Neben Sergej M. Eisenstein als einflussreichsten Filmtheoretiker und -regisseur ist Andrej A. Tarkowski sicherlich der bedeutendste Filmemacher der ehemaligen UdSSR. Doch während Eisenstein das Kino durch die „Erfindung" der Montage und anderen Stilmitteln revolutionierte, kann man Tarkowskis Werke eher als subversive philosophische Filmkunst verstehen, die sich mit langen Einstellungen deutlich dem Mainstream verwährt. Neben „Solaris" ist „Stalker" - nach der Erzählung „Picknick am Wegesrand" - einer seiner bekanntesten Filme.
Der Film erzählt die Geschichte eines Mannes, genannt „Stalker", der Interessierte gegen Bezahlung in die „Zone" führt. Die „Zone" ist dabei eine rätselhafte Gegend, welche sich in Hinsicht auf die Psyche derer, sie sie betreten, verändert. In der „Zone" existiert „das Zimmer", indem sich die geheimsten und tiefsten Wünsche eines Menschen manifestieren. Der „Stalker" und zwei weitere Männer machen sich auf die ebenso verbotene wie gefährliche Reise, an deren Ende eine andere Erkenntnis steht als die, die sie sich eigentlich erhofften.
Tarkowski interessiert sich dabei wenig für Verständlichkeit, eher erschwert er dem Zuschauer durch lange Einstellungen und an Überlegungen des philosophischen Existenzialismus angelehnte Dialoge den Zugang zu seinem sperrigen, aber poetischen Filmkunstwerk. Die Bildkompositionen zwischen Schwarz-Weiß, sepiafarbenen Einstellungen und blassem Farbfilm sind dabei ein Kunstgriff, der zwar - zumindest für mich - in seiner Intention schwer nachzuvollziehen ist, aber gerade daraus seinen Reiz gewinnt. Tarkowski kontrastiert in „Stalker" dabei die kalte, technisierte und graue Welt der Zukunft mit der rudimentären Ruine der Zivilisation in Form fauliger, aber sich durchsetzender Natur, in der sich die allgegenwärtige Gefahr umso verstörender manifestiert. Die Musikuntermalung zwischen Meditation und Kälte verstärkt dieses unentschlossene Gefühl der Beklemmung. Dabei erhält diese Kafkaeske durch Abstraktion metaphorischen Charakter: Die 3 Protagonisten in der reduzierten Dramaturgie haben keine Namen, sondern besitzen in ihren Bezeichnungen funktionalistischen, fast schon pragmatischen Charakter. Da sind der Stalker, welcher als Führer fungiert sowie ein Professor der Naturwissenschaft und ein zynischer Schriftsteller, welche sich neue Erfahrungen und Freiheiten durch ihre Odyssee ins Ungewisse erhoffen. Das kann man als subversive Parabel auf das autoritäre russische Regime der Sowjetunion ebenso verstehen wie als kritischen Kommentar zur Angst im Menschen. Eines ist jedoch sicher: Auch wenn man lange nicht alles begreift, was uns Tarkowski mit seinem schwermütigen Film „Stalker" vorsetzt: Es bleibt ein faszinierendes Filmkunstwerk.
Fazit: Für Cineasten und Freunde des Programmkinos - aber wahrscheinlich nur für die - ein ruhiges und tiefgründiges, aber sperriges und schwermütiges Meisterwerk mit existenzialistischen Untertönen. Auch wenn man „Stalker" bei einer Länge von über 150 Minuten streckenweise eine gewisse Langatmigkeit und Lethargie vorwerfen kann, so bleibt jedoch eines sicher: Es ist ein großer Film gelungen, dem man getrost das Prädikat „Klassiker" zuweisen kann.