungen ausgewählten Kulissen einen authentischen und düsteren Einblick in die Sowjetunion der 50er Jahre zu vermitteln und eine gespannte Atmosphäre zu erzeugen. Dazu trägt auch bei, dass die Protagonisten jederzeit der staatlichen Willkür zum Opfer fallen oder von ihren Vorgesetzten geopfert werden könnten, weil diese die Mordreihe zu vertuschen versuchen. Und auch die düsteren, grauen Bilder leisten ihren Beitrag, wenngleich Espinosa seinen Darsteller sehr häufig förmlich ins Gesicht fährt und die wenigen Action-Szenen so schnell geschnitten sind, dass man den Überblick ein wenig verliert.

Inhaltlich kann man dem Film mehr vorwerfen. Sicherlich sind die Unterstellungen, das Gezeigte sei teilweise antirussische Propaganda, nicht gerade aus der Luft gegriffen, aber „Kind 44“ erhebt letztendlich nicht zwangsläufig Anspruch auf historische Authentizität. Das verstörende Bild, das hier von der Sowjetunion gezeichnet wird, macht die Atmosphäre nur umso dichter, wenngleich ein fader Beigeschmack bleibt. Darüber hinaus verheddert sich Espinosa ein wenig in seinen zahlreichen Handlungsfäden. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich mit dem System anlegt und deshalb immer tiefer fällt, die Geschichte einer schwierigen Ehe und nebenbei noch eine Mörderhatz, bei der eine kindermordende Bestie gefasst werden soll. Deshalb kann Espinosa vieles nicht eingehender behandeln, so hätte eine tiefere Konstruktion des Mörders beispielsweise nicht geschadet, vor allem der Bezug seiner Taten zum russischen Hungerwinter wird leider nur unzureichend hergestellt. Darüber hinaus wäre es wünschenswert gewesen, wenn einige Nebenfiguren tiefer konstruiert worden wären. Espinosa hätte sich besser entweder auf einen Handlungsfaden konzentriert oder das Buch als Zweiteiler verfilmt, denn Substanz und Inhalt sind dafür definitiv vorhanden.

Andererseits ist die Geschichte dennoch interessant, fesselnd und wendungsreich, weswegen „Kind 44“ zu keinem Zeitpunkt langweilig wird und aufgrund der dichten Atmosphäre sehr gelungene Unterhaltung bietet. Auch die stets wechselnden Schauplätze und die kurzen Action-Sequenzen tragen ihren Teil zum guten Unterhaltungswert bei. Dieser ist aber vor allem auch dem brillierenden Tom Hardy geschuldet, dem man sich aufgrund seiner gewaltigen Leinwandpräsenz kaum entziehen kann. Hardy, der definitiv einer der charismatischen und besten Darsteller seiner Generation ist, was er vor allem mit „Warrior“ eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte, trägt durchweg gelungen durch den Film und erscheint in der Rolle des KGB-Mannes, der allmählich sein Gewissen entdeckt jederzeit vollkommen glaubhaft. Auch Joel Kinnaman, der in seinen wenigen Szenen als Kindermörder durchaus für ein kurzes Schaudern sorgt, ist definitiv lobend zu erwähnen. Umso bedauerlicher ist es, dass man seiner Figur keine größere Aufmerksamkeit gewidmet hat. Daneben gibt es einen gewohnt guten Gary Oldman, ein paar sehenswerte Auftritte von Vincent Cassel und eine gute aufspielende Noomi Rapace in einer etwas unglücklich gestrickten Rolle zu sehen.

Fazit:
„Kind 44“ ist inhaltlich etwas überladen, weil Regisseur Daniel Espinosa sämtliche Aspekte der Vorlage aufgreift, statt sich zu fokussieren und bleibt insbesondere bei der Konstruktion des Killers sehr oberflächlich. Nichtsdestotrotz ist es ein atmosphärischer und wendungsreicher Thriller, der über seine volle Laufzeit gelungen unterhält, mit sehenswerten Schauplätzen und einer authentischen Ausstattung aufwartet und auch dank seines charismatischen Hauptdarstellers eine Empfehlung wert ist. Zumindest für diejenigen, die das Buch nicht gelesen haben.

70 %

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