Viel Trubel gab es in jüngerer Zeit um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes: Diverse Hörspielreihen wurden konzipiert, es folgten actionreiche Kinofilme und in Form der Serie "Sherlock" bekamen die Geschichten eine Frischzellenkur. Eine gänzlich andere Herangehensweise vertritt Regisseur Bill Condon, der den Ermittler von einer ganz neuen Seite präsentiert.
1947: Sherlock Holmes (Ian McKellen) ist mittlerweile 93 Jahre alt und hat sich auf ein Landhaus in Sussex zurückgezogen, in dem er mit Haushälterin Mrs. Munro (Laura Linney) und deren elfjährigen Sohn Roger (Milo Parker) lebt und hobbymäßig Bienen züchtet. An seinen letzten Fall, welcher dreißig Jahre zurück liegt, kann er sich nur noch bruchstückhaft erinnern, denn allmählich setzt sich bei dem einst so intensiv arbeitenden Gehirn Altersdemenz durch...
Tatsächlich kommt der Streifen eher wie ein Drama, denn als Krimi daher, obgleich zwei Fälle rekapituliert werden und immer mal wieder der analytische Scharfsinn von Holmes durchschimmert. Zwischen Melancholie und vager Verzweiflung entdeckt Holmes in Roger Parallelen zu seinen Anfängen und entdeckt gleichermaßen eine emotionale Seite an sich, welche er Zeit seines Lebens ausblendete.
Das lässt die Erzählung zwar nur selten spannend, meistens jedoch überaus sympathisch erscheinen, denn eine Legende wird sanft dekonstruiert und stets mit einem leichten Augenzwinkern versehen, denn den berühmten Hut habe er nie getragen und zu keiner Zeit Pfeife geraucht. Spätestens, als er sein letztes Abenteuer im Kinosessel betrachtet, wird die Ironie unübersehbar.
Gemäß des Alters der Hauptfigur geht es zuweilen sehr gemächlich, fast schon ein wenig schwerfällig zu. Die tollen Landschaftsaufnahmen in kräftigen Farben und die angenehm zurückhaltende musikalische Untermalung mit gelungenem Hauptthema täuschen nicht darüber hinweg, dass die Rückblenden zweier Fälle kaum Raum zum Miträtseln lassen und lediglich dazu dienen, den augenblicklichen Zustand des Meisterdetektivs zu reflektieren.
Zwischenmenschlich ist das oftmals stark, doch kriminaltechnisch eher enttäuschend.
McKellen ist bei alledem natürlich der Fels in der Brandung und spielt unglaublich nuanciert und variabel, wie man es nicht besser machen kann. Die übrigen Mimen performen mindestens solide und auch die Synchro muss positiv hervorgehoben werden.
Die Ausstattung, besonders die Stadtszenen in London, stechen positiv hervor und nicht zuletzt arbeitet die Maske relativ gut, denn zwischen den Ereignissen liegen teilweise Jahrzehnte.
Ein alternder Holmes, der beinahe an seinem Verstand zweifelt und auf seine letzten Tage noch emotional wird, - Freunde klassisch angelegter Kriminalfälle dürften damit kaum warm werden, Fans der Figur indes schon, denn die Erzählung offenbart recht feinfühlig, dass auch die ganz Großen nicht vor den Folgen des Altwerdens geschützt sind.
7 von 10