In seiner recht freien Adaption des Science-Fiction-Romans "Pciknick am Wegesrand" der Brüder Strugazki machte der Regisseur Andrej Tarkowski das Beste, was er hätte machen können: Er begrenzte die Sci-Fi-Komponente aufs Nötigste und legte sein Augenmerk vor allem auf den Gewissensaspekt des Buchs. Anstatt zu versuchen, die Zone aus dem Buch mit geringen Mitteln und Spezialeffekten, die damals ohnehin nicht für eine ordentliche Darstellung des Buchs gereicht hätten, darzestellen, brachte er eine eigene Vision auf die Leinwand, eine, die rein optisch zunächst zwar sehr prüde und "normal" erscheint, unterscheidet die Zone sich doch kaum von einem normalen Wald, dafür aber auf der Wirkungsebene eine Atmosphäre erschafft, welche von kaum einem anderen Film erreicht wird. Tarkowski zeigt uns hier anscheinend nur die wilde, ungebändigte Natur, doch durch seine Inszenierung bekommt diese einen eigenen Charakter, die Zone entwickelt trotz ihrer Bewegungslosigkeit, trotz ihrer Stille ein Eigenleben, eine Faszination, erscheint beängstigend und anziehend zugleich. Sie ist sozudagen die vierte Hauptfigur des Films um drei Männer - einen Wissenschaftler, einen Schriftsteller und einem Stalker, einem "Führer" durch die Zone, welche dort nach einem geheimen Zimmer suchen, welches angeblich die Wünsche desjenigen erfüllt, der es betritt. Doch der Weg durch die Zone ist nicht ungefährlich, man muss ständig Umwege nehmen, ständig auf mögliche Gefahren Acht geben - und auch hier verzichtet der Regisseur darauf, diese auf irgendeine Art und Weise optisch darzustellen, von ihnen wird höchstens mal gesprochen. Doch nicht einmal dies tut der Atmosphäre einen Abbruch, der Film kommt hervorragend ohne jegliche Action oder Spezialeffekte aus, sondern besteht größtenteils aus sehr langen, ruhigen Einstellungen.
Dabei geht es in Wirklichkeit weniger um die Reise in die Zone, diese ist auf der symbolischen Ebene eine Reise der Protagonisten in sich selbst, eine Erfahrung der eigenen Moral, des eigenen Gewissens. Der Film ist ein dialog- und monologlastiger Philosophietrip vor beängstigend-faszinierender Kulisse, eine Studie der menschlichen Seele, des menschlichen Charakters. Das Gerücht, dass das Zimmer nicht die klar ausformulierten Wünsche, sondern nur den tiefsten Wunsch des Menschen erfüllt, einen, den er wahrscheinlich niemals zugeben würde, einen, der in den Augen des Menschen eigentlich nahezu verwerflich erscheint, aber einen, von dem er sich dennoch nicht befreien kann, ist ein großes Hindernis auf dem Weg zum Glück. Die Charaktere unterhalten sich miteinander, diskutieren, streiten sich, und der Zuschauer ist mittendrin, stets dazu aufgerufen, sich eine eigene Meinung zu bilden, sich selbst Gedanken zu machen. Hierbei wird die Zone zu einem Ort der eigenen Gedanken, zur Reflektion des eigenen Selbst. Tarkowski schafft hier einen Film, der nicht nur etwas Fremdes zeigt, sondern den Zuschauer - sofern dieser gewillt ist, sich dem Film zu öffnen - zu sich selbst führt, ihm seine eigene Essenz vorzeigt. "Stalker" blickt nicht nur auf seine Figuren, er blickt durch sie hindurch und geht sogar noch eine Ebene weiter, indem er durch seinen Zuschauer blickt, oder - besser gesagt - den Zuschauer auf sich blicken lässt. Und ganz nebenbei erschafft er auch noch eine ganz neue Welt, die zugleich nah und fern, real und surreal, echt und künstlich, düster und freundlich, fremd und vertraut zu sein scheint. Eine Welt voller Dreck, die dennoch reiner zu sein scheint, eine leere Welt, die trotzdem lebendiger scheint als manch eine andere. Eine Welt, in die man reisen muss, um zu sich selbst zu finden, eine Welt, in der man seine eigene Seele atmet. Eine Welt, die in dem tiefsten Schmutz die reinste Menschlichkeit versteckt. Tarkowski baut hier ein tiefenpsychologisches Monument von epischer Größe, aus einem geheimnisvollen Material, welches im Endeffekt wahrscheinlich der menschliche Geist selbst ist, schafft einen Augenblick der stillen und absoluten Erkenntnis, definiert das Wort "Atmosphäre" für ein und allemal. "Stalker" ist nicht einfach nur die Perfektion eines Films, er leistet weitaus mehr, als ein Film zu leisten hat.