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Über Jahre hinweg hatte ausgerechnet Justin Lin, ein zuvor nicht unbedingt großer Name oder für seinen Stil zuvor bekannter Regisseur, die „Fast & Furious“-Reihe geprägt, die Filme 3 bis 6 inszeniert und aus der anfänglichen Undercovercopstory eine schräge Actionreihe gemacht, in der es vor allem um die Fragen ging: Was kann man an Stunts machen? Und: Was sieht sonst besonders schick auf der Leinwand aus? Beide Fragen beantworteten seine Filme unterschiedlich gut.
Für „Furious Seven“ übernahm dann der eher aus dem kernigen Horror- und Thrillerbereich bekannte James Wan, bleibt aber dem Stil der Reihe treu und führt vor allem das weiter, was sich ab Teil 4 und 5 abzeichnete: Eine immer stärkere Verzahnung der Filme, deren zentrales Thema die Familie ist. So werden familiäre Bande auch hier zum Problem für die schnelle und furiose Crew: Owen Shaw (Luke Evans), der inzwischen komatöse Fiesling aus dem Vorgänger, hat einen Bruder. Und zwar nicht nur irgendeinen, sondern den Supersöldner Deckard Shaw (Jason Statham). Der hat nur für den Besuch bei seinem Bruder ein ganzes Krankenhauses und sämtliche Bewacher zerlegt, womit der cool gemeinte Auftakt allerdings schon fast wie seine eigene Parodie ausschaut.
Derweil gehen die Mitglieder der (Ersatz-)Familie um Dominic ‘Dom‘ Toretto (Vin Diesel) ihren Tätigkeiten nach: Dom und Freundin Letty Ortiz (Michelle Rodriguez) lassen sich immer noch als Herrscher de Racerszene feiern, Dom Schwester Mia (Jordanna Brewster) und Doms bester Kumpel Brian O’Conner (Paul Walker) kümmern sich um ihren Nachwuchs, während Luke Hobbs (Dwayne ‘The Rock‘ Johnson) und Kollegin Elena (Elsa Pataky) weiter für ihre Agency arbeiten. In diese Idylle kracht Shaw hinein, bringt erst Hobbs ins Krankenhaus und tötet dann Han (Sun Kang) – letzteres hatte man ja bereits am Ende von Teil 6 gesehen. Gleichzeitig bindet man auch noch Sean Boswell (Lucas Black) und den zuvor etwas abseits stehenden dritten Teil über diese Szenen in die Franchise-Logik ein: Diese Familie will wirklich jedes Mitglied integrieren.

Aber es gibt Zuwachs: Nach ersten Reibereien mit Shaw mischt sich der geheimnisvolle Mr. Nobody (Kurt Russell) ein und gibt der Crew einen Auftrag. Brian, Dom, Letty sowie ihre Buddys Tej (Ludacris) und Roman (Tyrese Gibson) sollen einen Hacker namens Ramsey befreien, die wiederum an einer Spionagetechnologie mit dem Namen „Eye of God“ arbeitet, mit dessen Hilfe sie Shaw ausfindig machen könnten…
Inzwischen ist die „Fast & Furious“-Reihe wie der McDonald's- oder Burger-King-Besuch: Fast Food, aber doch irgendwie lecker, nicht wirklich gehaltvoll, aber man weiß, was man kriegt. Also die gewohnte Mischung aus „Wow, sieht das cool aus“ und „Mann, oh Mann, ist das bescheuert“. Zum Rezept gehören neben Autoprolligkeit und unfassbaren, möglichst handgemachten Stunts eben auch die Familienwerte, die für Teil 7 eine besondere Probe parat hatten: Paul Walker verstarb in einer Drehpause bei einem Autounfall, weshalb man den Film mit Doubles (oft seine realen Brüder) und CGI-Tricks fertig stellte. Dementsprechend werden sein und Mias Ausstieg vorbereitet und am Ende gibt man Brian alias Paul Walker eine wirklich schöne, von Herzen kommende Verabschiedung. Es steckt also ein emotionaler Kern in der Over-the-Top-Actionreihe, das tritt am Ende klar hervor, auch wenn dieser unter reichlich Machoposen und krachenden Schauwerten versteckt ist.

