Viele Völker dieser Erde haben in ihrer Geschichte dunkle Zeiten voller Angst und Terror durchlebt, oft verbunden mit entsetzlichen Grausamkeiten an den Menschen.
Meistens hat es dabei diejenigen Leute getroffen, die anders ausgesehen haben oder anderer Meinung waren als die Herrschenden. Oder diejenigen die einen anderen Glauben hatten.
Im Laufe der Zeit hat sich oft der Widerstand gegen solche Terrorregimes formiert, einst Regierende sind gestürzt worden. Anschließend haben sich die Machtverhältnisse umgekehrt.
Ergebnis war, daß sich die rohe Gewalt im Rahmen von Vergeltungsmaßnahmen nun gegen die ehemals Mächtigen und deren Anhänger gewandt hat. Jahrhunderte lang wiederholten sich diese Phasen immer wieder. Gelitten haben meist und vor allem die eigentlich friedlichen und friedliebenden Bürger.
Der Film „Kind 44“ spielt auf der Basis von tatsächlichen Ereignissen in einem solchen Land, das zu jener Zeit von einer kommunistisch sozialistischen Gewaltherrschaft regiert worden ist. Ein paar Jahrzehnte früher, im Jahr 1917, hatten rund 0,001 % der Bevölkerung die russische Regierung gewaltsam abgesetzt. Das Volk durchlitt anschließend eine mehr als 70 Jahre dauernde Zeit der Finsternis. Anständige und linientreue Bürger sind ohne jeden Grund als angebliche Spione oder Staatsfeinde denunziert worden, oft aus persönlichen Gründen und niederen Motiven. Willkürliche Verhaftungen und Massendeportationen in sibirische GULAGs waren an der Tagesordnung. Propaganda, Terror und Angst sind die Mittel gewesen, mit denen die Diktatur der Partei ihre Interessen rigoros durchgesetzt hat.
Letztlich waren das auch die Methoden der Nationalsozialisten, die einige Jahre später in Deutschland auf ähnliche Weise an die Macht kamen und regierten.
Leo ist zu dieser Zeit ein Mitglied der Staatspolizei der UdSSR, einer Behörde wie die deutsche Gestapo, mit ähnlich unheilvollen Aktivitäten. Sein Job ist die Jagd auf angebliche oder tatsächliche „Staatsfeinde“. Er und seine Frau führen ein vergleichsweise gutes Leben, wohnen in einer schönen Wohnung, in einer guten Gegend. Beide sind auf angenehme Art und Weise in die „gute“ Gesellschaft eingebunden. Wermutstropfen sind die permanente Überwachung durch Geheimdienst und Partei, und die deswegen erforderliche ständige Wachsamkeit. Überall lauern Spitzel, Denunzianten und Verräter, die sich davon persönliche Vorteile erhoffen. Ja nichts falsches tun oder sagen oder denken, sonst ist man eine Woche später im Arbeitslager, sprich: Konzentrationslager.
Eines Tages wird an einer Bahnlinie der Leichnam eines Jungen gefunden. Es stellt sich heraus, daß es sich um den Sohn eines Kollegen von Leo handelt. Die Polizei vor Ort konstatiert einen Zugunfall. Leo schaut sich das genauer an, und entdeckt massive Ungereimtheiten. Alles deutet auf ein Verbrechen hin. Er und der Vater des Kindes (sein Kollege) fragen und bohren nach, und stoßen auf Angst und eine Mauer des Schweigens. Beide kontaktieren ihren Vorgesetzten, und bitten sich mit dem offensichtlichen Mord näher beschäftigen zu dürfen. Der Vorgesetzte weist streng auf folgendes hin: Im „kommunistischen Paradies“ gibt es keinen Mord! Er befiehlt den beiden sich mit dem „Unfall“ abzufinden, ansonsten droht er ihnen mit massiven persönlichen Konsequenzen. Anschließend wird der Fall als Zugunfall abgeschlossen. Die Familie des Jungen wird unter Androhung von Repressalien angewiesen, den „Zugunfall“ bei jedweden Rückfragen zu bestätigen.
Leo und seine Frau sind sehr frustriert wegen dieser Ungerechtigkeit, und beginnen auf eigene Faust nachzuforschen. Es stellt sich heraus, daß in den Jahren vorher eine unvorstellbar hohe Anzahl von Kindern auf ähnliche Weise ums Leben gekommen ist. Der Überwachungsstaat registriert diese „staatsfeindliche“ Aktivität der beiden, und reagiert. Wie diese Reaktion aussieht, welche Konsequenzen das hat und wie es weitergeht und endet: Das sollten Sie sich unbedingt selbst ansehen.
Der Film „Kind44“ beschreibt bis hierhin und viel mehr bis zu seinem Ende sehr einfühlsam und mit feiner Hand, wie die menschenfeindliche Willkür einer staatsterroristischen Parteidiktatur die Bürger behandelt, genauer gesagt: mißhandelt.
Dabei ist es völlig egal, ob das ein sozialistischer, faschistischer, kommunistischer oder nationalsozialistischer Machtstaat ist. Eine funktionierende Demokratie, heißt es, beinhaltet das größte Glück der meisten Menschen. Oder so ähnlich. Wenn man diesen Film gesehen hat, weiß man wie das gemeint ist.
Beklemmend ist vor allem die klare und realistische Darstellung des Lebens und des Umfeldes der Menschen, in dieser Zeit in diesem Land. Ein historisch Informierter bezeichnet dieses Werk wahrscheinlich sogar als weitgehend dokumentarisch.
Diese in höchstem Maße wirklichkeitsgetreue Wirkung wird vor allem erreicht durch die Inszenierung an Originalschauplätzen der Handlung. Die Drehorte, die Filmkulissen allgemein, das Styling der Schauspieler und deren Garderobe: Alles bis ins Detail exakt wie es sicherlich zu dieser Zeit gewesen ist. Filmtechnik und Kameraführung erschaffen ein düsteres und beklemmendes Szenario. Man spürt förmlich die unentwegt vorhandene Gegenwart des „Großen Bruders“, und dessen gnadenlose Faust. Und man glaubt wirklich den Staub und den Dreck zu riechen, der in den Industriestädten dieser Zeit allgegenwärtig war.
Vollendet wird das Werk durch die faszinierend authentische Interpretation der beteiligten Charaktere. Durchweg hochkarätige Akteure prägen diesen Film. Allen voran Tom Hardy, Noomi Rapace und Gary Oldman formen mit ihrer feinfühligen Darstellungskraft ein eindrucksvolles Bild der Menschen dieser Zeit, in deren brisanter Lebenssphäre. Vor allem Tom Hardy brilliert in seiner Rolle. Er verbindet in vorbildlicher Weise ausgesprochen maskulines Auftreten mit den feinen Facetten des Charakters seiner Rolle, in den jeweiligen Situationen.
Ridley Scott ist Produzent dieses Films, Daniel Espinosa führte Regie. Beide haben die fein gezeichnete Darstellungskunst der Schauspieler und die erstklassige Arbeit von Filmtechnik und Kameraführung zu einem eindrucksvollen Werk verbunden, das mich irgendwie an manche Gemälde von Brueghel erinnert.
Auf der Basis einer sehr guten Geschichte ist ein fesselnder Film entstanden. Sehr unterhaltsames und doch anspruchsvolles Kino für einen Abend, an den man sich erinnern wird.