Das Irritierende an "Stalker" ist, daß es nach einem unheimlich spannenden und interessanten Film klingt, wenn man lediglich die Inhaltsangabe liest.
Allerdings kann man dann nicht ahnen, daß man den Inhalt dieses Films gar nicht richtig wiedergeben kann. Es handelt sich nämlich mehr um ein philosophisches Road Movie, wobei das Wort "philosophisch" hier verdammt groß geschrieben werden muß.
Die phantastischen Elemente der Geschichte lesen sich zwar verdammt gut, zu sehen ist im Film jedoch nichts davon. Gegeben ist die Vermutung, daß ein Landstrich in Rußland nach dem Einschlag eines vermutlich kosmischen Körpers zahlreiche Veränderungen durchgemacht hat und nun die Zone genannt wird, ein abgesperrtes Gebiet, daß zahlreiche Fallen und verdrehte Naturgesetze aufweist. Der halbkriminelle Fremdenführer führt dann im Film zwei Personen, einen Physiker und einen Schriftsteller in die Zone, in der es ein Zimmer geben soll, daß die geheimsten Wünsche erfüllen kann.
Liest sich reißerisch, ist es aber nicht. Die Zone präsentiert sich als heruntergekommene Ruinenlandschaft mit Tunneln, zerstörten Häusern, überfluteten Geschossen und wuchernder Wildnis. Obwohl die Männer beim Start ihrer Reise nur knapp 200 Meter vom Zimmer entfernt sind, brauchen sie mehr als anderthalb Stunden Filmzeit für eine Reise von unendlichen Umwegen, da der "gerade Weg" hier nicht funktioniert.
Es gibt in "Stalker" nicht einen einzigen erkennbaren Spezialeffekt. Hier muß man sich alles Phantastische buchstäblich vorstellen, man muß den Angaben des Stalkers glauben, der mittels einer von ihm geworfenen Schraubenmutter (!!!), an der ein Stofffetzen befestigt ist, den Weg absteckt, den man gehen darf.
Das Unglaubliche ist, daß der Film auf dieser Ebene trotzdem funktioniert. Die Ruinenlandschaft ist tatsächlich unheimlich, allein durch die geschilderte und gezeigte Angst des Stalkers forciert. Alles wirkt auf seltsame Art und Weise "fremd", ohne daß man auch nur etwas sieht, daß dieses Gefühl bestärken würde. Stets wartet man auf das Unbegreifbare, harrt darauf, daß etwas passiert, ohne das das geschieht. Obwohl, es geschieht doch etwas.
Der versuchte gerade Weg endet damit, daß einer der Besucher von einer Stimme gewarnt wird, die aus dem Nichts zu kommen scheint. Auch gibt es ein Zeitphänomen, daß nicht geklärt werden kann. In einem Resthaus funktioniert seltsamerweise eine Lampe und ein Telefon klingelt, in einer Halle findet man eine seltsame Dünenlandschaft um einen Brunnen vor. Von der Gefährlichkeit der Zone wird allerdings öfters gesprochen, was das Gefühl noch verstärkt.
Noch unheimlicher ist jedoch der Anblick von Details der Ruinenlandschaft, über die die Kamera in aller Ruhe bisweilen minutenlang zieht: Überreste der Zivilisation in überfluteten Räumen, Trümmer, Spritzen, Scherben, alte Fliesen, Handwerkszeug, Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Und über all dem eine unwirkliche Stille.
Leider wird das zumeist kaputtgemacht durch die philosophische Seite des Films. Es wird bisweilen endlos geredet (man hat bisweilen den Eindruck einer Theateraufführung, so lang sind die Monologe) und zwar über allerlei Themen des Lebens, Einstellungen, Wünsche, Hoffnungen und Enttäuschungen. Dabei ist der Schriftsteller für die Zynik zuständig, während der wortkarge Physiker die Wissenschaft vertritt. Wem das gefällt, schön, wem nicht, der wird hart auf die Probe gestellt, denn das Gerede geht bisweilen über mehrere Minuten auf der Stelle, ohne daß sonst noch etwas passiert, oder es für das Geschehen definitiv wichtig wäre. Das Erreichen des Zimmers endet außerdem noch mit einer ergebnislosen Diskussion.
Ich weiß nicht, was der Film zu leisten imstande gewesen wäre, wenn man ihn ein wenig anders strukturiert hätte, so jedenfalls fällt er auseinander. Für normale Zuschauer mag er über weite Strecken monoton und stinklangweilig sein, andere haben in dem philosophischen Gewirr den Stein der Weisen entdeckt. Für mich bleibts zwiespältig, aber auf jeden Fall, ein Film mit beschränkten Mitteln und großer optischer Wirkung. Die könnten's, die Russen... (6/10)