Zu den ebenfalls bekannten Zutaten gehört der zunehmende Verlust der Bodenhaftung, was manchmal in selbst für die Reihe absurden Momenten äußert, etwa jenem Auto-Hubschrauber-Sprung mit der Tasche voller Handgranaten am Ende. Physikalische Glaubwürdigkeit ist mittlerweile eh aus der Franchise verschwunden, weshalb man mit Ironie kontert, die dem Film gut zu Gesicht steht, gerade bei den Seitenhieben auf Macho-Frauenbilder, die der Film mit seiner Inszenierung leichtbekleideter Tanz-Uschis gleichzeitig noch viel stärker bestätigt.
Die Geschichte ist eine mehr oder minder lockere Verbindung der Set-Pieces, die dafür mit einer Mischung aus (meist recht überzeugenden) CGIs und einem gerüttelt Maß an handgemachten Stunts sowie viel Kreativität zu überzeugen wissen. Gerade der Showdown ist zwar exzessiv wie hulle und wird nicht zu Unrecht als „vehicular warfare“ angekündigt, ermüdet aber erfreulicherweise nicht so wie manch anderer Blockbuster der letzten Jahre, sondern kann als dickes Abschlussspektakel bestehen. Stark auch die Attacke auf den Bus, dazu einige nette, manchmal aber zu unübersichtliche Shoot-Outs (siehe die versuchte Shaw-Festnahme) und gut choreographierte Fights, die von den Martial-Arts-Kenntnissen der Neuzugänge Tony Jaa, Ronda Rousey und Jason Statham profitieren, wobei die erstgenannten auch nur für ein paar Kampfszenen an Bord sind. Die Stuntleute schieben außerdem Überstunden, wenn für eine Szene tatsächlich Autos an Fallschirmen aus einem Flugzeug segeln. Für andere aufgedrehte Set-Pieces wie einen Autosprung von einem Hochhaus zum anderen musste dann zwar Kollege Computer aushelfen, aber insgesamt ist man verwundert wie viel Handarbeit auch noch in diesem überzogenen Spektakel steckt.

Als Abschiedsvorstellung Paul Walkers kann der Film punkten, denn erneut spielt er sich mit seinem Buddy Vin Diesel die Bälle zu, während Ludacris, Tyrese Gibson, Michelle Rodriguez, Dwayne ‘The Rock‘ Johnson und Elsa Pataky in ihren gewohnten Rollen aufgehen. In Sachen Neuzugänge zieht sich Djimon Hounsou als Terrorcheffe ähnlich solide aus der Affäre wie Nathalie Emmanuel, aber so richtig Akzente setzen zwei andere Newcomer. Zum einen Kurt Russell, der selbst in der eigentlich eher sekundären Auftraggeberrolle noch sein Charisma unterzubringen weiß, zum anderen Jason Statham. Der legt seinen Schurken als ultimativen Bad Ass an, der selbst für die geballte Muskelkraft von Toretto und Hobbs eine Gefahr darstellt, im Alleingang ganze Armeen besiegt und dabei immer noch eine eiskalte Coolness hat. Das ist zwar reichlich comichaft, passt aber damit wunderbar zum Over-the-Top-Charakter der Reihe.
So muss man dann es wohl als Schwäche des Drehbuchs akzeptieren, dass so ein Super-Bad-Ass wie Deckard Shaw (ohne ersichtlichen Grund) immer weiß, wann er mit welcher Ausrüstung wo der F&F-Crew auflauern muss. Auch sonst ist das Location-Hopping nach immer neuen Informationsschnippseln, das unter anderem nach Abu Dhabi führt, weniger ein im klassischen Sinne spannender Plot, sondern eher eine Folie für die Stuntshow, die durch die familiäre Dynamik und die Frotzeleien innerhalb der Crew am Laufen gehalten wird. Gleichzeitig verdeutlicht das Ganze auch den Weg der Reihe: Vom lokal begrenzten Undercoverplot um die Racer-Szene (der auch hier mit ein, zwei Rennszenen Tribut gezollt wird) wurden die Kreise immer größer, sodass es sich im siebten Film gar nicht mehr so absurd anfühlt, dass eine Rasercrew mit Malocherattitüde inzwischen in der Welt der Geheimdienste, Supersöldner und Staragenten als feste Größe mitmischt.

Sofern man also mit den (von der Reihe inzwischen gewohnten) Defiziten in Sachen Glaubwürdigkeit, Story und Frauenbild leben kann, so bekommt auch mit „Furious Seven“ recht knallig-kurzweilige Action, die durch die Dynamik der eingespielten Crew, die gut gecasteten Neuzugänge und vor allem die wahnwitzigen, oft handgemachten Actionszenen für Laune sorgt – besser waren (bisher) nur die Teile 1 und 5. Von mir gibt es 6,5 Punkte für den siebten.

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