Review
von Alex Kiensch
Am Anfang des 20. Jahrhunderts ereignete sich in den unbewohnten Weiten der sibirischen Steppe eine ebenso gewaltige wie rätselhafte Katastrophe: Eine Explosion verwüstete mehrere tausend Quadratkilometer Wald und Wiese. Bis heute liegt die Ursache im Dunkeln: Es wurden keine Spuren eines Meteoriteneinschlages entdeckt und auch die damalige Waffentechnik war bei weitem nicht zu einer solchen Zerstörungskraft fähig. Somit gehört die Explosion in der Taiga neben dem Bermuda-Dreieck und den Ufo-Sichtungen zu den größten Mysterien der Moderne.
Das russische Regie-Genie Andrej Tarkowskij inszenierte auf der Grundlage dieses Ereignisses (das übrigens auch das gleichnamige Computerspiel inspirierte) einen der intensivsten Kunstfilme aller Zeiten: "Stalker". In seiner Version der Katastrophe wird das Gebiet der Explosion von Militärs abgeriegelt und jeglicher Zutritt verwehrt. Dennoch gibt es so genannte Stalker, die für viel Geld Interessierte in die verbotene Zone schleusen. Doch die Zone führt ein geheimnisvolles Eigenleben, das jeden Schritt eines Besuchers zu einem lebensgefährlichen Prozess macht.
In ungeheuer strengen, stilisierten Bildern, die eine apokalyptische Endwelt entwerfen, in der es nur Matsch, Regen und Schrott gibt, entwickelt der Film gleich von Beginn an eine extrem fesselnde Intensität. Mithilfe der meist statischen Kamera und einem raffinierten Spiel zwischen dreckigem Schwarz-Weiß und blassen Farbtönen, in denen die Bilder gehalten werden, zieht Tarkowskij den Zuschauer in einen regelrechten Trancezustand, in dem die Gesetze der Physik und der rationalen Welt langsam, Stück für Stück, zugrunde gehen und einer geheimnisvollen, nie greifbaren Wirklichkeit Platz machen. Er verzichtet auf solche Grobheiten wie Schockeffekte oder gar Monster - und dennoch entwickelt der Film eine ungeheure, kaum erträgliche Spannung, die durch die gespenstischen Aufnahmen einer verlassenen Welt und ständig wiederholte, unheimliche Andeutungen des Stalkers erzeugt wird. Mit seiner Atmosphäre der Angst und Bedrohung ist "Stalker" gruseliger als so manch ein Horrorfilm.
Dabei ist die Reise in die Zone zugleich eine Reise in die innere Welt der Protagonisten - die Langsamkeit, mit der diese Entwicklung aufgezeigt wird, dürfte ihren Teil zur verstörenden Kraft des Films beitragen. Worum es Tarkowskij hier tatsächlich geht, erschließt sich erst am Ende. Und auch hier bleibt noch sehr viel Raum für eigene Interpretationen. Allzu schwer entschlüsselbar wirkt die schier allgegenwärtige Symbolik noch so kleiner Gegenstände und scheinbar unwichtiger Situationen. Die exzellente Kameraführung und morbid-konfuse Monologe machen es dem Zuschauer nicht gerade einfach. Doch auch wenn "Stalker" nicht ganz die formale Genialität von Tarkowskijs "Der Spiegel" erreicht, lohnt sich die Mühe: Wer sich darauf einlässt, versinkt in einer beängstigenden Welt ohne Hoffnung, die jedoch in ungemein kunstvollen Bildkompositionen entworfen wird und sich problemlos mit den großen Meisterwerken eines Ingmar Bergman messen könnte.