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"Wenn es in unserem Leben keinen Kummer gäbe - besser wäre das nicht. Es wäre sogar schlechter"


"Stalker" ist der letzte Film den Tarkowski in seiner Heimat, mit der er Zeit seines Lebens so verbunden schien, verwirklichen konnte. Die jenseitig-romantische Poesie des Kindes am Ende drückt das wohl auch aus. Und die Chemieabfälle auf welche die Crew bei den Dreharbeiten stieß sollen ja ebenfalls zu Tarkowskis Krebserkrankung geführt haben. Ein Schicksalswerk in gleich mehrfacher Hinsicht also. Wie kann so ein Film eigentlich ausgehalten werden? Mehr noch: wie kann ein Film in dem es fast ausschließlich um selbstkritische Reflexion statt Tschinnbumm geht, wo Kitsch höchstens wortwörtlich am Strassenrand zu sehen ist, so tief in ein kollektives Gedächtnis eindringen wie es hierbei zu vermuten ist. Überhaupt so populär bei vermeintlich tumben Massen werden?
Denn obwohl sich der Film visuell ständig wiederholt dürfte es eines der stärksten und wahrscheinlich auch einflussreichsten Werke der Filmgeschichte geblieben sein: vergleichbar höchstens mit den "Sieben Samurai", sowie den beiden Amifilmen "Blade Runner" und "Aliens". Um Außerirdische als Auslöser wie in der Vorlage geht es darin wirklich nicht, weshalb der Regisseur die Strugatzkis auch immer anders angeleitet haben wird. Dem Regisseur interessierten solche Dinge offensichtlich nicht.
Der "Stalker" des Films ist dafür ein Besessener welcher zwei auf ihre jeweilige Art äußerst weltliche Typen, einen desillusionierten Wissenschafter und einen hedonistisch-zynischen Schrifsteller, zum Glauben hinführen will, und dabei naturgemäß es auch in Kauf nimmt Frau und Kind im Stich zu lassen. Gewissermaßen ein verheirateter Missionar, nicht gerade weise. Sein Weg führt in die "Zone", die irgendein kosmisches Ereignis zu einem verbotenen Ort hat werden lassen. Doch darin gibt es etwas Wertvolles zu suchen, gerade für die welche keine Werte mehr sonst finden könnten.
Das Goldersuchermotiv der "Zone" dreht der Film auch schnell um zu einer Reise in Innenleben - nur ein Zimmer als Ort der Verheißung geheimster Wünsche bleibt bis kurz vor Schluss als ein "Stalker" durchziehendes fantastisches Bild bestehen.
Anfangs mag die scheinbare Dystopie erstaunen welche dieser sowjetische Film zu seiner Zeit (die relativ verschlossenen späten Siebziger) vermeintlich doch noch entwerfen durfte. Das Militär welches auf die Reisenden zunächst schießt entpuppt sich im Rückblick jedoch eher als diese (vor sich selbst) bewahrend: die Zone ist schließlich ein gefährlicher Ort, vor allem ein gefährlicher Ort der Erkenntnis.

Wofür in Amerika über ein Jahrhundert an der Mythologie eines Wilden Vorherigen gewerkelt wurde brauchte es offenbar nur Tarkowskis Imagination und diesen Film: eine Mythologie suchender Menschen die durch hohes Gras laufen, begleitet von vor sich hinrostenden Maschinen die ihrerseits einen gewissen Animismus ausstrahlen, aber in erster Linie die Architektur verfallener Industriebauten in die Wasser eingebrochen ist. Natur und Kultur, Menschen zwischen moderner Zivilisation und aufgegebener Wildnis.
Tatsächlich scheint die Zone wie für diese Menschen hergerichtet zu sein - nur auf sie wartend. Bloß damit sie sie begehen können: fast wie ein dunkler Spielplatz zu Lebensenden hin. Die Legenden um das Tunguska-Ereignis von 1908 mögen eine Grundlage dafür schon gebildet haben. Und tatsächlich nahmen unzählige Videospiele die Anlage von Raum des Films, ob absichtlich oder nicht, noch Jahrzehnte später wieder auf. Kein "Portal" ohne diesen Film. Selbst andere US-Titel wie das indizierte "Singularity" bauen auf die Introspektive eines Endzeit-Brutalismus auf welche dieser Film vorgegeben zu haben scheint. Auch jüngere dystopische Literatur (Glukhovsky) wird durch die Tschernobyl-Katastrophe von 1986 damit schließlich noch befeuert worden sein: und diese Mythologie passt natürlich auch mit der russischen Seele und ihrer stereotypen Lust am Leiden gar blendend zusammen.

Rating 9.5

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