Es gibt nur sehr wenige Romanverfilmungen, die die Qualität des literarischen Originals noch übertreffen. "Stalker" ist ein Beispiel dafür, obwohl der Roman "Picknick am Wegesrand" der Brüder Strugazki, der dem Drehbuch zugrunde liegt, als spannender, dystopischer Scifi-Roman mit gesellschaftskritischen Untertönen sehr wohl lesenswert ist - übrigens gerade auch für diejenigen, die den Film schon kennen.
Viele Jahren früher ist ein nicht näher definierter Himmelskörper - ein Raumschiff? Ein Meteor? - auf die Erde gestürzt: in ein Gebiet, das seitdem "die Zone" genannt wird. Dort ist nichts mehr so, wie es sein sollte: für die Menschheit bisher unerklärliche, physikalische oder chemische Erscheinungen, Gegenstände mit magisch anmutenden Eigenschaften und überall lauernde, unbekannte Gefahren für Leib und Leben machen die Zone zu einem strikt gemiedenen, hermetisch abgeriegelten Gebiet. Der "Stalker" (außerordentlich authentisch verkörpert durch Alexander Kaidanowski) ist eine Art Outlaw: einer von wenigen, die gegen strengstes Verbot und unter akuter Lebensgefahr einzelne Menschen in dieses Gebiet führen, wobei die Gefahren durch das Gewehrfeuer der Grenzwachen noch die geringsten sind.
Das ist der einzige Lebenssinn des Stalkers, der ansonsten mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind, das selbst auf rätselhafte Weise durch den Einfluss der Zone verändert ist, ein sehr bescheidenes Leben am Rande der Gesellschaft führt. Der Stalker sucht mit seinen Begleitern nach einem sagenumwitterten Ort in der Zone, an dem angeblich die tiefsten Wünsche jedes Menschen, der dorthin gelangt, in Erfüllung gehen sollen. Den komplizierten, verschlungenen Weg da hin markiert er mit Schraubenmuttern, an die er kleine Stofffetzen gebunden hat: indem er sie vorauswirft, sichert er sich und seine Begleiter vor den überall in der Zone lauernden Schwerkraft-Anomalien ab, die einen Menschen ohne sichtbare Vorwarnung zerreißen können - eine der unzähligen, tödlichen Gefahren der Zone.
Während der Roman die Zone über einen längeren Zeitraum hinweg in das gesellschaftliche Umfeld einbindet, beobachtet und die Interaktionen mit den Menschen analysiert, greift der Film davon nur eine Episode heraus: eine einzelne Exkursion in die Zone, die der Stalker mit einem Schriftsteller, der nach Intuition für sein literarisches Schaffen sucht, und mit einem Physiker, der dort wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen will, unternimmt. Eine Frau, die wohl eher um des bloßen Sensationskitzels wegen mitmachen will, läßt der Stalker schon im Vorfeld kurz und bündig als ungeeignet abblitzen.
Diese Episode einer einzelnen Exkursion in die Zone - im Roman allenfalls beiläufig mit wenigen Worten erwähnt - breitet der Film zu einem zweieinhalbstündigen Epos aus. Aber ganz anders, als man nach der Lektüre des Romans vielleicht erwarten würde, machte der legendäre, russische Meisterregisseur Andrej Tarkovskij keinen mit Filmtricks überladenen Action-Thriller daraus, sondern eine stille, mit ruhigen Bildern und intensiven Dialogen illustrierte Reise ins Innere der drei Protagonisten: in ihre Assoziationen, ihre Motive, ihre Ängste, Hoffnungen und Zweifel - letztlich wird hier die Suche nach dem magischen Ort zu einer Suche nach dem Sinn des Lebens. Die drei Männer finden am Ende zwar den Ort, aber nicht den Sinn - soviel kann hier verraten werden, ohne dem Film seine Pointe zu nehmen; denn das eigentliche Thema dieses Films ist ohnehin nicht das sagenumwobene Zimmer der Wünsche, sondern der Weg dahin.
Wie immer, wenn es um die letzten, philosophischen Fragen geht, bleiben die Antworten im Verborgenen; dafür tun sich mit jeder intensiv betrachteten Frage immer weitere Fragen auf. Der Film "Stalker" unterhält nicht, belehrt nicht, gibt keine Antworten - er wirft Fragen auf und regt zu eigenem Nachdenken an. Dazu kann man dieses Meisterwerk trotz der epischen Länge sogar durchaus mit Gewinn und ohne jede Langeweile mehrmals ansehen. Es ergeben sich dabei immer wieder neue Aspekte.
Für mich ist "Stalker" eines von ganz wenigen, wirklich großen Filmkunstwerken: auf gleicher Höhe mit Filmen wie "Alexis Zorbas", "Fitzcarraldo" und "Apocalypse Now".