„Könnten Sie nicht vorstellen, dass ich vielleicht mit irgendeinem von Ihnen schlafen würde…?“
In, man möge es sich auf der Zunge zergehen lassen, belgisch-französisch-italienisch-schweizerisch-spanischer Koproduktion drehte der spanische Viel- und Billig-Filmer Jess Franco („The Perverse Countess“) zusammen mit seinem Kollegen Julio Pérez Tabernero („Cannibal Terror“) 1975 einen weiteren auf seine Lebenspartnerin, Muse und Exhibitionistin Lina Romay („Entfesselte Begierde“) zugeschnittenen Sexfilm, genauer: eine Sex-Krimi-Komödie. „Heiße Berührungen“ alias „Midnight Party“ alias „Lady Porno“ wurde im Januar 1976 veröffentlicht und im deutschsprachigen Auswertungsraum leider arg verstümmelt, bis die deutsche DVD Abhilfe schuf.
„Mein Kopf is’n Wassereimer!“
Nachtclub-Stripperin und Prostituierte Sylvia (Lina Romay) ist mit einem Musiker (Alain Petit, „Zombie Lake“) liiert, unterhält jedoch auch einen Anwalt (Olivier Mathot, „Das Schiff der gefangenen Frauen“) als Liebhaber und ist kaum einem Schäferstündchen abgeneigt. Auf einer Party betrinkt sie sich und wird zu einem Dreier mit einer vollbusigen Dame eingeladen. Als sie nach der Orgie wieder erwacht, liegen ihre Sexualpartner erstochen neben ihr. Daraufhin lässt Janos Radeck (Jess Franco persönlich) sie entführen und foltern und versucht, ihr die Morde anzuhängen. Zwar kann Sylvia fliehen, doch schließlich wird sie von Radeck K.O. geschlagen und ein großer Unbekannter (Claude Boisson, „Die Sex-Klinik“) kommt in Spiel – unversehens findet Sylvia sich zwischen den Fronten einer Spionage-Affäre wieder…
„Alte Schlampe! Verliert man bei einem Verhör seine Perücke?!“
Lina alias Sylvia räkelt sich auf dem Bett und stellt sich dem Zuschauer vor, indem sie ihn direkt anspricht, ein Klavier klimpert dazu. Die Kamera zoomt dabei immer wieder nach einer Detailaufnahme von ihrer Vagina weg oder extrem auf sie zu. Ausnahms- und angenehmerweise ist sie diesmal komplett rasiert. Fortan führt Lina als Erzählerin durch die Handlung, die abseits ihres Betts stattfindet, jedoch zwischenzeitlich immer wieder auf sie in jenem Setting zurückkommt. Die eigentliche Geschichte beginnt im Nachtclub, wo eine Band spielt, zu der Sylvia strippt und von der Kamera wieder extrem bezoomt wird, auf ihren Po, in ihren Schritt. Der schicksalhafte Dreier schließlich besteht aus sehr expliziten Szenen und führt durch die Entführung direkt zum nächsten, wenn sie sich mit Radecks Gehilfen vergnügt und man sich um den Cunnilingus streitet.
„Wir müssen uns jetzt erst mal auseinandersortieren…“
Anschließend platzt Franco in seiner Rolle als Radeck hinein, doch kurz darauf wird wieder muschigeleckt. Plötzlich jedoch beherrscht Sylvia sowohl Chinesisch als auch Karate und kann so einen Fluchtversuch unternehmen, der sie zu ihrer Affäre, Anwalt Alphonse, führt. Dieser entpuppt sich nun als Detektiv, was Sylvia nicht daran hindert, mit ihm zu schlafen, bevor sie erneut entführt wird. Auf komödiantische Weise geht es eine Weile so weiter, Sylvia hat Sex mit Unbekannten, ihren Lovern und ihren Kunden, u.a. mit einem „Hausmann“, der sie um Haushaltsgeld anbettelt. Diese bizarre Szene sorgt für eine damals sicherlich besonders ungewohnte Umkehrung der Geschlechterrollen und ist somit fast schon progressiv zu nennen. Nach ihrer nächsten Entführung und dem nächsten obligatorischen Dreier macht Radeck kurzen Prozess und bringt die Ohnmächtige zum vermeintlichen Mordopfer Joe, dem „großen Unbekannten“, der eigentlich ein Auslandsspion ist. Dieser möchte Sylvia vergewaltigen, doch selbst an ihm scheint die Nymphe Gefallen zu finden. Da kommt Alphonse dazwischen und erschießt den Missetäter, will jedoch auch Sylvia nach ihrem Leben trachten, denn auch er ist weder Anwalt noch Detektiv, sondern ebenfalls ein böser Spion.
„Ich liebe dich!“ – „Ich dich auch, Scheiße!“
Als ihr Musiker-Freund sie schließlich zu retten versucht, kommt dank der Schusswechsel gegen Ende gar Action-Feeling auf, bevor Lina ganz am Schluss explizit masturbiert. Neben dieser Mischung aus expliziten Szenen sexueller Handlungen an der Grenze zum Hardcore und einer sehr eigenartigen hanebüchenen Kriminalkomödienhandlung, die nicht nur wenig Sinn ergibt, sondern auch arg billig heruntergekurbelt scheint, macht Francos Versuch der Installation einer Meta-Ebene „Heiße Berührungen“ zu etwas Besonderem: In den Zwischensequenzen gibt Lina Romay sich als Schauspielerin zu erkennen und Jess Franco sich gegen Ende als Autor. Eventuell war ihnen bewusst, dass sie ihren Film ohnehin nur schwerlich als einen wie auch immer gearteten Realismus ihrem Publikum verkaufen können und dass er keinen Sog erschafft, der den Zuschauer gefangen nimmt, keine Illusionen erzeugt, die diese Meta-Ebene zerstören würde. „Heiße Berührungen“ wirkt wie eine Mischung aus Laientheater und Fetisch-Rollenspiel. Für viel wahrscheinlicher aber halte ich es, dass auch dieser Film für die aktive Exhibitionistin und den bekennenden Voyeur ein großer Spaß war, auf den man sich als Zuschauer einlassen kann oder eben auch nicht. Das Hauptproblem, das ich mit diesem Film habe, ist dann auch gar nicht sein Ansatz in Sachen Erotik/Sex, auch nicht sein sichtbar geringes Budget, es ist vielmehr sein Humorverständnis auf meist eigentümlich infantilem Niveau in Kombination mit einer schluderigen Alibi-Handlung, der es leider nicht einmal gelingt, eine auch nur halbwegs taugliche Geschichte zu erzählen. Lina-Romay-Fans sind hier an der richtigen Adresse, Franco-Kenner und -Freunde dürften ebenfalls ihren Spaß haben, ich aber danke Lina in erster Linie für die Entdeckung eines Rasierers und dem Schnitt dafür, dass er den Film auch in der Komplettfassung nach 90 Minuten hat enden lassen.