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„A guy goes to a psychiatrist and says, "Doc, my brother is crazy, he thinks he's a chicken." And the doctor says: "Well, why don't you turn him in?" The guy says: "I would, but I need the eggs."

Ein Witz kann einem manchmal mehr über die Geheimnisse des Lebens lehren als es zuerst den Anschein hat. Der erfolgreiche New Yorker Komiker Alvy Singer (Woody Allen) hat indes aber weniger zu Lachen: Seine Freundin Annie (Diane Keaton) hat ihn verlassen und wie es sich für einen intelligenten Menschen wie ihn gehört, muss auf der Stelle eine Erklärung her. Was waren die Fehler? Warum funktionierte die Beziehung nicht mehr? Im Zeitraffer geht es durch einige Stationen der Beziehung, vom ersten Treffen bis hin zum unrühmlichen Ende, das im wesentlichen auf verschiedenen Ansichten vom Leben begründet scheint. Eine lebensfrohe, kontaktfreudige Frau und ein griesgrämiger, von Paranoia geplagter Neurotiker – eine Liaison, die für sich betrachtet von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, wäre da nicht das Problem mit der Liebe, die bekanntlich keine Rücksicht auf persönliche Eigenarten nimmt.

Es ist kein Geheimnis, dass Woody Allen unter den Filmemachern die einzigartige Fähigkeit besitzt, selbst die kompliziertesten Beziehungsgeflechte auf einfache, aber wirkungsvolle Weise und mit viel hintersinnigem Humor an den Zuschauer zu bringen. Die Figur des Alvy Singer, die er sich hier einmal mehr selbst auf den Leib geschrieben hat, stellt dabei genau die Verrücktheit und Irrationalität dar, die in Liebesbeziehungen stets allgegenwärtig ist. Es hängt immer an Kleinigkeiten, selten am Großen und Ganzen. Auch die bereits erwähnten charakterlichen Unterschiede machen sich erst durch die kleinen und großen Auswirkungen auf das gemeinsame Alltagsleben bemerkbar. Im Idealfall akzeptiert man die daraus resultierenden Schwierigkeiten und kann zusammen weiterleben, im schlimmsten (und in der Regel häufigeren) Fall trennt man sich wieder, wenn die Behinderung der eigenen Persönlichkeitsentwicklung zu stark wird.

Dies ist nur einer von vielen Aspekten, die Allen in seinem Werk bereithält und ausgiebig diskutiert. Dabei bedient er sich zumeist dem für ihn typischen Dialogmarathon, unterbricht diesen aber immer wieder für Rückblenden und kurze Monologe, die Allen selbst in die Kamera spricht und das Geschehen ein ums andere mal kommentieren. Die Rückblenden dagegen entwerfen ein noch tieferes Bild vom heillos verworrenen Interieur der Hauptfigur. Angefangen bei seiner Kindheit, über seine früheren Beziehungen bis in die jüngere Gegenwart wird das Spektrum an charakterlichen Eigenarten hier detailliert unter die Lupe genommen, was beim Zuschauer Verständnis, zumeinst aber auch ungläubiges Kopfschütteln ob mancher obskurer Handlungsweise hervorruft. Allens Figur vereint hierbei nahezu alle mentalen Defizite, die eine Beziehung zum Scheitern bringen können: Fehlende Anpassungsfähigkeit, Intoleranz, emotionale Kälte, sexuelle Neurosen und zu guter letzt das ständige Gefühl, mit der gegenwärtigen Situation nie zufrieden zu sein.

Allen verlässt sich zur Untermalung seines Beziehungsreigens fast ausschließlich auf das gesprochene Wort, musikalische Aktivität vernehmen wir nur in den Gesangsszenen von Diane Keaton, die hier einige wunderbare Jazzstücke zum besten gibt. Diese Musik ist es ironischerweise auch, die letztlich zum Niedergang der Beziehung führt, denn der angebotene Plattenvertrag mit dem damit verbundenen Umzug von New York nach Los Angeles ist für den Veränderungen hassenden Alvy eine mittlere Katastrophe, die ab diesem Zeitpunkt unweigerlich ihren Lauf nimmt. Unnötig zu erwähnen, dass jenes vom Regisseur so innig geliebte New York auch hier die Kulisse, eigentlich so etwas wie den dritten Hauptdarsteller, bildet. Die Auswahl der vielen schönen Plätze und Lokalitäten innerhalb des Big Apple sind nicht erst seit diesem Werk sein besonderes Markenzeichen.

„Annie Hall“ ist in der langen Filmographie Woody Allens der wohl bekannteste und vielleicht beste Beitrag über moderne Beziehungen, dessen Klasse dank der sachlichen und doch anrührenden Herangehensweise an das komplexe Thema von späteren, artverwandten Werken selten erreicht wurde. Die tragische und doch irgendwie komische Erkenntnis der Unmöglichkeit von Perfektion in Liebesdingen wird am Ende in einem knappen, einleuchtenden Absatz zusammengefasst, der keiner weiteren Interpretation bedarf:

“Well, I guess that's pretty much now how I feel about relationships. You know, they're totally irrational, and crazy, and absurd, and... But I guess we keep going through it because most of us... need the eggs.”

Danke für diese Worte, Mr. Allen.

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